Dieter Prestin über Köln-Gladbach

»Petit ist das egal«

Es ist wieder Derby-Zeit in Köln und alle sprechen über ein Thema: Die Sicherheitsvorkehrungen. Da machen wir nicht mit und sprachen dem Kölner-Urgestein Dieter Prestin über Legionäre, Hennes Weisweiler und Lukas Podolski. Dieter Prestin über Köln-Gladbach

Dieter Prestin, was macht das rheinische Derby zwischen Köln und Gladbach für Sie so besonders?

Das Derby ist natürlich eine Traditionsgeschichte und der Konkurrenzkampf zwischen Gladbach und Köln war immer etwas Besonderes. Die ganze Region stand unter Starkstrom. Zu meiner aktiven Zeit in den 70ern waren beide Vereine top, das heißt, man hat in der Regel immer direkt um die Meisterschaft gespielt. Das hat die Massen elektrisiert.

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Hat sich der Derbycharakter mit den Jahren verändert?

Allein durch den sportlichen Nicht-Erfolg beider Mannschaften geht die Tradition immer mehr verloren. Und worauf man hinweisen muss: Früher gab es Spieler, die sich mit solch einer Thematik identifiziert haben. Das war damals bei den Gladbachern genauso wie bei uns, weil in der Regel eine Sprache gesprochen wurde und nicht bis zu zehn verschiedene. Bei uns war es so, ganz egal, ob man zum Bäcker, zum Metzger, ins Kaufhaus, zum Auto waschen ging, es wurde überall über dieses Spiel gesprochen. Im Vorfeld hieß es immer wieder: »Die Gladbacher müsst Ihr weghauen!«

Die Fans waren Ihre Extra-Motivation?


Man hat eben nicht nur über die Medien mitbekommen, dass es ein Derby gibt. Die Fans haben einem das tagtäglich vorgelebt. Ich glaube, das ist der größte Unterschied zu heute: ich habe nichts gegen ausländische Spieler, aber die Identifikation mit den Fans in Bezug auf solche Derbys, die ist ganz einfach nicht mehr vorhanden. Wir sind damals positiv gezwungen worden, uns mit dieser Thematik auseinander zu setzen, da wir auf der Straße ständig darauf angesprochen wurden.

Udo Lattek sagte zuletzt: »Es gibt zu viele Spieler, denen es egal ist, wenn der FC absteigt.« Auch die Tatsache, dass Petit die Partie gegen Mainz, in der er gesperrt fehlte, nur in einer Zusammenfassung gesehen hat, unterstützt diese These.

Man muss klar und deutlich sagen, die Szenerie hat sich verändert. Das heißt: eine Identifikation mit dem Verein, eine Identifikation mit den Fans ist nur noch in seltenen Fällen zu finden. Spieler wie beispielsweise Petit, da muss ich dem Udo mehr als nur recht geben, haben damit generell deutlich weniger zu tun. Es gibt mittlerweile ein Arbeitsverhältnis zwischen dem 1. FC Köln und dem Spieler; der 1. FC Köln zahlt das Gehalt, und der Spieler versucht im Gegenzug dafür Leistung zu erbringen.

Besteht der Derby Gedanke heute nur noch auf der Fanebene?

Bei den Fans ist er natürlich vorhanden, aber auch beim Verein. Für Wolfgang Overath, Michael Meier auf der einen oder für Michael Frontzeck auf der anderen Seite ist es schon noch etwas Besonderes. Die haben all diese Dinge auch noch selbst erlebt. Nur es ist sehr schwer, dieses Besondere auf die Mannschaft zu übertragen, weil es Spielern wie Petit wirklich vollkommen egal ist.

Kann denn nicht jemand wie Lukas Podolski diese Spannung an die Mitspieler weitergeben?


Das kann Spielern helfen, sich überhaupt mit diesem Thema auseinander zu setzen. Wenn zum Beispiel ein Kevin McKenna spielen würde, der sich dann mit dem Gedanken auseinander setzt: »Was ist ein Derby? Was ist das Besondere?« So wie es aktuell ist, ist der Derbycharakter doch nur eine Facette, die außerhalb des Spielfeldes zum Tragen kommt. Vielen Spielern fehlt die innere Verbundenheit mit dem Verein und den Fans.

Sie selbst sind in Hürth geboren und mit 10 Jahren in die Jugendabteilung des FC gekommen.

