08.11.2009

Dieter Schatzschneider über Noten

»Schatzschneider war scheiße«

Heute werden die Profis in den Zeitungen wieder nach den Zensuren suchen, mit denen die Reporter über sie richten. Mit Dieter Schatzschneider sprachen wir über Sinn und Unsinn dieser Benotung, Wutanfälle und Matthäus' Lobby.

Interview: 11Freunde Bild: Imago
Dieter Schatzschneider, welches ist das wichtigste Notensystem für Fußballspieler?

Das überregionale Notensystem, wie es der »Kicker« hat, wird sicher überschätzt. Die großen regionalen Tageszeitungen sind für die Spieler am interessantesten.



Wie schätzen Sie die öffentliche Wahrnehmung und gleichzeitig den Einfuss dieser Noten ein?

Wenn in der Zeitung stand „Der Schatzschneider war scheiße“, dann war er scheiße. Die Journalisten haben mit diesen Bewertungen alle Macht in ihren Händen.

Sind Sie nach 10 Jahren Profifußball dahinter gekommen, wie solche Bewertungen funktionieren?

Ja, eindeutig! (lacht) Da bin ich auch schon nach einem Jahr hinter gekommen: Es ist ein Geben und Nehmen. Wenn du Interna aus der Mannschaft erzählst, bekommst du auch eine gute Note dafür, obwohl du sie gar nicht verdient hast.

Für Spieler mit einer guten Lobby gab es also nie schlechte Noten?


Ein Spieler wie Lothar Matthäus war natürlich immer Weltklasse - auch wenn er gar nicht gespielt hat. (lacht) Er hat einfach diesen sehr guten Draht zu gewissen Medien. Es ist auch für den Spieler eine Machtfülle, wenn er weiß, dass er mit den Zeitungen gut kann. Ich habe es selbst erlebt: Wenn ein Spieler wie Felix Magath etwas gesagt hat, war das für viele Journalisten gesetzt - da ist so einer wie Schatzschneider schon mal auf der Strecke geblieben.

Kann man sich als Spieler gegen objektiv zu schlechte Noten wehren?

Man kann sich im schlimmsten Fall nur verkaufen: »Pass auf, ich bin jetzt der Oberinformant, dafür will ich aber bitteschön auch bessere Noten«. Das ist der schlechteste Weg. Sieht man sich als Spieler benachteiligt, sollte man den Dialog mit dem eigenen Trainer suchen und mit ihm gemeinsam nach einer Lösung schauen.

Wie sah die gemeinsame Lösung mit Ihrem Trainer Ernst Happel aus, als Sie beim HSV von den Zeitungen gemobbt wurden?

Ernst Happel hat in der ganzen Saison nicht mit mir gesprochen. Aber da gab es ein Spiel in Köln - das weiß ich noch wie heute, und das geht mir auch nicht mehr aus dem Kopf - da habe ich wirklich gut gespielt, und wir haben 4:1 gewonnen. Ich aber bin mit einer Sechs nach Hause gekommen. Montags beim Training kam Happel zu mir, das einzige Mal, und sagte: »Na, haste Ärger mit der Zeitung?« Und als ich was sagen wollte - schwupps - war er schon wieder weg. (lacht)

Also war die Benotung für Sie als Spieler nicht von Interesse?


Ich habe die Noten schon ernst genommen, man guckt ja ganz automatisch. Und ich sage Ihnen, das war wirklich zermürbend. Aber ich habe vorher in Hannover auch die guten Seiten kennengelernt. Und wenn dir in einem Spiel alles gelingt, freust du dich auch auf die Einschätzung der Presse.

Wie oft stimmten diese Einschätzungen mit ihrer Selbsteinschätzung überein?

Ach, lass es ein Drittel gewesen sein, dann war es schon gut.

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