05.12.2007

Dieter Schatzschneider im Interview

„Kuranyi hat Haarprobleme“

Dieter Schatzschneider war ein Sturmtank alter Schule: Schuss, Tor – egal wie. Damit trennen ihn Welten von unserem Titelhelden Thierry Henry – und auch von Kevin Kuranyi, dem er dringend einen Friseurbesuch empfiehlt.

Interview: Dirk Gieselmann Bild: imago

Dieter Schatzschneider, wer ist Ihrer Meinung nach der beste Stürmer aller Zeiten?

Der beste Stürmer wird immer Gerd Müller bleiben. Er war der perfekte Strafraumstürmer, mit seinen gewaltigen Oberschenkeln, seiner Hebelwirkung. Er war aber – und das wird oft verkannt – auch ein sehr guter Techniker. Wie oft kam Günter Netzer aus dem Mittelfeld und hat den Doppelpass mit Müller gespielt? Man müsste mal sehen, wie viele Scorerpunkte der Bomber hatte. Ich habe keinen Besseren gesehen. Leider konnte ich ihm nicht nacheifern, so sehr ich auch versucht habe, ihm etwas abzuschauen (lacht). Die Bewegungen, die er drauf hatte, waren einmalig.

Wo steht im Vergleich dazu Thierry Henry, der Held unserer aktuellen Titelgeschichte?

Das ist eine schwierige Frage, die man eigentlich nicht beantworten kann. Gerade neulich sah ich in der „Bild“-Zeitung eine Rangliste der besten Stürmer aller Zeiten – aber das ist doch Blödsinn. Über all die Jahre hat es immer wieder fantastische Stürmer gegeben, die jedoch kaum miteinander zu vergleichen sind. (überlegt) Wenn Sie unbedingt ein Antwort von mir hören wollen, dann sage ich: Henry gehört auf jeden Fall zu den besten zwanzig Stürmern aller Zeiten.

Müller war ein Wühler, Henry ist ein pfeilschneller Athlet. Wie würden Sie Ihren persönlichen Stil beschreiben?

Stimmt, Henry lebt von seiner Schnelligkeit und kommt aus dem Mittelfeld. Das lag mir weniger. Ich lauerte im Strafraum und lebte von meinem Durchsetzungsvermögen. Ich musste den Ball erobern und behaupten. Müller hingegen hatte eine so kurze Reaktionszeit, dass er sowieso immer als Erster am Ball war.

Wie wichtig war Ihnen Eleganz?


Ich bin ungefähr so groß wie Thierry Henry. Mit dem Unterschied, dass 1,90 Meter bei mir immer furchtbar aussahen (lacht)! Ich war also nie elegant, aber effektiv. Das hätte eigentlich gereicht. Doch ich muss dazu sagen, dass die Bundesliga ihre Stürmer immer selbst gemacht hat. Eine zeitlang waren große Mittelstürmer wie ich modern, auf einmal wurde ein kleines Schlitzohr wie Frank Mill zum Kult. Seit bei Borussia Dortmund Jan Koller stürmte und nun der FC Bayern Luca Toni geholt hat, ist der Schatzschneider-Typ wieder angesagt. Es ist also eine Frage der Mode.

Hat man als Stürmer ein gewisses Repertoire an Tricks, auf das man situationsbedingt zurückgreift, oder geschieht alles intuitiv?


Bei mir kam alles aus dem Bauch. Einen Mittelstürmer zeichnet aus, dass er auch nach sechs Fehlversuchen noch mal das Gleiche macht – und dann ist der Ball drin. Viele Stürmer von heute lassen schon die Öhrchen hängen, wenn zwei Leute pfeifen. Das ist verkehrt!

Ist also die Psyche für einen Stürmer wichtiger als das technische Rüstzeug?

Absolut! Du brauchst Selbstvertrauen auf einem hohen Niveau. Dann kannst du auch Freitagabend in die Disko gehen und Samstagmittag noch eine Currywurst essen und zwei Liter Cola trinken – und machst trotzdem deine Buden! Dir dieses Selbstvertrauen zu bewahren, auch wenn die Medien auf dich einprügeln, die Fans pfeifen und der Trainer sauer auf dich ist, das ist allerdings der harte Weg.

Ein Stürmer wird mehr an Zahlen gemessen als jeder andere Spieler. Wie geht er damit um, wenn es heißt: „Jetzt ist er schon 951 Minuten ohne Tor“?


Viele zerbrechen daran, selbst ich, als ich bei Schalke 04 das Tor nicht mehr traf. Man setzt sich selbst ab einem gewissen Zeitpunkt unter massiven Druck. Wenn du aber in ein Spiel gehst und sagst: „Heute gebe ich einfach nur mein Bestes“, dann geht mal eine Lusche rein, und der Bann ist gebrochen. Du kannst zehn Fehlpässe spielen – das ist sofort vergessen, wenn du nur einmal die Hütte triffst.

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