Wir haben früher als Jungs immer auf der Straße gekickt und ich bin dann gemeinsam mit einem Freund zu einem öffentlichen Training vom FC gefahren. Jupp Röhrig hatte damals die Aufsicht und dann hat man uns mehr oder weniger direkt da behalten. Wir waren damals unglaublich stolz beim FC Köln spielen zu dürfen.

Sie sind 246mal in der Bundesliga aufgelaufen, immer für den 1. FC Köln und waren, wenn man die Jugendmannschaften mitrechnet 23 Jahre lang für diesen Verein aktiv.

Für mich war der FC immer eine persönliche Geschichte. Hürth ist nicht weit weg von Köln, das heißt man war Kölner durch und durch und man ist immer noch Kölner durch und durch. Außerdem war der FC zu dieser Zeit mit Gladbach und Bayern unter den Top 3 Mannschaften in Deutschland. Deswegen kam es für mich nie in Frage, den Verein zu wechseln. In meinen vierzehn Bundesligajahren haben wir zwölfmal am internationalen Wettbewerb teilgenommen und aufgrund der Erfolge unter Franz Kremer haben auch die Gehälter dementsprechend gestimmt.

Gute Argumente...

Es hätte einfach nicht viel Sinn gemacht, zu Eintracht Frankfurt zu wechseln, nur weil man da ein bisschen mehr Geld verdient hätte. Man muss einfach sagen: Wenn man als Kölner beim 1. FC Köln spielen darf, dann ist das etwas ganz Besonderes und dann spielt auch das Geld keine große Rolle. Bei Vertragsverhandlungen war das natürlich wieder etwas anders. Aber in erster Linie sind wir auf den Platz gegangen, um den 1. FC Köln zu repräsentieren. Wir waren stolz.

Rührt die Derbyrivalität zwischen Gladbach und Köln auch vor allem aus dieser Zeit, den 70er Jahren?


Vieles lag an Hennes Weisweiler. Der war damals unser Trainer und hatte vorher jahrelang in Gladbach gewirkt. Für ihn war zum Beispiel das Hinspiel in der Saison 1977/78 ein Spiel auf Leben und Tod. Dementsprechend hat er auch uns motiviert. Ein paar Tage vorher beim Europapokalspiel in Porto hatten wir nicht gerade eine gute Figur abgegeben. Weisweiler war hochgradig sauer und das Spiel gegen Gladbach kam ihm gerade recht, um aus der Mannschaft herauszukitzeln, was es herauszukitzeln gab.

Ist der damalige 5:2 Sieg gegen Gladbach auch ihre persönlich schönste Derby-Erinnerung?

Wir waren in Porto wirklich gescheitert und Hennes Weisweiler war stinksauer. Wer ihn erlebt hat, der weiß, was das bedeutet. Auch in der Bundesliga haben wir vorher nicht weltbewegend gespielt, aber dieser Sieg im Derby hat dann eigentlich auch die ganze Region wachgerüttelt. Und dann ging es wirklich los - bis hin zum Double. Ich behaupte: Auslöser des Doublegewinns war der Sieg in Gladbach. Die zwei Tore, die ich damals geschossen habe, sind auch bei mir eingebrannt.

Auch der weitere Saisonverlauf, war, was die Rivalität zwischen den beiden Vereinen angeht, hochgradig spannend. Es gab am letzten Spieltag ein unglaubliches Fernduell: Gladbach siegte 12:0 gegen Dortmund, aber der FC konnte auch 5:0 gegen St. Pauli gewinnen - und wurde Meister.

Wenn wir damals am letzten Spieltag die Meisterschaft nicht gewonnen hätten, dann wäre einiges passiert. Niemand hat daran geglaubt, dass es in Dortmund mit rechten Dingen zugegangen ist. Ich selbst war leider verletzt und musste mir das Spiel in Köln von der Tribüne aus ansehen. Da habe ich natürlich mitbekommen, wie es bei Gladbach stand. Für mich bleibt es bis heute unverständlich, wie die Gladbacher so schnell so hoch in Führung gehen konnten.

Haben Sie besondere Erinnerungen an eins der anderen Derbys?

Am Beeindruckendsten fand ich immer, dass das Thema schon Wochen vorher hochgekocht wurde. Das nächste Spiel war gar nicht so entscheidend, wenn man in der Woche darauf gegen Gladbach spielte. Wir haben nur leider zu Hause häufig nicht sehr erfolgreich gespielt.

Das ist etwas untertrieben: Keine Mannschaft siegte in Köln so oft wie Gladbach.


