Dieter Schatzschneider über Tattoos und Prügel

»Damals war ich ein Arsch«

Anfang der 80er galt Dieter Schatzschneider als das Stürmer-Ungeheuer der Zukunft. Doch plötzlich erlosch sein Wille. Wie kam das? Ein Gespräch über den inneren Schweinehund, selbstgestochene Tattoos und Ärger mit der Polizei. Dieter Schatzschneider über Tattoos und Prügel

Herr Schatzschneider, Sie sind in Vahrenheide aufgewachsen, einem eher unsympathischen Stadtteil Hannovers.

Ja, Vahrenheide war die Muskelecke (lacht). Das heißt, man brauchte Muskeln, um sich durchzusetzen. Ich habe fast 20 Jahre dort gelebt, und – na ja – mich eben durchgesetzt.

War Ihre Kindheit glücklich?

Oh! (überlegt) Ich will mal so sagen: Es war eine schwierige Kindheit, aber ich glaube, dass das in dem Milieu, aus dem ich komme, durchaus nichts Außergewöhnliches ist. Das, was ich erlebt habe, hat mir bis heute nicht geschadet – ganz im Gegenteil.

Sie benutzen den Begriff »Milieu«. Wodurch war es vor allem geprägt?

Es war vor allem dadurch geprägt, dass man zeigen musste, wer der Stärkere ist. Auf den Straßen von Vahrenheide galt, wenn Sie so wollen, das Recht des Stärkeren. Mich hat diese Prägung in die Bundesliga geführt, einige meiner damaligen Freunde jedoch ins Gefängnis. Es war eine harte Zeit, aber es macht einem vieles leichter, wenn man alles einmal erlebt hat – und nicht bloß aus Büchern weiß.

Hätten Sie selbst auch auf die schiefe Bahn geraten können?

Nicht können – müssen! Wir waren zu Hause zu dritt, mein Vater mein Bruder und ich. Mein Bruder war genauso ein Rabauke wie ich, und es hat lange gedauert, bis mir mal jemand ohne Gewalt, ganz in Ruhe erklärt hat, wie die Dinge laufen.

Wie alt waren Sie, als Sie erstmals mit dem Recht des Stärkeren in Berührung kamen?


Mit neun oder zehn Jahren ging es los und dauerte bis zu meiner Lehrzeit. Ich war zwar körperlich gut beieinander, aber es gab dort auch noch ganz andere Kaliber. Ich denke also nicht allzu gern daran zurück.

Immer werden Sie aber nicht den Kürzeren gezogen haben.

Nein, wir haben uns schon in Cliquen zusammengeschlossen und uns dann auch unsere Opfer ausgeguckt. Zum Beispiel mussten die Gymnasiasten jeden Tag an unserer Hauptschule vorbei – und das war für die wie ein Spießrutenlauf. Die haben wir vom Fahrrad geholt... (zögert) Mein Gott, ich könnte mich heute noch dafür schämen. Schande über uns (lacht)!

Sie waren bald 1,90 Meter groß und hatten ein Kampfgewicht von 90 Kilo. Wer kam bei dieser Statur eigentlich auf die Idee, Ihnen den Spitznamen »Schatz« zu geben?

Ich bin wirklich ein Schatz (lacht)!

Trotzdem: Waren Sie gefürchtet?


Nein, das nicht. Natürlich hatte ich meinen Ruf weg und auch ein paar Jungs um mich herum geschart. Aber es gab ja immer einen, der es besser konnte, der mehr Geld hatte, der mehr Glück hatte – und der kam auch irgendwann und sagte: „So, jetzt zeig’ ich dir mal, wie es andersrum geht!“

Auch die Justiz soll Sie in die Schranken verwiesen haben.


Stimmt, ich gebe es zu. Das war nach einem Spiel mit Hannover 96. Als wir hinterher um die Häuser zogen, kamen wir an einem Kranwagen vorbei. Oben im Kran stand ein Arbeiter, der die Straßenbahn-Leitungen reparierte, und der hat mich beleidigt. Dann hab ich gesagt: „Pass auf, den hol’ ich runter.“ Es knallte nur zweimal, damit war die Sache erledigt.

