31.01.2014

Dieter Hecking über einarmige Basketballer und den letzten Revolutionär

»Ich will meine eigene Geschichte schreiben«

Dieter Hecking hat als Trainer ganz unten begonnen und sich langsam in die Bundesliga gekämpft. Der Chefcoach des VfL Wolfsburg über einarmige Basketballspieler, den letzten Revolutionär im Fußball und langweilige DFB-Tagungen.

Interview: Benjamin Apitius und Stefan Hermanns Bild: Imago

Halten Sie Kabinenansprachen intuitiv, oder sind die vor dem Spiegel einstudiert?
Bei mir ist nichts einstudiert. Meine Ansprachen sind meistens sachlicher Art. Emotional bin ich selten. Du kannst ja nicht in jeder Halbzeit impulsiv reagieren. Da nutzt du dich ab. Aber es gibt natürlich auch Situationen, in denen ich mal sage: »Jungs, habt ihr eigentlich einen Vollschaden?« Oder man kann auch mal ganz ruhig bleiben, ganz leise sprechen. Ich glaube, unterschwellig hast du einfach ein Gefühl dafür, wie du wann reagieren musst.

Was ist für Sie der Kern Ihrer Arbeit?
Das sind die spieltaktischen Dinge. Und das bedeutet nicht, wie wir einen Eckball spielen oder dass ein Laufweg so sein muss und nicht anders. Für mich geht es im Kern darum, dass alle Rädchen ineinandergreifen. Nehmen Sie mal die Verpflichtung von Kevin de Bruyne. Zu einem bestehenden Puzzle haben wir mit ihm ein weiteres Puzzleteil dazubekommen. Und ich muss jetzt schauen, wie ich das eine Teil so integriere, dass das Bild trotzdem stimmig bleibt.

Wo kommen Ihnen dafür die besten Ideen? Im Auto? Unter der Dusche? Im Schlaf?
Also, im Schlaf kommt bei mir gar nichts (lacht). Eher beim Laufengehen oder im Auto auf der Fahrt nach Hause. Dann bin ich ganz für mich und es schwirren mir die klarsten Gedanken durch den Kopf. Es kreist bei mir ja eh ständig alles um Fußball und um meine Mannschaft. Das gehört wohl zu einem Trainerleben dazu.

Herr Hecking, im Sommer ist Pep Guardiola in die Bundesliga gewechselt. Erlebt Ihre ganze Branche dadurch eine Aufwertung?
Sicherlich ist Pep Guardiola ein überragender Kollege und eine schillernde Persönlichkeit. Das hilft natürlich dem Ansehen der Liga. Man sieht bei ihm relativ schnell, dass er einer Mannschaft etwas vermitteln kann. Man muss aber auch sagen: Guardiola hat die besten Spieler aller 18 Bundesligisten zur Verfügung. Es wäre sicher interessant, sich mit ihm einmal auszutauschen, über spieltaktische Dinge, über seinen Trainingsaufbau. Aber man kann einen Guardiola sowieso nicht kopieren. Jeder will ja auch seine eigene Geschichte schreiben.

Sie sehen ihn also nicht als Revolutionär?
Der größte Revolutionär der vergangenen Jahre war für mich Jürgen Klinsmann. Keiner hat in Deutschland die Trainerarbeit derart einschneidend verändert wie er. Ich erinnere mich noch, wie wir damals unter Kollegen über seine Maßnahmen diskutiert haben. Inzwischen sieht man, wie viel von Klinsmanns Arbeit übernommen worden ist. Der Ausdauerlauf wurde hinterfragt, das Krafttraining ganz neu definiert.

Ist Guardiola denn mehr ein Fußballforscher als nur ein bloßer Fußballlehrer?
Das sind wir doch alle irgendwie. Jeder Trainer macht sich ständig Gedanken: Was kann ich noch verbessern? Wie kann ich in mein Spiel etwas einbauen, das der Gegner noch nicht gesehen hat? Ich glaube, viele Trainer würden es schaffen, den Bayern ein Spielsystem zu verpassen, das funktioniert. Aber es ist für mich eine genauso bemerkenswerte Leistung, was Markus Weinzierl in Augsburg macht. Oder Thomas Tuchel in Mainz. Aber am Ende zählt für viele immer nur ein Titel.

Wie sieht das Forschen bei Ihnen aus?
Wir haben bei uns im Trainerstab, wenn man so will, nur Fußballbekloppte. Andries Jonker (hinter Dirk Bremser zweiter Co-Trainer, d. Red.) hat schon auf allerhöchstem Niveau gearbeitet, bei Bayern München, in Barcelona. Er hat mit Louis van Gaal über Jahre einen sehr guten Chef gehabt. Mit ihm macht es wahnsinnig Spaß, sich auszutauschen – weil er vieles ganz anders sieht. So etwas würde ich mir manchmal auch noch stärker bei Trainertagungen wünschen.

Dieser Austausch findet dort nicht statt?
Doch, aber es könnte meiner Meinung nach noch viel intensiver sein. Wir reden bei den Tagungen über das Nachwuchskonzept vom DFB oder über die Beschaffenheit von Rasen mit Kunstfaseranteil. Das sind definitiv auch wichtige Themen, aber bei solchen Gelegenheiten sollten wir uns gegenseitig auch noch andere Fragen häufiger stellen: Wie spielst du gegen ein 4-3-3? Wo könnte ein Ansatz sein? Wann geht ihr ins Pressing? Solche Diskussionen kommen mir in der Bundesliga noch zu kurz. Da hat vielleicht auch jeder Angst, zu viel von sich preiszugeben.

Ist ein Fußballspiel für Sie auch immer ein Duell Trainer gegen Trainer?
Das kommt immer wieder vor. Aber in der Bundesliga wird man nur noch selten überrascht. Thomas Tuchel ist zum Beispiel einer, der im Spiel sehr viel verändert. Gegen uns hat er in 90 Minuten drei unterschiedliche Systeme spielen lassen. Das sind natürlich auch kleine Psychospielchen. Du guckst ja auch immer rüber, wenn der gegnerische Trainer an der Linie steht und Anweisungen gibt. Mir geht das jedenfalls so. Oh, was hat er jetzt wieder vor? Versucht der gerade was zu verändern?

Haben Sie in solch einem Spiel schon mal erlebt, dass Sie für einen Moment nicht wussten, wie Sie reagieren sollen?
Auf viele Dinge hat man eine Antwort parat, aber du musst abwägen, ob es die richtige ist. Man kann ja auch nicht nur noch auf den Gegner reagieren. In Wolfsburg will ich das auch gar nicht. Der Gegner soll sich nach uns richten, er soll sich unserer Spielweise anpassen. Das ist auch etwas Neues für mich gewesen, weil ich bisher nur bei Mannschaften gearbeitet habe, die eher mit dem Rücken zur Wand standen. In Wolfsburg habe ich nun Spieler, die das Spiel selbst machen können, die offensiv denken und nicht zurückweichen wollen.
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