Ich wollte es etwas vorsichtiger beschreiben, aber im Endeffekt ist es so. Beide Mannschaften haben oben mitgespielt und wir wollten unseren Zuschauern vor vollem Haus natürlich was bieten. Wir sind dann sehr oft ins offene Messer gerannt, weil die Gladbacher zu der Zeit einen exzellenten Konterfußball gespielt haben. Wir sind leider immer wieder darauf reingefallen. Dafür haben wir das ein oder andere Mal in Gladbach gewonnen.

Zurück zur aktuellen Situation. Es wurden allein 260 Stadionverbote für morgen Abend ausgesprochen, zusätzlich gilt im kompletten Stadionbereich und in den Zügen, die aus Richtung Mönchengladbach kommen, ein striktes Alkoholverbot. Ist es sinnvoll, ein solches Derby auf den Freitagabend zu legen?

Für die Spieler ist es natürlich immer etwas Besonderes, unter Flutlicht zu spielen. Aber unter dem Aspekt der Sicherheitsvorkehrungen halte ich ein Abendspiel für unvernünftig. Tagsüber hat man eine ganz andere Möglichkeit des Zugriffs, der Kontrolle.

Gerade nach den Vorkommnissen am letzten Spieltag wird eigentlich nur noch über die Sicherheitsvorkehrungen im Stadion gesprochen. Kann der Fussball so überhaupt noch im Mittelpunkt stehen?

Natürlich sollte das Spiel das Wichtigste bleiben. Aber wenn ich mir die Fans im Stadion anschaue, dann geht der Trend viel mehr zum Erlebnis, zur Party. Leider ist es so, dass diese Begeisterung relativ selten auf das Spielfeld überschwappt. Wenn man nach einer Viertelstunde 0:1 zurückliegt, beginnt der Kölner Fan oft sich selber zu feiern. Mir persönlich kommt da viel zu wenig von der Mannschaft zurück und dann sind wir wieder beim Thema Legionär.

Wie kann man dem entgegenwirken?

Wir können es aktuell nicht ändern. Ein Ausweg kann nur sein, dass man bei einem möglichen Transfer auf den Charakter des Spielers achtet und gegebenenfalls mehr Wert darauf legt, deutschsprachige Spieler zu bekommen. Oder man versucht den Spielern in Crashkursen die deutsche Sprache beizubringen. Ich weiß, dass das einige Spieler nicht interessiert, aber dann muss man schauen: Sind das wirklich die Spieler, die zum 1. FC Köln passen?

Aber sind Maßnahmen, wie die Ernennung Petits zum stellvertretenden Kapitän, nicht sehr sinnvoll, um ausländische Spieler an einen Verein heranzuführen?

Ich glaube nicht, denn der Kapitän sollte nach wie vor der verlängerte Arm der Mannschaft zu Trainer und Management sein. Wenn ich dann die Binde nur noch trage, um letztendlich die Wahl vorm Spiel durchzuführen, kann das nicht richtig sein. Ein Spieler, der die Sprache nicht beherrscht, kann nur wenig Einfluss nehmen.

Wenn hätten Sie lieber als Kapitän gesehen?

Ich persönlich hätte Lukas Podolski zum Kapitän gemacht. Auch wenn das für ihn noch mehr Verantwortung bedeutet hätte. Aber ich glaube, dass es ein Zeichen gewesen wäre, wie sehr Trainer und Verein hinter Lukas stehen. So bleiben manche Dinge oft nur Lippenbekenntnisse. Allerdings weiß ich nicht, ob es ein Gespräch diesbezüglich gegeben hat und Lukas das Amt abgelehnt hat. Aber so, wie ich es vernommen habe, hätte er das gerne gemacht.

Sportlich geht es in diesem Spiel für beide Mannschaften um viel: Das Tabellenende rückt für die Kölner nach sechs sieglosen Spielen in Folge gefährlich nahe. Auch für die Gladbacher sind die letzten Spiele mit dem 0:3 gegen Dortmund und dem 0:4 gegen Wolfsburg nicht gut gelaufen. Es ist Brisanz in diesem Spiel.

Ich will jetzt nicht davon reden, dass Gladbach ein Abstiegskandidat ist. Aber für den 1. FC Köln ist dieses Spiel extrem wichtig. Wir müssen drei Punkte einfahren. Da ist es vollkommen egal, ob es gegen Gladbach geht. Wir müssen einfach punkten.

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