Für die Polizei jedoch nicht.


Nein, leider nicht! Als wir in der Disco waren, kam auf einmal die Polizei rein und sagte: „Mensch, Schatzschneider, die Personenbeschreibung, die wir hier haben, die passt genau auf dich!“ Ich habe nur geantwortet: »Ich weiß gar nicht, was los ist!« Auf dem Polizeirevier habe ich die Anschuldigungen weiter abgestritten, bis plötzlich ein Tross von 20 Zeugen hereinkam und alle riefen: »Da hinten! Das ist er!« (lacht) Da war ich natürlich geliefert.

Das hätte zu einem so frühen Zeitpunkt das Ende Ihrer Karriere bedeuten können.

Ja, wenn Dr. Schanofske, der mittlerweile leider verstorbene Schatzmeister von Hannover 96, nicht gewesen wäre. Er war ein fürsorglicher Mensch, ein väterlicher Freund, der versucht hat, mich in die richtigen Bahnen zu lenken. Und das ist ihm nach und nach auch gelungen. Wenn ich heute erzähle, dass ich damals bei 96 für 2000 DM gespielt habe – das glaubt mir ja keiner mehr! Aber abgesehen davon, dass ich ein höheres Gehalt auch gar nicht verkraftet hätte: Ich habe gern auf das große Geld verzichtet, weil auch in mein Inneres investiert wurde.

Vor welchen Fehlern hat Dr. Schanofske Sie ganz konkret bewahrt?

Ich nenne Ihnen einmal ein Beispiel: Damals gab es diese so genannten Bauherren-Modelle. Die haben einige Kollegen vollkommen ruiniert – bis heute. Auch ich bin zu Dr. Schanofske gelaufen und habe gesagt: „Mensch! Ich will auch so’n Ding haben!“ Dann hat er mir gezeigt, wie die Buden aussehen, was die in Wirklichkeit wert sind und welche Schwierigkeiten ich damit haben würde. Das hat mir die Augen geöffnet.

Gibt es heute noch solche Männer wie Dr. Schanofske?

Na, klar. Ich erlebe ja gerade wieder einen: Martin Kind (Präsident von Hannover 96, Anm. der Red.). Er ist ein großartiger Mensch, der weiß, wie er mit Menschen umzugehen hat. Das ist natürlich einfach für ihn, weil er ganz oben ist. Aber Kind weiß eben, wem er all das zu verdanken hat – seinen Mitarbeitern nämlich. Und so verhält er sich auch.

Sie haben eine Tätowierung – wenn Kind das wüsste!

Ja, und zwar selbst gestochen (lacht)! Das haben wir als Kinder gemacht, mit 13, im Keller. Wir haben die Nadel an der Kerze heiß gemacht und damit die Tinte unter die Haut gestochen. Ich habe zum Glück nur meine Anfangsbuchstaben genommen. Was sich manche meiner Kumpels für Kunstwerke gestochen haben... Das müssen Schmerzen gewesen sein! Brutal!

Haben sich das D und das S bei Ihnen denn nicht entzündet?


Nein! Jetzt nicht lachen (lacht selbst)! Das hatte einer von uns gehört: Der Eigen-Urin soll desinfizieren. Also haben wir das gemacht. Und es hat offenbar geholfen.

Haben Sie die Tätowierung heute noch?


Ja, und ich schäme mich nicht dafür. Die heutigen Tätowierungen finde ich aber größtenteils abscheulich. Das ist nicht mehr meine Welt. Ich bin also, wenn Sie so wollen, konservativ geworden.

Vor drei Jahrzehnten war das nicht abzusehen. Hatten Ihre 96-Kollegen Angst vor einem tätowierten Einsneunzig-Schrank?


Vor mir brauchte keiner Angst zu haben. Aber ich hatte den Ehrgeiz, nach oben zu kommen. Ich habe es immer sehr genossen, wenn ich mir etwas erarbeitet hatte. Ich habe bei 96 als Nummer 25 angefangen, und irgendwann war ich Nummer 1 und Kapitän.

Haben Sie dabei von Ihrer Erfahrung mit dem Recht des Stärkeren profitiert?

