09.12.2009

Dieter Schatzschneider über Tattoos und Prügel

»Damals war ich ein Arsch«

Anfang der 80er galt Dieter Schatzschneider als das Stürmer-Ungeheuer der Zukunft. Doch plötzlich erlosch sein Wille. Wie kam das? Ein Gespräch über den inneren Schweinehund, selbstgestochene Tattoos und Ärger mit der Polizei.

Interview: Dirk Gieselmann Bild: imago
Vor welchen Fehlern hat Dr. Schanofske Sie ganz konkret bewahrt?

Ich nenne Ihnen einmal ein Beispiel: Damals gab es diese so genannten Bauherren-Modelle. Die haben einige Kollegen vollkommen ruiniert – bis heute. Auch ich bin zu Dr. Schanofske gelaufen und habe gesagt: „Mensch! Ich will auch so’n Ding haben!“ Dann hat er mir gezeigt, wie die Buden aussehen, was die in Wirklichkeit wert sind und welche Schwierigkeiten ich damit haben würde. Das hat mir die Augen geöffnet.

Gibt es heute noch solche Männer wie Dr. Schanofske?

Na, klar. Ich erlebe ja gerade wieder einen: Martin Kind (Präsident von Hannover 96, Anm. der Red.). Er ist ein großartiger Mensch, der weiß, wie er mit Menschen umzugehen hat. Das ist natürlich einfach für ihn, weil er ganz oben ist. Aber Kind weiß eben, wem er all das zu verdanken hat – seinen Mitarbeitern nämlich. Und so verhält er sich auch.

Sie haben eine Tätowierung – wenn Kind das wüsste!

Ja, und zwar selbst gestochen (lacht)! Das haben wir als Kinder gemacht, mit 13, im Keller. Wir haben die Nadel an der Kerze heiß gemacht und damit die Tinte unter die Haut gestochen. Ich habe zum Glück nur meine Anfangsbuchstaben genommen. Was sich manche meiner Kumpels für Kunstwerke gestochen haben... Das müssen Schmerzen gewesen sein! Brutal!

Haben sich das D und das S bei Ihnen denn nicht entzündet?


Nein! Jetzt nicht lachen (lacht selbst)! Das hatte einer von uns gehört: Der Eigen-Urin soll desinfizieren. Also haben wir das gemacht. Und es hat offenbar geholfen.

Haben Sie die Tätowierung heute noch?


Ja, und ich schäme mich nicht dafür. Die heutigen Tätowierungen finde ich aber größtenteils abscheulich. Das ist nicht mehr meine Welt. Ich bin also, wenn Sie so wollen, konservativ geworden.

Vor drei Jahrzehnten war das nicht abzusehen. Hatten Ihre 96-Kollegen Angst vor einem tätowierten Einsneunzig-Schrank?


Vor mir brauchte keiner Angst zu haben. Aber ich hatte den Ehrgeiz, nach oben zu kommen. Ich habe es immer sehr genossen, wenn ich mir etwas erarbeitet hatte. Ich habe bei 96 als Nummer 25 angefangen, und irgendwann war ich Nummer 1 und Kapitän.

Haben Sie dabei von Ihrer Erfahrung mit dem Recht des Stärkeren profitiert?

Eindeutig! Natürlich nicht im wahrsten Sinne des Wortes, also dass ich da jemanden umgehauen habe. Aber verbal habe ich schon den einen oder anderen verletzt, so dass er auf der Strecke geblieben ist. Ich kam aus keinem wohlhabenden Hause, ich wollte nach oben. Wenn ich heute daran zurückdenke, dann muss ich sagen: Damals war ich ein Arsch. Das muss ich heute zugeben.

Hatten Sie die Gelegenheit, sich zu entschuldigen?

Nein, soweit geht dann meine Liebe doch nicht. Wahrscheinlich hätten die Jungs sich ja genauso verhalten, wenn sie an meiner Stelle gewesen wären.

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