Dieter Hoeneß über die Wolfsburger Krise

»Dzeko, Dzeko, Dzeko - das ging den Spielern auf den Keks«

Wolfsburgs Manager Dieter Hoeneß über die Misere des VfL Wolfsburg, Pierre Littbarski, eigene Fehler – und das heutige Duell mit seinem Ex-Mitstreiter Lucien Favre, der jetzt Borussia Mönchengladbach trainiert. Dieter Hoeneß über die Wolfsburger Krise

Herr Hoeneß, wann haben Sie denn das letzte Mal mit Lucien Favre gesprochen?

Wir stehen schon seit längerem in losem Kontakt. Er hat mich mehrfach um Rat gefragt und wir haben ein paarmal telefoniert und uns auch getroffen, weil er unbedingt in die Bundesliga zurückkehren wollte.

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Es heißt, er habe mit Ihnen über ein Engagement beim VfL verhandelt. Können Sie das bestätigen?

Nein, das haben wir nicht.

Jetzt heißt Ihr Trainer Pierre Littbarski.

Stimmt. Mit ihm wollen wir den Klassenerhalt schaffen und sind überzeugt, dass es gelingt. Für die Zeit danach suchen wir eine strategische Lösung, und die wird auch nicht Lucien Favre heißen, denn der hat ja gerade in Gladbach unterschrieben.

Am Freitag gibt es ein Wiedersehen. Favre kommt mit Borussia Mönchengladbach nach Wolfsburg. Freuen Sie sich auf das Wiedersehen mit Favre?

Grundsätzlich ja, weil er ein sehr guter Trainer ist. Aber bei diesem Spiel geht es um die Tabelle, nicht um die Rolle von Lucien Favre und unsere gemeinsame Vergangenheit. Und das Spiel entscheiden nicht Pierre Littbarski oder Lucien Favre, sondern 22 Spieler auf dem Platz.

Halten Sie Favre für den richtigen Trainer im Abstiegskampf?

Ich finde es richtig, dass Gladbach ihm einen Zweijahresvertrag gegeben hat. Denn er ist ein Trainer, der etwas aufbauen kann. Offenbar ist er sehr gut vorbereitet auf die Bundesliga, das hat man beim Sieg gegen Schalke am letzten Sonntag gesehen. Er ist neben Pal Csernai der beste Taktiktrainer, den ich je erlebt habe. Aber es hat eben auch bei Hertha BSC eine ganze Zeit gebraucht, bis das die Mannschaft verstanden hat. Ein Feuerwehrmann ist er mit Sicherheit nicht.

Mit Hans Meyer hat Ihnen angeblich ein möglicher Helfer in der Not abgesagt.

Ich habe das auch nur im Videotext gelesen.

Hatten Sie Kontakt zu ihm?

Natürlich, aber das ist schon ein Jahr her und es ging nicht um den VfL Wolfsburg. Offenbar ist er von den Medien angesprochen worden, ob er sich bei uns eine Rolle als Feuerwehrmann vorstellen kann.

Bleibt Littbarski auch, wenn das Spiel gegen Gladbach verloren geht? Oder haben Sie für diesen Fall einen Plan C im Kopf?


Also bitte! In diese Falle werde ich nicht reintappen. Wir schaffen das! Etwas anderes werden Sie von mir nicht hören.

Pierre Littbarski ist eher als Spaßvogel bekannt. In seiner neuen Rolle wirkt er auf einmal sehr ernst. Ist das authentisch?


Unsere Lage ist nun mal sehr ernst. Pierre Littbarski war als Spieler ein Spaßvogel. Den Trainer Littbarski habe ich als sehr akribischen und ernsthaften Mann kennengelernt.

Hat er von Ihnen den Auftrag erhalten, hart durchzugreifen?

Die Mannschaft hat den Wunsch geäußert, dass hier mit mehr Konsequenz vorgegangen und auch knallhart durchgegriffen wird. Unsere Mannschaft hat es leider nicht gelernt, eigenverantwortlich zu arbeiten, und braucht Führung. Sie braucht eng gelegte Leitplanken, in denen sie sich bewegen kann. Es mag sein, dass das noch ein Stück weit ein Relikt aus der Zeit von Felix Magath ist, weil die Mannschaft damals das Ausleben von Eigenverantwortung nicht gelernt hat.

Haben die Spieler auch gefordert, eigene Kollegen wie Alexander Madlung oder Thomas Kahlenberg zu suspendieren?

Sie haben niemanden namentlich genannt. Aber unsere Führungsspieler haben ganz klar gesagt, dass sie den Eindruck haben, dass ein paar nicht zu 100 Prozent bei der Sache sind.