Eindeutig! Natürlich nicht im wahrsten Sinne des Wortes, also dass ich da jemanden umgehauen habe. Aber verbal habe ich schon den einen oder anderen verletzt, so dass er auf der Strecke geblieben ist. Ich kam aus keinem wohlhabenden Hause, ich wollte nach oben. Wenn ich heute daran zurückdenke, dann muss ich sagen: Damals war ich ein Arsch. Das muss ich heute zugeben.

Hatten Sie die Gelegenheit, sich zu entschuldigen?

Nein, soweit geht dann meine Liebe doch nicht. Wahrscheinlich hätten die Jungs sich ja genauso verhalten, wenn sie an meiner Stelle gewesen wären.

»Eigentlich ist mein eigener Antrieb gar nicht so stark«, sagten Sie einmal. »Ich muss Autorität spüren. Am besten ist, wenn mir der halbe Schuh von jemandem im Arsch steckt.«

Mit mir zu arbeiten war nicht einfach. Es gab so viele Sabbler und Bla-Bla-Leute. Ich musste meinen Trainer anerkennen können als jemanden, der wirklich mehr zu sagen hat als ich.

Diethelm Ferner war in den ersten Jahren bei Hannover 96 Ihr Trainer. Wie ist er mit Ihnen umgegangen?

Er hat an mich geglaubt. Ich war kein fertiger Spieler, sondern ein Diamant, der geschliffen werden musste. Wenn die anderen schon unter der Dusche standen, hat Ferner mit mir noch Sonderschichten geschoben. Und als ich bei der Bundeswehr war, hat er mich jeden Tag um 17 Uhr abgeholt und mich durch den Wald gejagt – obwohl ich kaputt war wie ein Hund!

Haben Sie ihn dafür gehasst?


Nein, nie! Er hat immer die richtigen Worte gefunden. »Schatzschneider«, hat er zu mir gesagt, »du willst doch nach oben!« Und wenn er das gesagt hatte, dann war der alte Ehrgeiz wieder da und ich konnte noch drei Sprünge mehr machen. Ferner hat immer an mich geglaubt. Darin war er das Gegenteil zu meinem Vater. Der hat es auch nicht böse gemeint, aber wenn er mich schlecht hatte spielen sehen, dann hat er immer gesagt; »Ich habe mit meinen Arbeitskollegen gesprochen. Wir haben für dich schon einen Platz frei am Fließband.« Da bist du schon im Tal bist, die Leute pfeifen schon, und dann bekommst du so einen Spruch!

Dem Pessimismus Ihres Vaters zum Trotz: Sie fanden wieder aus dem Tal heraus. Anfang der 80er Jahre hatten Sie die fantastische Quote von 150 Toren in fünf Spielzeiten und sind immer noch der Rekordtorschütze der zweiten Liga. Was war Ihre Stärke?


Die gleiche Stärke, die ich in Vahrenheide auch schon hatte: Durchsetzungsvermögen. Da konnten die Verteidiger machen, was sie wollten. Ob sie sich an meinen Hals oder an meinen Rücken gehängt haben – ich habe mich durchgesetzt. Wenn ich das Tor machen wollte, habe ich es auch gemacht.

Beim HSV, Ihrer ersten Station in der ersten Liga, ging Ihnen dieses Durchsetzungsvermögen jedoch plötzlich verloren.

Dafür schäme ich mich heute noch. Das war ich nicht! Natürlich war es schwierig, es war verzwickt: Ich hatte zwar viele Tore geschossen, 15 Stück, was beim HSV im ersten Jahr noch kein Stürmer geschafft hat. Aber ich hatte trotzdem null Anerkennung innerhalb der Mannschaft. Horst Hrubesch, mein Vorgänger, war sehr beliebt gewesen, seine Fußstapfen waren riesig. Also bin ich abgehauen, anstatt mich durchzusetzen. Das verzeihe ich mir bis heute nicht.

Nun war Ernst Happel auch ein anderer Typ als Diethelm Ferner, Ihr Förderer.

