17.11.2008

Dieter Hoeneß im Interview

»Es war ein Geduldsspiel«

Seit elf Jahren ist Dieter Hoeneß der starke Mann beim Hauptstadtklub Hertha BSC. Wir sprachen mit dem Manager über kleine Tiere in der Dusche, Spielertransfers im Hotelzimmer und ein neues Stadion für Berlin.

Interview: Philipp Köster und Jens Kirschneck Bild: Imago
Nach der Karriere haben Sie drei Jahre Pause vom Fußball gemacht.

Für Profis gab es damals nur zwei Alternativen für die Zeit nach der Karriere. Entweder wurden sie Vertreter für Adidas, oder sie bewirtschafteten eine Lottobude. Ich war mir mit Adidas eigentlich schon einig, als ich ein Angebot von Commodore bekam.

Der legendäre Computerhersteller und Werbepartner des FC Bayern, bei dem Sie als PR-Manager anheuerten.


Nein, nicht als PR-Manager. Ich habe als Leiter Sportmarketing gearbeitet, das ist ein großer Unterschied. Im Rückblick war es die beste Vorbereitung auf die Tätigkeit als Manager, weil ich dort gelernt habe, wie Sportmarketing funktioniert. Commodore war damals einer der wichtigsten Sponsoren im Sportbereich, über den FC Bayern hinaus. Wir haben Flushing Meadow gemacht und Wimbledon, aber auch Volleyball und andere Sportarten.

Dann sind Sie in den Fußball zurückgekehrt und wurden Manager beim VfB Stuttgart. Eine Zeit mit Höhen und Tiefen.

Natürlich war der Gewinn der Meisterschaft 1992 ein unglaublich emotionaler Moment, zumal er ja in letzter Minute zustande kam. Ich habe aber in Stuttgart auch das Leid eines Managers erlebt. Das Ausscheiden gegen Leeds United aus der Champions League durch eine falsche Auswechslung war bitter. Nicht nur, dass wir draußen waren, sondern auch die Konsequenzen, die sich daraus ergaben. Hätten wir damals die Gruppenphase erreicht, wären das zehn Millionen Mark zusätzliche Einnahmen gewesen. Das hätte bedeutet, dass wir Matthias Sammer hätten zurückholen können. Spieler trösten sich mit einem Sieg am nächsten Samstag, einem Manager hängt so etwas lange nach.

Wieso sind Sie 1997 zu Hertha BSC gegangen? Der Verein hatte damals ja nicht den besten Ruf.

Hertha hatte eine große Tradition, die Stadt befand sich im Aufbruch. Und der Verein war mir seit jeher sympathisch, was daran lag, dass ich mein erstes Tor im Erwachsenenbereich für den SSV Ulm in einem Freundschaftsspiel gegen die Hertha gemacht hatte. Es war zwar nur der Ehrentreffer zum 1:3, aber so ist das oft im Fußball. Manchmal entscheiden Kleinigkeiten.

Ihre ersten Erfahrungen auf der Hertha-Geschäftsstelle sind längst ein Mythos. Die legendäre Schreibmaschine...

Genau, die Schreibmaschine. Aber ich will die alten Geschichten ja gar nicht noch mal erzählen.

Nur zu.


Es waren schon besondere Erfahrungen. Mein erstes Heimspiel im Olympiastadion war eine Partie vor gerade mal 5700 Zuschauern gegen Carl Zeiss Jena. Auf dem Trainingsgelände hingen in den Kabinen Baureste von der Decke, eigentlich hättest du Bauhelme an die Spieler verteilen müssen. Trainer Jürgen Röber saß in einer kleinen Kabine mit Heizofen. Das Ernüchterndste war allerdings der Blick in die Duschen: kleine Tiere als grüner Film zwischen den Kacheln.

Klingt nicht wirklich vorzeigbar. Wie war das mit dem eigenen Anspruch zu vereinbaren, der Hauptstadtklub zu sein
?

Wenn ich einen jungen Spieler verpflichten wollte, habe ich den erst gar nicht in die Geschäftsstelle mitgenommen, der wäre mir sofort davon gelaufen. Die Kandidaten habe ich immer ins Hotel Esplanade gebeten und ihnen die Stadt erklärt. Heute erklärt sich Berlin ja von selbst.

Wie rasch entwickelte sich Hertha zu jener Zeit?

Manchmal war es ein Geduldsspiel. Nur als Beispiel eine lustige Geschichte: Der Stadionverwalter damals hieß Schließer, da war der Name hin und wieder Programm. Wenn der keine Lust hatte, schlecht aufgelegt oder das Wetter nicht ganz optimal war, hing der kurzerhand das Schild raus: »Plätze gesperrt«, und die Mannschaft musste zum Laufen auf den Teufelsberg. Grundsätzlich war das Verhältnis zu Herrn Schließer recht freundschaftlich, und es wurde im Laufe der Jahre auch immer besser, aber es gab eben auch Zeiten, in denen sich die Zusammenarbeit zwischen dem Stadionverwalter und Hertha BSC nicht immer ganz einfach gestaltete.

Dann füllten beim Zweitligaspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern plötzlich 75.000 Zuschauer das Olympiastadion.

Ich habe alle großen Stadien der Welt gesehen, auch in gefülltem Zustand. Aber während dieses Spiels sind mir kalte Schauer den Rücken hinunter gelaufen. Die Stadionverwaltung hatte damals ja nicht mal alle Blöcke geöffnet. Und dann standen plötzlich zu Spielbeginn noch 15.000 Zuschauer draußen vor den Toren. Ein Block nach dem anderen wurde aufgemacht, und die Leute strömten herein. Das war ein besonderer Moment für mich.
Nun ging alles sehr schnell, es folgten Aufstieg und Klassenerhalt, und auf einmal war Hertha der Liebling der Stadt. Wöchentlich musste die Zahl der Fanklubs aktualisiert werden. Uns hat selbst überrascht, wie schnell die Fußballbegeisterung der Stadt aktiviert werden konnte. Wir hatten uns auf eine längere Durststrecke eingerichtet.

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