11.06.2009

Dieter Trzolek öffnet den Giftschrank

»Ich arbeite mit Blutegeln«

Der ehemalige Leverkusener und heutige Kölner Physiotherapeut Dieter Trzolek ist der Guru der Szene. Für unsere Reportage über Schmerzmittel-Konsum sprachen wir mit ihm über Voltarenriegel und Kohlumschläge.

Interview: Tim Jürgens Bild: Imago
Dieter Trzolek, wie ist das Schmerzempfinden unter Fußballern?

So wie bei den normalen Menschen auch: Der Eine pflegt seinen Schmerz, ist empfindlicher, der andere robuster, den muss man dann bremsen. Aber es gibt auch Spieler, die tasten sich morgens ab und suchen den Schmerz. Denen sage ich: »Leute, die im Bergwerk arbeiten, können auch nicht jeden Tag zu ihrem Vorgesetzten rennen und sagen: Ich hab Schmerzen.«



Wenn sich ein Torwart einen Finger bricht, ist das ein Grund für ihn zu klagen?

Davon gehe ich aus, das sind Schmerzen! Der eine geht damit besser um und sagt: »Komm, mach mir da ein Tape drum. Das halte ich aus.« Und der Andere lässt sich auswechseln.

Gibt es auch Fälle, in denen Sie sagen, das muss ein Fußballer aushalten?

Ich laufe selbst jeden Tag, bin auch schon etwas älter und weiß, was man kann und was nicht. Man muss den Spieler vom Schmerz ablenken. Wenn ich mit dem Spieler nach einer Verletzung nur laufen gehe, wartet der förmlich darauf, dass es weh tut. Wenn ich ihm aber einen kleinen Ball zuschmeiße, so dass er sich auf den konzentrieren muss, denkt er nicht an sein Knie oder seinen Fuß. Schmerz ist auch Psychologie. Wenn ich einen Spieler auf der Bank liegen habe, der einen dicken Knöchel hat und ich sage: »Der ist aber dick.«, sagt er: »Hab’ ich auch gesagt.« Wenn ich aber reinkomme und sage, dass es gar nicht so schlimm ist, sagt er: »Wenn du das sagst.«

Ein Physiotherapeut wie Sie ist also immer auch ein bisschen Psychologe.

Natürlich. Wenn man einem 18-Jährigen sagt, er habe einen Muskelfaserriss, dann fällt er schon zusammen, wenn er nur das Wort »Riss« hört. Das muss man dann umgehen.

Wie geht das?

Indem man sagt, dass es ein wenig gezerrt ist. Die Behandlung ändert sich ja ansonsten nicht, nur das Wort »Riss« versetzt die Spieler schon Panik. Es ist ja auch nicht gelogen, sondern man nimmt dem Spieler nur die Angst.

Wie verbreitet sind Schmerzmittel im Profifußball?

In den 70er und 80er Jahren wurde eine Tablette eingeschmissen, und dann ging es raus. Oder es wurde gesagt: »Gib mir noch eine.« Das hat sich geändert, weil die Spieler aufgeklärter sind, die kennen die Nebenwirkungen. Spieler wussten früher gar nicht, was Nebenwirkungen sind.

Bedeutet dies, dass es auch fittere Spieler sind?


Natürlich. Die Spieler heute stellen ihre Diagnose schon auf dem Platz. Jeder Spieler weiß, wenn es hier zieht, kann es nur ein Muskelfaserriss sein. Früher haben sie gesagt: »Kannst du das mal ein bisschen locker machen?«

Bei einem Nicht-Fußballer bedeutet z.B. ein Außenbandriss drei Monate Pause, ein Profi spielt schon kurze Zeit später wieder. Wie geht das?

Früher hat man im Krankenhaus Muskelverletzungen gegipst, Bänderrisse operiert. Das muss man gar nicht. Es gibt Spieler, die sich das Innen- und das Außenband reißen und es gar nicht mitbekommen. Die haben ihre Füße derart getapet, da spielt es gar keine Rolle, wenn eins von drei Bändern gerissen ist. Es tut nur weh, wenn man Kurven läuft.

Wie weh tut denn so etwas?

Es ist unangenehm, aber es ist kein Schmerz, mit dem man nicht leben kann. Wenn man davon ausgeht, dass ein Fußballer sehr, sehr gut bezahlt wird, muss man auch erwarten können, dass er den Schmerz toleriert.

Wonach klassifizieren Sie als Mediziner den Schmerz der Fußballer?

Markus Münch hatte zwei weiche Leisten. Er hat nur freitags trainiert und samstags gespielt. Er wusste, dass er operiert werden muss, hat aber Schmerztabletten genommen und es ausgehalten, weil er wusste, dass nichts passieren kann. Das muss man differenzieren: Ein Spieler mit weichen Leisten hat nur den Schmerz. Ihm kann man erklären, dass es nicht besser, aber auch nicht schlechter werden kann. Aber ein Spieler, der einen Muskelfaserriss hat und zu früh wieder einsteigt, bei dem kann schlimmstenfalls ein Muskel-Bündel reißen.

Ist es heute noch denkbar, dass ein Spieler nur freitags das Abschlusstraining absolviert und samstags aufläuft?


Wenn es eine Granate wäre, könnte ich es mir, wenn es ganz eng wird, vorstellen. Aber wenn man einen großen Kader und einen Spieler hat, der 100 Prozent gesund ist, ist der immer besser, als ein Spieler, der nur 50 Prozent geben kann.

Früher hatten die meisten Kader nur maximal 14 gute Spieler. Wenn dann einer ausfiel, hatte die Mannschaft ein Problem. Toni Schumacher sagt, wenn es keine Schmerzmittel gegeben hätte, hätten manche Teams nur mit acht Leuten gespielt.

Natürlich! Das war ein Ausnahmetorhüter! Zu dem habe ich scherzhaft gesagt, dass wir für ihn die Voltaren am Riegel herstellen, damit er immer abbeißen kann. Aber das ist, wie gesagt, heute anders. Man darf sich auch nicht vom Trainer verrückt machen lassen.

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