25.10.2013

Dieter Kobel über das erste Phantomtor

»Tumultartige Szenen«

Fast auf den Tag genau 35 Jahre vor Stefan Kießlings irregulärem Treffer gegen Hoffenheim erlebte der deutsche Fußball sein erstes Phantomtor. Wir sprachen mit dem Torschützen Dieter Kobel über seinen Treffer, das moralische Dilemma und Parallelen zu Kießling Nicht-Tor.

Interview: Stephan Reich Bild: Imago

Dieter Kobel, Sie sind quasi der Erfinder des Phantomtores in Deutschland. Wie oft klingelte Ihr Telefon seit Stefan Kießlings Treffer am vergangenen Wochenende?
Es haben tatsächlich einige ehemalige Mitspieler angerufen. Aber das war vor Kießlings Phantomtor auch schon so. Und das, obwohl mein Treffer schon 35 Jahre zurückliegt. 
 
Erzählen Sie uns davon.
Es war in der Hinrunde der Saison 1978/79. Ich spielte mit Borussia Neunkirchen in der Zweiten Liga Süd und wir empfingen die Stuttgarter Kickers. Die Kickers spielten um den Aufstieg mit, wir spielten gegen den Abstieg. Beim Stand von 3:3 schoss ich in der Schlussphase aus etwa zwanzig Metern aufs Tor. Der Ball ging rechts am Pfosten vorbei und klatschte an die Haltestange der Tornetze, von wo aus er von hinten auf das Netz kullerte. Rolf Gerstenlauer, der Torwart der Kickers, ging hinter das Tor, um sich den Ball für den Abstoß zu holen. Aber der Schiedsrichter entschied auf Tor.
 
Ein astreines Phantomtor.
Ja. Für die Kickers war das natürlich bitter. Es war ohnehin ein intensives Spiel, das Debüt von Ferdi Keller, ein Ex-Nationalspieler, den wir vom HSV losgeeist hatten. Er hatte die ersten drei Tore erzielt, die Kickers hielten aber beständig dagegen.
 
Wie kam es zu dieser Fehlentscheidung?
Schwer zu sagen. Es waren eine Menge Zuschauer da, für die es von der Tribüne aus wohl so aussah, als sei der Ball drin gewesen. Deswegen hat die ganze Kurve »Tor« geschrien. Vielleicht war der Schiri deswegen irritiert. Aber auch der Linienrichter dachte, dass der Ball drin gewesen sei. So wie vergangene Woche bei Kießlings Tor.
 
Haben Sie gesehen, ob der Ball drin war?
Ich wusste direkt, dass er vorbeigegangen war.
 
Aber der Schiri hat Sie nicht gefragt?
Nein, er hat mich nicht gefragt sondern einfach auf Tor entschieden.
 
Wie verhielten sich die Kickers?
Die waren natürlich stinksauer und haben reklamiert. Es kam zu tumultartigen Szenen, zwei Stuttgarter wurden nach dem Phantomtor noch des Feldes verwiesen, einer wegen Meckerns, einer wegen eines groben Fouls. Wir spielten weiter und brachten das 4:3 über die Zeit.
 
Aber die Strafe folgte.
Ja, nachdem die Kickers Protest eingelegt hatten, wurde das Spiel wiederholt. Es war das erste Mal, dass ein Spiel im deutschen Profifußball wegen einer Fehlentscheidung des Schiedsrichters wiederholt werden musste. Am 23. Dezember spielten wir also wieder gegen die Kickers - und verloren 0:1.
 
Am Saisonende stand der Abstieg. War das Wiederholungsspiel ein Knacks im Saisonverlauf?
Vielleicht, ja. Wir sind aber ohnehin als krasser Außenseiter in die Zweitligasaison gegangen und am Ende hat es eben nicht gereicht. Das Spiel gegen die Kickers war übrigens nicht das einzige, das wiederholt werden musste. Bei unserem 2:1-Sieg gegen Saarbrücken wurde ein Spieler namens Unger von einem Hund gebissen, weshalb der DFB auch dieses Spiel wiederholen ließ. Allerdings gewannen wir gegen Saarbrücken auch im zweiten Anlauf.

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