Dieter Trzolek öffnet den Giftschrank

»Ich arbeite mit Blutegeln«

Der ehemalige Leverkusener und heutige Kölner Physiotherapeut Dieter Trzolek ist der Guru der Szene. Für unsere Reportage über Schmerzmittel-Konsum sprachen wir mit ihm über Voltarenriegel und Kohlumschläge. Dieter Trzolek öffnet den GiftschrankImago
Heft #91 06/2009
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Dieter Trzolek, wie ist das Schmerzempfinden unter Fußballern?

So wie bei den normalen Menschen auch: Der Eine pflegt seinen Schmerz, ist empfindlicher, der andere robuster, den muss man dann bremsen. Aber es gibt auch Spieler, die tasten sich morgens ab und suchen den Schmerz. Denen sage ich: »Leute, die im Bergwerk arbeiten, können auch nicht jeden Tag zu ihrem Vorgesetzten rennen und sagen: Ich hab Schmerzen.«

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Wenn sich ein Torwart einen Finger bricht, ist das ein Grund für ihn zu klagen?

Davon gehe ich aus, das sind Schmerzen! Der eine geht damit besser um und sagt: »Komm, mach mir da ein Tape drum. Das halte ich aus.« Und der Andere lässt sich auswechseln.

Gibt es auch Fälle, in denen Sie sagen, das muss ein Fußballer aushalten?

Ich laufe selbst jeden Tag, bin auch schon etwas älter und weiß, was man kann und was nicht. Man muss den Spieler vom Schmerz ablenken. Wenn ich mit dem Spieler nach einer Verletzung nur laufen gehe, wartet der förmlich darauf, dass es weh tut. Wenn ich ihm aber einen kleinen Ball zuschmeiße, so dass er sich auf den konzentrieren muss, denkt er nicht an sein Knie oder seinen Fuß. Schmerz ist auch Psychologie. Wenn ich einen Spieler auf der Bank liegen habe, der einen dicken Knöchel hat und ich sage: »Der ist aber dick.«, sagt er: »Hab’ ich auch gesagt.« Wenn ich aber reinkomme und sage, dass es gar nicht so schlimm ist, sagt er: »Wenn du das sagst.«

Ein Physiotherapeut wie Sie ist also immer auch ein bisschen Psychologe.

Natürlich. Wenn man einem 18-Jährigen sagt, er habe einen Muskelfaserriss, dann fällt er schon zusammen, wenn er nur das Wort »Riss« hört. Das muss man dann umgehen.

Wie geht das?

Indem man sagt, dass es ein wenig gezerrt ist. Die Behandlung ändert sich ja ansonsten nicht, nur das Wort »Riss« versetzt die Spieler schon Panik. Es ist ja auch nicht gelogen, sondern man nimmt dem Spieler nur die Angst.

Wie verbreitet sind Schmerzmittel im Profifußball?

In den 70er und 80er Jahren wurde eine Tablette eingeschmissen, und dann ging es raus. Oder es wurde gesagt: »Gib mir noch eine.« Das hat sich geändert, weil die Spieler aufgeklärter sind, die kennen die Nebenwirkungen. Spieler wussten früher gar nicht, was Nebenwirkungen sind.

Bedeutet dies, dass es auch fittere Spieler sind?


Natürlich. Die Spieler heute stellen ihre Diagnose schon auf dem Platz. Jeder Spieler weiß, wenn es hier zieht, kann es nur ein Muskelfaserriss sein. Früher haben sie gesagt: »Kannst du das mal ein bisschen locker machen?«

Bei einem Nicht-Fußballer bedeutet z.B. ein Außenbandriss drei Monate Pause, ein Profi spielt schon kurze Zeit später wieder. Wie geht das?

Früher hat man im Krankenhaus Muskelverletzungen gegipst, Bänderrisse operiert. Das muss man gar nicht. Es gibt Spieler, die sich das Innen- und das Außenband reißen und es gar nicht mitbekommen. Die haben ihre Füße derart getapet, da spielt es gar keine Rolle, wenn eins von drei Bändern gerissen ist. Es tut nur weh, wenn man Kurven läuft.

Wie weh tut denn so etwas?