Happel war der beste Trainer, den ich je hatte – eine absolute Respektperson. Er hat von mir erwartet, dass ich soviel Klasse habe, Hrubesch zu ersetzen, und dass ich selber dafür sorge, dass ich die Anerkennung der Mannschaft bekomme. Aber ich habe nie verstanden, was die Mannschaft eigentlich von mir wollte (lacht)!

Sie schienen vor der Krise auch auf dem sicheren Weg in die Nationalmannschaft zu sein. Ein Länderspiel haben Sie trotzdem nie gemacht.

Damit bin ich im Reinen. Jupp Derwall hatte klar entschieden, dass Rudi Völler sein Mann ist. Und da hat er Recht gehabt! Das muss ich neidlos anerkennen. Rudi war ein ausgezeichneter Spieler und hatte es sich verdient, dass Derwall hinter ihm steht. Diese Erkenntnis habe ich aber erst später gewonnen. Damals war ich natürlich sauer (lacht)!

Vom HSV gingen Sie zu Schalke 04. Da klappte dann so gut wie gar nichts mehr.

Ich hatte die Hoffnung, dass Didi Ferner, der dort als Trainer angefangen hatte, mich noch einmal aufbaut. Aber dann habe ich gemerkt, dass mein persönlicher Abstieg begann – Verletzungen, nicht erkannte Verletzungen, Schmerzen. Hinzu kam, dass es in Schalke keinen Mittelweg gibt: Entweder du bist klasse, oder du bist ein Nichts.

Sie waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal 30 Jahre alt.


Ich hatte den Biss nicht mehr. Und den hätte ich für meine Spielweise gebraucht. Dann war Schicht im Schacht. Also habe ich aufgehört.

Hatten Sie zu lange gegen Ihren inneren Schweinehund angekämpft?

Ich hatte gerade auf Schalke zu viele harte Verletzungen. Bei der ersten Verletzung fängst du bei null an, bei der zweiten schon bei minus 20 und bei der dritten bei minus hundert – musst aber wieder auf plus hundert kommen. Das ist so ein weiter Weg, und irgendwann bist du mürbe.

Vermissen Sie den aktiven Fußball heute?


Nein, überhaupt nicht. Ich bin ja immer noch im Fußball drin. Ich bin ein Super-Fan von 96 und lebe nach wie vor für den Fußball. Ich wäre ja bescheuert, wenn ich mich mit irgendetwas beschäftigen würde, wovon ich keine Ahnung habe!

Erkennt man Sie noch im Stadion?


Die 30- bis 50-Jährigen wissen schon noch, wo sie mich hinpacken müssen. Aber der Fußball ist schnelllebig geworden: Früher hieß der Torjäger Schatzschneider, heute heißt er Hanke. Aber damit habe ich keine Probleme. Ich bin kein Psycho-Typ, der die ständige Bestätigung braucht, dass er mal ein guter Fußballer war.

Vom Vahrenheider Straßenkämpfer zum friedfertigen Pensionär?


In der Tat: Ich habe meinen Frieden gefunden. Das war ein langer Prozess. Ich bin heute absolut glücklich – zwar mit zuviel Gewicht, 140 Kilo sind eindeutig zu viel – aber wirklich absolut glücklich! Ich wüsste nicht, was man mir geben könnte, damit mein Leben noch vollkommener sein könnte.

Haben Sie das dem Fußball zu verdanken?


Ja! Nicht nur aufgrund des Geldes, sondern vor allem auch wegen der Leute, denen ich begegnet bin.

Würden Typen wie Sie und die, denen Sie begegnet sind, in der heutigen Fußballwelt noch ein Bein an die Erde bekommen?


Absolut! Und der Fußball braucht sie auch. Dafür plädiere ich! Wir brauchen keine 08-15-Typen! Der, der um 20 Uhr schlafen geht, der jedes Interview noch mal gegenlesen will, der haut den Ball garantiert nicht in den Winkel. Wenn ich höre, was Sebastian Deisler neulich gesagt hat – dass er in seiner aktiven Zeit nicht die Chance hatte, erwachsen zu werden –, dann kann ich nur sagen: Deisler, wer will das schon? Wenn du es schaffst, mit 70 noch ein Kind zu sein, dann hast du gut gelebt.


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