09.12.2009

Dieter Schatzschneider über Tattoos und Prügel

»Damals war ich ein Arsch«

Anfang der 80er galt Dieter Schatzschneider als das Stürmer-Ungeheuer der Zukunft. Doch plötzlich erlosch sein Wille. Wie kam das? Ein Gespräch über den inneren Schweinehund, selbstgestochene Tattoos und Ärger mit der Polizei.

Interview: Dirk Gieselmann Bild: imago

Herr Schatzschneider, Sie sind in Vahrenheide aufgewachsen, einem eher unsympathischen Stadtteil Hannovers.

Ja, Vahrenheide war die Muskelecke (lacht). Das heißt, man brauchte Muskeln, um sich durchzusetzen. Ich habe fast 20 Jahre dort gelebt, und – na ja – mich eben durchgesetzt.

War Ihre Kindheit glücklich?

Oh! (überlegt) Ich will mal so sagen: Es war eine schwierige Kindheit, aber ich glaube, dass das in dem Milieu, aus dem ich komme, durchaus nichts Außergewöhnliches ist. Das, was ich erlebt habe, hat mir bis heute nicht geschadet – ganz im Gegenteil.

Sie benutzen den Begriff »Milieu«. Wodurch war es vor allem geprägt?

Es war vor allem dadurch geprägt, dass man zeigen musste, wer der Stärkere ist. Auf den Straßen von Vahrenheide galt, wenn Sie so wollen, das Recht des Stärkeren. Mich hat diese Prägung in die Bundesliga geführt, einige meiner damaligen Freunde jedoch ins Gefängnis. Es war eine harte Zeit, aber es macht einem vieles leichter, wenn man alles einmal erlebt hat – und nicht bloß aus Büchern weiß.

Hätten Sie selbst auch auf die schiefe Bahn geraten können?

Nicht können – müssen! Wir waren zu Hause zu dritt, mein Vater mein Bruder und ich. Mein Bruder war genauso ein Rabauke wie ich, und es hat lange gedauert, bis mir mal jemand ohne Gewalt, ganz in Ruhe erklärt hat, wie die Dinge laufen.

Wie alt waren Sie, als Sie erstmals mit dem Recht des Stärkeren in Berührung kamen?


Mit neun oder zehn Jahren ging es los und dauerte bis zu meiner Lehrzeit. Ich war zwar körperlich gut beieinander, aber es gab dort auch noch ganz andere Kaliber. Ich denke also nicht allzu gern daran zurück.

Immer werden Sie aber nicht den Kürzeren gezogen haben.

Nein, wir haben uns schon in Cliquen zusammengeschlossen und uns dann auch unsere Opfer ausgeguckt. Zum Beispiel mussten die Gymnasiasten jeden Tag an unserer Hauptschule vorbei – und das war für die wie ein Spießrutenlauf. Die haben wir vom Fahrrad geholt... (zögert) Mein Gott, ich könnte mich heute noch dafür schämen. Schande über uns (lacht)!

Sie waren bald 1,90 Meter groß und hatten ein Kampfgewicht von 90 Kilo. Wer kam bei dieser Statur eigentlich auf die Idee, Ihnen den Spitznamen »Schatz« zu geben?

Ich bin wirklich ein Schatz (lacht)!

Trotzdem: Waren Sie gefürchtet?


Nein, das nicht. Natürlich hatte ich meinen Ruf weg und auch ein paar Jungs um mich herum geschart. Aber es gab ja immer einen, der es besser konnte, der mehr Geld hatte, der mehr Glück hatte – und der kam auch irgendwann und sagte: „So, jetzt zeig’ ich dir mal, wie es andersrum geht!“

Auch die Justiz soll Sie in die Schranken verwiesen haben.


Stimmt, ich gebe es zu. Das war nach einem Spiel mit Hannover 96. Als wir hinterher um die Häuser zogen, kamen wir an einem Kranwagen vorbei. Oben im Kran stand ein Arbeiter, der die Straßenbahn-Leitungen reparierte, und der hat mich beleidigt. Dann hab ich gesagt: „Pass auf, den hol’ ich runter.“ Es knallte nur zweimal, damit war die Sache erledigt.

Für die Polizei jedoch nicht.


Nein, leider nicht! Als wir in der Disco waren, kam auf einmal die Polizei rein und sagte: „Mensch, Schatzschneider, die Personenbeschreibung, die wir hier haben, die passt genau auf dich!“ Ich habe nur geantwortet: »Ich weiß gar nicht, was los ist!« Auf dem Polizeirevier habe ich die Anschuldigungen weiter abgestritten, bis plötzlich ein Tross von 20 Zeugen hereinkam und alle riefen: »Da hinten! Das ist er!« (lacht) Da war ich natürlich geliefert.

Das hätte zu einem so frühen Zeitpunkt das Ende Ihrer Karriere bedeuten können.

Ja, wenn Dr. Schanofske, der mittlerweile leider verstorbene Schatzmeister von Hannover 96, nicht gewesen wäre. Er war ein fürsorglicher Mensch, ein väterlicher Freund, der versucht hat, mich in die richtigen Bahnen zu lenken. Und das ist ihm nach und nach auch gelungen. Wenn ich heute erzähle, dass ich damals bei 96 für 2000 DM gespielt habe – das glaubt mir ja keiner mehr! Aber abgesehen davon, dass ich ein höheres Gehalt auch gar nicht verkraftet hätte: Ich habe gern auf das große Geld verzichtet, weil auch in mein Inneres investiert wurde.

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