Es ist unangenehm, aber es ist kein Schmerz, mit dem man nicht leben kann. Wenn man davon ausgeht, dass ein Fußballer sehr, sehr gut bezahlt wird, muss man auch erwarten können, dass er den Schmerz toleriert.

Wonach klassifizieren Sie als Mediziner den Schmerz der Fußballer?

Markus Münch hatte zwei weiche Leisten. Er hat nur freitags trainiert und samstags gespielt. Er wusste, dass er operiert werden muss, hat aber Schmerztabletten genommen und es ausgehalten, weil er wusste, dass nichts passieren kann. Das muss man differenzieren: Ein Spieler mit weichen Leisten hat nur den Schmerz. Ihm kann man erklären, dass es nicht besser, aber auch nicht schlechter werden kann. Aber ein Spieler, der einen Muskelfaserriss hat und zu früh wieder einsteigt, bei dem kann schlimmstenfalls ein Muskel-Bündel reißen.

Ist es heute noch denkbar, dass ein Spieler nur freitags das Abschlusstraining absolviert und samstags aufläuft?


Wenn es eine Granate wäre, könnte ich es mir, wenn es ganz eng wird, vorstellen. Aber wenn man einen großen Kader und einen Spieler hat, der 100 Prozent gesund ist, ist der immer besser, als ein Spieler, der nur 50 Prozent geben kann.

Früher hatten die meisten Kader nur maximal 14 gute Spieler. Wenn dann einer ausfiel, hatte die Mannschaft ein Problem. Toni Schumacher sagt, wenn es keine Schmerzmittel gegeben hätte, hätten manche Teams nur mit acht Leuten gespielt.

Natürlich! Das war ein Ausnahmetorhüter! Zu dem habe ich scherzhaft gesagt, dass wir für ihn die Voltaren am Riegel herstellen, damit er immer abbeißen kann. Aber das ist, wie gesagt, heute anders. Man darf sich auch nicht vom Trainer verrückt machen lassen.

Wie oft gibt es heute noch die Nachfrage nach Aspirin oder ähnlichem?

Die gibt es, natürlich!

Inwieweit können Sie dahingehend einen Missbrauch feststellen.


Es gibt Spieler, die glauben nun mal, wenn sie vor dem Spiel eine Aspirin nehmen, spielen sie besser. Wenn sie das glauben, sollen sie es von mir aus nehmen. Es sind ja keine Medikamente, die nachhaltige Nebenwirkungen hervorrufen oder abhängig machen.

Welche Risiken sind mit Voltaren verbunden?


Da kann nichts passieren. Nur, wenn sie jeden Tag 5 Stück nehmen, kriegen Sie irgendwann Magenprobleme.

Würden Sie Schmerzmittel prophylaktisch verabreichen?

Das kann man gar nicht! Es gibt nichts, was einen nicht vorhandenen Schmerz unterdrückt. Wenn ein Spieler nicht 90 Minuten mit der Mannschaft trainieren kann, spielt er auch nicht.

Gibt es Spieler, die aufgrund ihrer starken Psyche so lange gespielt haben, dass sie ihrem Körper langfristig geschadet haben?

Nein!

Wir fragen, weil Carsten Ramelow sagt, dass er von einer OP zur nächsten ging, ehe er für sich selbst entschied, dass es so nicht mehr weitergeht.

Der Körper meldet sich. Und da kann man als Arzt dem Carsten auch nur helfen, indem man sagt, dass er sein Alter erreicht hat und er aufhören soll. Niemand würde fordern, dass er täglich drei Voltaren nimmt, damit er spielen kann. Das macht der Körper auch gar nicht mit.

Kann man sagen, dass die heutigen Spieler weniger mit Spätschäden zu tun haben werden, als frühere?

Mit Sicherheit! Die Sportmedizin ist heute wesentlich weiter.

Aber der Sport ist heute auch viel athletischer...

Ja, aber es gab damals nicht die ausgebildeten Sportärzte, früher nannte sich jeder Sportarzt. Damals bedeutete ein Muskelfaserriss vier Wochen Pause und Gips. Heute fange ich nach dem dritten Tag wieder an, mit dem Spieler zu laufen. Das war früher undenkbar!

