05.12.2007

Dieter Schatzschneider im Interview

„Kuranyi hat Haarprobleme“

Dieter Schatzschneider war ein Sturmtank alter Schule: Schuss, Tor – egal wie. Damit trennen ihn Welten von unserem Titelhelden Thierry Henry – und auch von Kevin Kuranyi, dem er dringend einen Friseurbesuch empfiehlt.

Interview: Dirk Gieselmann Bild: imago
Ist Ihnen mal ein Trick gelungen, den Sie hinterher selbst nicht begriffen haben?

Das weiß ich noch ganz genau: Ich spielte für Fortuna Köln im DFB-Pokal-Halbfinale gegen Borussia Dortmund. Mein Gegenspieler war Rolf Rüssmann, und ich schoss drei Tore. Eins davon war einmalig. Normalerweise schießt von da ja keiner aufs Tor: Hinten rechts am Sechzehner, an der Torauslinie. Der Ball kommt über Rollis Kopf runter, und ich haue ihn irgendwie drauf – entweder treffe ich das Tor, oder ich haue den Flutlichtmast kaputt. Der Ball ging in den Winkel. Hinterher habe ich natürlich behauptet, es sei Absicht gewesen (lacht)!

Das erinnert mich an Marco van Bastens sagenhaftes 2:0 für Holland im EM-Finale 1988 gegen Russland.


Ja, genau! Und soll ich Ihnen was sagen? Der hat das auch nicht mit Absicht gemacht (lacht)!

Früher van Basten, Cantona oder Bergkamp und heute Henry, Ronaldinho oder Eto’o tun Dinge, die die Physik auf den Kopf stellen. Muss ein guter Stürmer auch immer ein Zauberer sein?

Ich denke schon. Zumal Fußball immer mehr zur Unterhaltung wird. Wenn deine Tricks auf dem Platz wirklich reibungslos funktionieren, dann liebt dich das Volk. Gerade bei den modernen Stürmern, die Sie genannt haben, kommt zum Torinstinkt, wie ihn auch Gerd Müller hatte, eine spielerische Klasse und Athletik hinzu – fantastisch! Dafür kommen die Leute ins Stadion.

Besteht dabei nicht die Gefahr, zu ballverliebt zu sein?

Die Quittung bekommen die Jungs dann, wenn es nicht läuft, klar. Aber ich glaube, das ist ihnen wurscht, weil sie genau wissen: Wenn ihnen wieder etwas technisch Hochwertiges gelingt, dann stehen die Fans wieder auf ihren Sitzen. Und wenn sie dann auch noch ein Tor machen, ist es ja schon gar nicht mehr auszuhalten (lacht).

Wie wichtig ist es, dass ein Tor schön ist?


Für mich als Stürmer war es egal. Hauptsache, die Kugel war drin. Heute als Fan freue ich mich natürlich, wenn ein Tor nicht nur fällt, sondern darüber hinaus auch besonders schön ist. Tore, bei denen ich sagen kann: „Boah, das war genial!“ – die wünsche ich mir.

Was zählt in Stürmerkreisen eigentlich die Auszeichnung zum „Tor des Jahres“?

Ich war einmal Zweiter und habe mich nicht darüber geärgert, dass ich nicht gewonnen habe. Es hat ungefähr das gleiche Prestige, wie Torschützenkönig in der A-Jugend zu werden.

Und was gilt es, Torschützenkönig der Bundesliga zu werden?

Das war die große Herausforderung. Aber ich hatte es schwer, die Konkurrenz war groß: Frank Mill, Rudi Völler und wie sie alle heißen. Wir haben uns gegenseitig hochgeschaukelt. Wenn heute einer über zehn Tore kommt, wird er sofort Nationalspieler. Das ist verkehrt!

Mal ehrlich, Herr Schatzschneider...

Ich bin immer ehrlich!

Kann ein Stürmer sich freuen, wenn seine Mannschaft 6:0 gewonnen hat, er selbst aber kein Tor erzielt hat?

Ganz ehrlich?

Bitte!

Freuen schon, aber nicht so richtig (lacht). Dazu war ich zu selbstkritisch. Man hat ja Angst, dass ein anderer auf einmal der Torjäger ist!

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