Dieter Schatzschneider über Noten

»Schatzschneider war scheiße«

Heute werden die Profis in den Zeitungen wieder nach den Zensuren suchen, mit denen die Reporter über sie richten. Mit Dieter Schatzschneider sprachen wir über Sinn und Unsinn dieser Benotung, Wutanfälle und Matthäus' Lobby. Dieter Schatzschneider über NotenImago

Dieter Schatzschneider, welches ist das wichtigste Notensystem für Fußballspieler?

Das überregionale Notensystem, wie es der »Kicker« hat, wird sicher überschätzt. Die großen regionalen Tageszeitungen sind für die Spieler am interessantesten.

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Wie schätzen Sie die öffentliche Wahrnehmung und gleichzeitig den Einfuss dieser Noten ein?

Wenn in der Zeitung stand „Der Schatzschneider war scheiße“, dann war er scheiße. Die Journalisten haben mit diesen Bewertungen alle Macht in ihren Händen.

Sind Sie nach 10 Jahren Profifußball dahinter gekommen, wie solche Bewertungen funktionieren?

Ja, eindeutig! (lacht) Da bin ich auch schon nach einem Jahr hinter gekommen: Es ist ein Geben und Nehmen. Wenn du Interna aus der Mannschaft erzählst, bekommst du auch eine gute Note dafür, obwohl du sie gar nicht verdient hast.

Für Spieler mit einer guten Lobby gab es also nie schlechte Noten?


Ein Spieler wie Lothar Matthäus war natürlich immer Weltklasse - auch wenn er gar nicht gespielt hat. (lacht) Er hat einfach diesen sehr guten Draht zu gewissen Medien. Es ist auch für den Spieler eine Machtfülle, wenn er weiß, dass er mit den Zeitungen gut kann. Ich habe es selbst erlebt: Wenn ein Spieler wie Felix Magath etwas gesagt hat, war das für viele Journalisten gesetzt - da ist so einer wie Schatzschneider schon mal auf der Strecke geblieben.

Kann man sich als Spieler gegen objektiv zu schlechte Noten wehren?

Man kann sich im schlimmsten Fall nur verkaufen: »Pass auf, ich bin jetzt der Oberinformant, dafür will ich aber bitteschön auch bessere Noten«. Das ist der schlechteste Weg. Sieht man sich als Spieler benachteiligt, sollte man den Dialog mit dem eigenen Trainer suchen und mit ihm gemeinsam nach einer Lösung schauen.

Wie sah die gemeinsame Lösung mit Ihrem Trainer Ernst Happel aus, als Sie beim HSV von den Zeitungen gemobbt wurden?

Ernst Happel hat in der ganzen Saison nicht mit mir gesprochen. Aber da gab es ein Spiel in Köln - das weiß ich noch wie heute, und das geht mir auch nicht mehr aus dem Kopf - da habe ich wirklich gut gespielt, und wir haben 4:1 gewonnen. Ich aber bin mit einer Sechs nach Hause gekommen. Montags beim Training kam Happel zu mir, das einzige Mal, und sagte: »Na, haste Ärger mit der Zeitung?« Und als ich was sagen wollte - schwupps - war er schon wieder weg. (lacht)

Also war die Benotung für Sie als Spieler nicht von Interesse?


Ich habe die Noten schon ernst genommen, man guckt ja ganz automatisch. Und ich sage Ihnen, das war wirklich zermürbend. Aber ich habe vorher in Hannover auch die guten Seiten kennengelernt. Und wenn dir in einem Spiel alles gelingt, freust du dich auch auf die Einschätzung der Presse.

Wie oft stimmten diese Einschätzungen mit ihrer Selbsteinschätzung überein?

Ach, lass es ein Drittel gewesen sein, dann war es schon gut.

Herr Schatzschneider, was mussten Sie als Stürmer beispielsweise für eine Zwei tun?

In Hamburg war das von vorneherein unmöglich, da hätte ich zwanzig Tore schießen müssen. (lacht) Und ansonsten würde ich es mal ganz nüchtern reduzieren: Tor gemacht - reicht.

Bekommen Stürmer in der Regel bessere Noten als Verteidiger?


Absolut. Ich habe auch für nicht so gute Spiele eine Eins bekommen. (lacht) Einen Torjäger siehst du manchmal 80 Minuten nicht. Was willst du da auch bewerten? Laufarbeit fand bei mir ja nie statt. Wenn du in der 90. dann das entscheidene Ding machst, und dir der Journalist wohlgesonnen ist, dann bekommst du deine Eins.

Kannte man als Spieler die Notengeber?


Ich kannte sie alle. Ich habe mich in Hamburg ja auch direkt mit ihnen angelegt, sonst wäre es ja nicht immer zu diesem Eklat gekommen. Ich war früher ein Hitzkopf, es war alles drin bei mir: Jede schlechte Note hat mich verrückt gemacht, ich wollte die Reporter schlagen. Von daher war es schon ganz wichtig, Auge um Auge, dass man die Leute zumindest kennt.

Lassen sich Vereins- oder Bundestrainer von den Noten beeinflussen?

Nein. Die Trainer sind die einzigen Objektiven, die wissen, was sie vorher von dir verlangt haben und ob du es umsetzen konntest.

Sind die Bewertungen unter den Spielern ein Thema?


Auf jeden Fall. Jeder hat so seinen speziellen Freund bei der Presse, und da fragt man sich untereinander schon: »Sag mal, kennst du den? Der gibt mir schon wieder ‘ne Vier - dabei habe ich gekeult wie ein Blöder, im Mittelfeld hin und her und so weiter.« Man darf das nicht unterschätzen. Diese Noten sind in Spielerkreisen wirklich etwas ganz, ganz Wichtiges.

Standen Sie mit Ihrem Sturmpartner im ständigen Wettstreit um die bessere Note?

Bei mir gab's das nicht, ich hatte ja alles im Griff früher. Wenn du in fünf Jahren 150 Tore schießst und dann nicht alles im Griff hast, dann hast du irgendetwas falsch gemacht, ist ja logisch. Es gab sicherlich welche, die mir intern die Torjägerkrone abnehmen wollten, aber das ging bei mir natürlich nicht, da war ich der Oberarsch.

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