Es gibt auch die Möglichkeit, einen Spieler fit zu spritzen. Was heißt das eigentlich genau?

Genau genommen ist der Begriff Quatsch, denn wie soll man jemanden fitspritzen, der nicht laufen kann? Wenn ich einen Spieler behandle, ist da Traumeel drin, ein Naturpräparat gegen Schwellungen und Entzündungen. Man könnte dieses Mittel auch per Tablette einnehmen. Nur wenn man das Naturpräparat lutscht oder schluckt, geht viel über den Darmtrakt verloren. Und bei einer Injektion kann man das Mittel direkt am neuralgischen Ort verabreichen.

Toni Schumacher brach sich vor dem EM-Endspiel 1980 die Mittelhand und spielte unter Betäubung. Wird so was heute noch gemacht?

Nein! Wenn man einen Fuß betäubt, hat der Spieler kein Gefühl mehr im Fuß – wie soll er dann spielen? Wenn man zu einer harten Betäubung greift, kann es sogar passieren, dass der Spieler nicht mal merkt, wenn er einen Ball am Fuß hat.

Wie oft hat ein Profifußballer in seiner Karriere eine Verletzung wie einen Muskelfaserriss?

Faserrisse sind auch eine Sache der Ernährung. Wer sich schlecht ernährt, wird eher muskuläre Probleme bekommen als der, der auf seine Ernährung achtet. Heute gibt es Fast-Food-Ketten und eine Generation, die überwiegend von Cola lebt. Davor muss man Spieler bewahren. Natürlich dürfen die auch mal eine Cola trinken oder einen Hamburger essen, aber wenn das zur Gewohnheit wird, kann ein Mensch keinen Leistungssport betreiben. Ich habe in 32 Jahren Leverkusen keinen Spieler gehabt, der gesagt hat, er verstehe das nicht. Wenn man erklärt, dass, wenn man viel Zucker zu sich nimmt, dem Körper viel Vitamin B entzogen wird und dann sagt, dass ein Sportler Vitamin B braucht, um seine Muskulatur mit Sauerstoff zu versorgen, versteht der Spieler das.

Wie kann man verhindern, dass man sich eine Bänderverletzung zuzieht?


Ich kann vor allem verhindern, dass die Verletzung lange andauert. Zum Beispiel, indem ich dem Gewebe möglichst bald die Flüssigkeit entziehe. Denn Flüssigkeit ist sauer und alles, was sauer ist, greift noch mehr an. Also muss man zusehen, dass der Bluterguss schnell wieder rauskommt. Zu diesem Zweck arbeite ich mit Blutegeln oder mit Kohlumschlägen. 

Was sind das für Umschläge?

Weißkohlumschläge lege ich auf die Verletzung, dann entzieht der Kohl der Schwellung die Flüssigkeit.

Blutegel-Behandlung sind sicher nicht jedermanns Sache.

Ich sage den Spielern, dass es mit Eis und Salben zwei Wochen länger dauert, dann sagt kaum noch einer nein. Aber ich kann mich gut erinnern, dass Paolo Rink, dieser Bär von einem Mann, zusammengeklappt ist, als ich ihm die Blutegel aufsetzte.

Sie sagen: »Schmerzmittel haben Nebenwirkungen, Blutegel nicht«. Warum müssen die Spieler dann noch Schmerzmittel nehmen?

Nicht jeder kann mit Blutegeln umgehen. Außer mir gibt es nur einen Physiotherapeuten in der Bundesliga, der diese Behandlung beherrscht.

Haben sie noch Trainer erlebt, die von Verletzungen nichts wissen wollten? Hennes Weisweiler wollte z.B. mit seinem Physiotherapeuten kein Wort reden...

Ja, solche Typen gab es. Aber es obliegt jedem Mediziner selbst, ob er das
mitmacht. Schließlich bin ich für die Gesundheit der Spieler verantwortlich, wenn das nicht respektiert wird, muss jemand anderes die ganze Sache regeln.

War der Fußball früher härter?

Natürlich. Schauen sie sich Horst Dieter Höttges an, der hat ausschließlich von seiner Härte gelebt. Brutaler war es aber nicht, es ging nur härter zur Sache. Heute gibt es viel mehr Techniker.

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