05.02.2010

Dieter Schatzschneider über die 96-Krise

»Es fehlt ein Verrückter«

In den achtziger Jahren war Hannovers Dieter Schatzschneider einer der gefährlichsten Stürmer Deutschlands. Wir sprachen mit dem heutigen 96-Scout über die Gründe für die derzeitige Krise seines Heimatvereins.

Interview: Lucas Vogelsang Bild: Imago
Herr Schatzschneider, blutet Ihnen derzeit das Herz?  

Meine Gemütslage ist schlecht, das stimmt, weil man eben auch sieht, dass es nicht besser wird, dass sich Woche für Woche nichts verändert.  

Was genau meinen Sie?

Wir haben in Hannover jetzt schon den dritten Trainer in dieser Saison und man hofft immer, dass sich die Mannschaft mit einem neuen Trainer weiterentwickelt. Nur passiert das hier nicht. Das ist der gleiche Stiefel wie immer. Diese Stagnation macht mir Angst.

Wo sehen Sie die Gründe für den Absturz in dieser Saison?

Wir haben im Moment eine Menge Spieler, die entweder ständig verletzt sind oder nicht die Leistung bringen, die man von ihnen erwartet hatte. Der Hauptgrund für die jetzige Lage ist aber der Selbstmord Robert Enkes. Nach Roberts Tod ist die Mannschaft in eine Abwärtsspirale geraten. Da hat sich eine ganz gefährliche Eigendynamik entwickelt.  

Ist Andreas Bergmann letztendlich auch an diesem Schock gescheitert?

In gewissem Sinne schon. Bergmann war ja eigentlich auf einem guten Weg, genau bis zu dem Tag, als Robert sich das Leben genommen hat. Dann musste er plötzlich mit einer Mannschaft arbeiten, der ein bestimmender Faktor, ein herausragender Spieler genommen wurde.

Bisher hat der Trainerwechsel wenig gebracht. Mirko Slomka wirkt bereits so ratlos, wie es Bergmann am Schluss war.

Es ist eine unglaublich schwere Aufgabe, die er hier zu bewältigen hat.Ich denke, dass es für jeden Trainer, ob der jetzt Bergmann, Slomka oder Hitzfeld heißt, schwer ist, mit so einer Mannschaft zu arbeiten.  

Wie lange kann der Tod Robert Enkes noch als Entschuldigung für die Blutleere einzelner Spieler herhalten?  

Es sollte bald aufhören. Und jeder, den man fragt, sagt ja auch, dass die Spieler darüber hinweg seien und dass Enkes Tod keine Rolle mehr spiele. Aber man weiß nicht, was in den Köpfen der Spieler passiert. Und Fakt ist doch, dass diese Mannschaft nach unten gezogen wurde und ihr die Niederlagenserie den Rest gegeben hat. Du spürst einfach, dass bei den Spielern etwas hängen geblieben ist. Und derzeit ist da niemand, der den Schalter wieder umlegt.  

Sie gelten als enger Vertrauter Martin Kinds, übernachten Sie in diesen Tagen öfter bei ihm?

Bei ihm übernachtet habe ich noch nicht, ich weiß auch gar nicht, ob der Gästezimmer hat. Aber wir sprechen im Moment natürlich sehr viel. Erst heute wieder. Das sind dann auch nicht zwei,sondern bestimmt zwanzig oder dreißig Gespräche. Da stehen eben auch zehn Jahre Lebenswerk eines Mannes auf dem Spiel, der es verdient hätte, mit Hannover irgendwann nach oben zu kommen.  

Um nach oben zu kommen, hat Martin Kind hat in den vergangenen Jahren viel Geld in die Hand genommen. Zahlt 96 aktuell nicht auch die Rechung für den Größenwahn der Vergangenheit?  

Das würde ich so nicht sagen und ich würde das auch nicht als Größenwahn bezeichnen. Das Geld wurde eigentlich immer zur rechten Zeit investiert. Es wurden auch nicht die falschen Spieler geholt. Aber die Spieler, die geholt wurden, waren rückblickend überbezahlt. Da wurde teilweise einfach auch zu viel Ablöse gezahlt.  

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