28.05.2009

Dieter Prestin über die Schmerzen eines Profis

»Ich war abhängig«

Unsere Interviewserie zum Thema »Schmerzmittel« startet mit Dieter Prestin. Der ehemalige FC-Spieler über den täglichen Gang zum Tablettenschrank, künstliche Kniegelenke und Ärzte als Erfüllungsgehilfen.

Interview: Tim Jürgens Bild: Mareike Foecking
Dieter Prestin über die Schmerzen eines Profis
Dieter Prestin, von Beginn Ihrer aktiven Zeit  bis heute wurden Sie ca. 30 Mal operiert. War das Spiel damals insgesamt härter, um nicht zu sagen: brutaler?

Die Zeiten waren anders. Was damals eine gelbe Karte war, ist heute eine dunkelrote, es gab versteckte Prügeleien auf dem Spielfeld und Verteidiger waren daran interessiert, dass Gegner Respekt vor ihnen hatten. Für einen defensiven Spieler gehörte ein gesundes Tackling zum Grundhandwerk.



Geben Sie uns doch mal einen Überblick über Ihre Leidensgeschichte?

Mit 17 hatte ich den ersten Meniskusschaden, noch bevor ich meinen ersten Profi-Vertrag beim 1. FC Köln unterschrieben hatte. Dann hatte ich einen Trümmerbruch im Wadenbein, es ging regelmäßig weiter mit Bandrupturen und Meniskusschäden.

Heute haben Sie zwei künstliche Kniegelenke, zwei versteifte Hand- und ein steifes Sprunggelenk. Spätschäden Ihrer Fußballerkarriere?

Der Grund für meine heutige Situation ist, dass ich oft nicht fit in die Spiele gegangen bin. Wenn ich eine Bandruptur hatte, wurde das getaped und ich habe gespielt, teilweise mit schmerzstillenden Spritzen. Man fängt an, falsch zu belasten und verschlimmert die Beschwerden. Ich habe in dieser Zeit praktisch gar nicht trainiert. Wenn man das mehrere Wochen hintereinander tut, fehlt einem zusätzlich die körperliche Fitness.

Sie haben nicht trainiert und wurden in der Bundesliga eingesetzt?

Ich habe teilweise sechs Wochen nicht trainiert und trotzdem gespielt. Eingesetzt ist vielleicht das falsche Wort, denn ich als Spieler war in diesem Vorgang die treibende Kraft. Ich bin zum Doc gegangen und sagte: »Ich will spielen, was können wir tun?« Ich habe ihn also mehr oder weniger genötigt, mich fit zu spritzen, weil mir das Spiel so wichtig war.

Wie lang währt die Liebe zum Fußball, wo fangen Schmerzen an, unerträglich zu werden?

Ich habe mich nicht nur mit meinen Gelenken so verhalten. Einmal habe ich sechs Wochen mit einem Rippenbruch gespielt. In einem Spiel zog ich mir einen Nasenbeinbruch zu, ließ mich sechs, sieben Minuten auf dem Feld behandeln, man versuchte die Blutung zu stoppen, und in der Halbzeit hat man mich dann mal eben ohne Betäubung genäht. Da gab es keine Maske und ich wusste ganz genau: Nach dem Spiel wird die Nase wieder gerichtet. Ich will damit nicht sagen, dass wir die »Harten« waren, aber wir hatten eine andere Identifikation mit dem Verein und insbesondere den Fans.

Für uns klingt das eher nach modernen Gladiatorenkämpfen?

Wenn ein Europapokalspiel bevorstand, wollte ich das spielen, zur Not auch mit dem Kopf unterm Arm. Ich habe rund 250 Pflichtspiele für den 1. FC Köln gemacht, von denen ich bestimmt 30 oder 40 nur durchgehalten habe, weil ich vorher mit schmerzstillenden Spritzen versorgt worden war.

Waren das Mittel, die heute noch zulässig sind?

Heute ist die Situation anders. Wenn wir damals Schmerzmittel bekommen haben, dann war das nicht meldepflichtig. Wenn heute schmerzhemmende Mittel wie Cortison gespritzt werden, muss das der NADA gemeldet werden.

Das heißt, Sie haben auch 40 Wochen beim Training am Rand gestanden und zugeschaut?

Man kann sich immer irgendwie betätigen. Mit einer Bandverletzung geht man in den Kraftraum, bei Achillessehnenverletzungen wird es heftiger, da musste ich häufiger um sechs aufstehen, damit ich um zehn vernünftig gehen konnte.

Wie wurden Sie von Ärzten beraten?

Die Ärzte hatten einen ganz anderen Status. Sie waren weniger beratend und aufklärend tätig, sondern eher unsere Erfüllungsgehilfen, die uns legitimierten, dass wir sagen konnten: »Gebrochen, egal, ich spiele trotzdem«. Die angeordneten Pausen beschränkten sich sowieso zumeist auf das Training, gespielt hat man trotzdem.

Unter Schmerzen?

In der Regel haben die Schmerzmittel eine Stunde oder etwas länger gehalten, aber man konnte nicht einfach in der Halbzeit nachspritzen. Gegen Ende des Spiels wurden die Schmerzen dann also immer extremer.

Inwieweit wurden zu Ihrer Zeit auch regelmäßig Schmerztabletten eingeworfen?

Gerade wenn es um Gelenkverletzungen geht, um Knorpel und Reizungen, hat man Voltaren genommen. Das wurde später durch Vioxx ersetzt. Aber den konkreten Schmerz hat man nicht mit irgendwelchen Tabletten bekämpft.

Wurden diese Mittel zu Ihrer aktiven Zeit offen in der Kabine konsumiert?

Nicht in der Kabine, aber viele Spieler haben Voltaren damals standardmäßig eingenommen.

Das heißt?

Jeden Tag.

Die Ärzte haben nichts dagegen unternommen?

Wir waren Profis, der Arzt war in aller Regel beim Verein angestellt und er hatte dafür Sorge zu tragen, dass die Jungs am Wochenende spielen können. Hennes Weisweiler war jedes Spiel wichtig, bei dem haben sich viele nicht getraut zu sagen: »Ich kann nicht«. Mir wurden einmal freitags zwei vereiterte, aber noch funktionierende Zehnägel gezogen, und ich habe am Samstag gespielt.

War Ihr damaliger Schmerzmittelgebrauch aus heutiger Sicht eine Form von Doping?

Das kann man so nicht sagen. Denn es ging allein um das Hemmen von Schmerz, nicht um leistungsfördernde Substanzen.

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