Warum ist es so schwierig, in Wolfsburg einen Teamgeist zu kreieren?

Das Verhältnis der Spieler untereinander ist gut, aber eine Mannschaft braucht auch eine gesunde Konfliktbereitschaft. Bei uns sind nach der Meisterschaft ein paar Spieler ein bisschen bequemer geworden. Es stand nicht mehr der gemeinsame Erfolg im Vordergrund, sondern mehr die Frage, wie man persönlich für sich partizipieren kann. Und dass tragende Spieler wie Edin Dzeko und Zvjezdan Misimovic uns unbedingt verlassen wollten, hat auch nicht unbedingt zum Mannschaftsgefüge beigetragen. Dzeko, Dzeko, das ganze Jahr über immer nur Dzeko – das ging den anderen Spielern irgendwann auch auf den Keks, obwohl er hier höchste Anerkennung genoss.

Im Winter für 15 Millionen Euro sechs neue Spieler zu kaufen, trägt aber auch nicht wirklich zu neuem Teamgeist bei.

Ich bleibe dabei: Ich bin kein Freund von Transfers im Winter. Aber wir haben drei Leistungsträger und zwei Talente abgegeben und mussten das vor allem in der Offensive kompensieren. Ein Spieler, Mbokani, ist auch nur ausgeliehen. Zwei von den sechsen, nämlich Koo und Orozco, sind ebenfalls Talente, die gerade auf dem Markt waren. Und wir haben gute Spieler zu vernünftigen Preisen geholt.

Trotzdem bleibt ständig der Vorwurf im Raum, dass Sie und der VfL Wolfsburg viel Geld für neue Spieler auf den Tisch legen.

Ich versuche in allen Verhandlungen, das Beste für meine Vereine herauszuholen. Wer sich die Mühe macht, meine Transferbilanz der letzten Jahre anzusehen, wird feststellen, dass sie sehr positiv ist. Und wir werden hier in Wolfsburg das Geschäftsjahr erstmals seit Jahren mit einem zweistelligen Millionengewinn abschließen – obwohl es hier noch ein paar Dinge abzutragen galt.

Es gab zuletzt ein paar seltsame Meldungen: Einmal haben Sie Favre in Berlin entlassen – obwohl Sie da schon nicht mehr da waren. Das nächste Mal ist Hertha BSC angeblich unter Ihnen als Manager abgestiegen ...

Tja, das war schon komisch. Und ärgerlich. Es werden dadurch nur Vorurteile genährt. Dabei sind die Fakten ganz leicht zu überprüfen.

Wären Sie zufrieden, wenn der VfL am Saisonende auf Rang 16 steht?

Ich würde alles ab Platz 15 aufwärts sofort nehmen.

Wie reagiert eigentlich der VfL-Hauptsponsor Volkswagen auf die sportliche Misere?

Die sind natürlich genauso unzufrieden wie ich. Aber es besteht ein vertrauensvolles Verhältnis. Wir besprechen unsere Situation und Probleme. Mit Herrn Garcia bin ich fast täglich im Austausch, und auch mit den Herren Osterloh und Grühsem rede ich öfter. Alle Entscheidungen, die wir treffen, werden gemeinsam abgestimmt. Auch die Spielerverpflichtungen und die Trainerfragen.

Müssen Sie um Geduld bitten?

Das muss ich. Aber auch der Volkswagen-Konzern hat ein großes Ziel, nämlich 2018 die Nummer 1 im Automobil-Bau zu sein. Die Entscheider von VW sind es gewohnt, langfristige Strategien zu verfolgen. Aber inzwischen ist es allgemein anerkannt, dass die Situation des VfL Wolfsburg gerade nach der Meisterschaft 2009 zu optimistisch eingeschätzt wurde.

Mit Steve McClaren als Trainer hätte der Umbruch zu lange gedauert?

Keine Frage. Wenn man einen Trainer nach sieben Monaten beurlauben muss, hat man einen Fehler gemacht. Ich habe etwas falsch eingeschätzt: Dass sich Steve McClaren schnell an die Verhältnisse in der Bundesliga gewöhnen kann.

Unter anderem war er es offenbar nicht gewohnt, dass in Deutschland ein Manager an den Mannschaftssitzungen teilnimmt.

Meine früheren Trainer wussten alle, was sie an mir hatten. Da können sie jeden fragen. Natürlich bin ich ein starker Partner, aber eben auch ein verlässlicher. Insbesondere dann, wenn es eng und unangenehm wird.

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