Dieter Hecking im Interview

„Ich will Titel gewinnen“

Seit dem dritten Spieltag ist Dieter Hecking zurück in Hannover. Wer denkt, der Mann habe Heimweh gehabt, der irrt. Im Gespräch mit 11freunde.de stellt sich heraus: Ehrgeiz ist es, was ihn antreibt. Imago

Niedersachsen ist nicht als leidenschaftliche Fußball-Region bekannt. Sind Hannover 96 und der VfL Wolfsburg etwa graue Mäuse?

Sagen wir so: Hannover 96 hat Tradition, auf die andere Bundesligisten nicht verweisen können.

Wie fühlt es sich an, bei Ihrem Wunschverein Trainer zu sein und gleich in den ersten Wochen für einen Höhenflug zu sorgen?

Ob das ein Höhenflug ist, sei mal dahingestellt. Es ging erst einmal darum, eine gemeinsame Spielphilosophie zu entwickeln, um das Gebilde Hannover 96 zu stabilisieren. Das ist uns mit nunmehr 20 Punkten gelungen, was vor fünf bis sechs Wochen in der Form nicht zu erwarten war. Das ist aber keineswegs ein Ruhekissen. Wenn wir uns darauf ausruhen, wird die Tendenz sicherlich in eine falsche Richtung gehen.

[ad]

Wie so viele andere Bundesligisten hat Hannover 96 Probleme bei Heimspielen. Sind Sie daher froh, dass die letzte Vorrundenpartie auswärts in Nürnberg stattfindet?

Nein, wir können ja nicht davon ausgehen, dass wir auswärts immer so erfolgreich punkten wie zuletzt. Aber es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass wir auf fremden Platz so effizient spielen können.

Woran liegt es, dass es in der AWD-Arena hapert, fehlt es an dem spielerischen Moment?

Das ist kein generelles Problem von Hannover 96. Schauen Sie sich doch mal in der Liga um: Viele Mannschaften tun sich zu Hause schwer. Auch wir haben sicherlich Probleme gegen Mannschaften, die hinten kompakt stehen und dem Gegner das Spiel überlassen. Wir müssen daran arbeiten, dass wir auch gegen tief stehende Gegner effektiv spielen, früher attackieren und den Gegner zu Fehlern zwingen.

Ist das ein grundlegendes Problem des deutschen Fußballs?

Ja, nehmen Sie doch nur das letzte Wochenende. Der VfB stolpert daheim beinahe gegen Bochum, die Bayern gegen Cottbus. Ich denke schon, dass die individuelle Klasse fehlt. Wo gibt es noch Spieler, die im Eins-gegen-Eins Lücken in der gegnerischen Abwehr reißen und Überzahlsituationen schaffen? Der Einzige, der mir auf Anhieb einfällt ist Jan Schlaudraff.

Zurück zum Ist-Zustand Ihres Teams: Elfter Platz, fünf Punkte Vorsprung auf den Sechszehnten, vier Punkte Rückstand auf den Fünften. Wohin geht die Reise?

Wir müssen weiter von Spiel zu Spiel denken. Auf uns warten Auswärtsspiele in Nürnberg und Bremen. Sollten wir da drei Punkte holen, könnten wir uns in der ersten Hälfte der Tabelle festsetzen. In der Liga gibt es jedoch keine großen spielerischen Unterschiede zwischen Platz fünf und Platz achtzehn. So einen Lauf, wie wir ihn haben, können jederzeit auch andere Mannschaften zu Wege bringen. Und die Spiele, die wir 1:0 gewonnen haben, können sicherlich auch mal 0:1 verloren gehen. Daher müssen wir auf der Hut bleiben.

Stünde 96 jetzt besser da, wenn Sie bereits zu Beginn der Saison Trainer bei 96 gewesen wären?

Natürlich will es nicht von der Hand weisen, dass es besser ist, eine gemeinsame Vorbereitungsphase mit der Mannschaft zu haben ...

... und auf die Zusammensetzung des Kaders Einfluss nehmen zu können.

Aber letztlich war es nicht so und ich bin erst nach dem dritten Spieltag zur Mannschaft gestoßen. Daher ist es müßig, darüber zu spekulieren.



Inwieweit werden Sie bei der Wahl eines neuen Sportdirektors zu Rate gezogen? Immerhin müssen Sie mit dem Neuen Mann eng zusammen arbeiten.

Martin Kind und ich stehen in permanentem Austausch. Letztlich ist es eine Entscheidung der Vereinsführung, aber ich bin schon dabei involviert und werde nach meiner Meinung gefragt.

Langsam aber sicher wird es Zeit für einen neuen Sportdirektor. Immerhin steht die Winterpause vor der Türe – die Zeit der Transfers.

Wenn man denn Transfers tätigen möchte, wird es Zeit.

Sie sehen also keinen Bedarf für Neuverpflichtungen.

Der Kader rechtfertigt momentan das Vertrauen. Nichts desto trotz schauen wir immer nach punktuellen Verstärkungen. Sich laufend am Markt zu orientieren gehört zum Job. Derzeit sehe ich jedoch keinen akuten Handlungsbedarf.

Also zollen Sie ein indirektes Lob für das Duo Kaenzig/Neururer, die den Kader zusammengestellt haben.

Ich zolle weder Lob noch übe ich Kritik. Die beiden haben versucht, nach bestem Wissen und Gewissen und im Rahmen ihrer Möglichkeiten den Kader zusammenzustellen.

Würden Sie noch mal eine öffentliche Debatte mit einem Sportdirektor über die Einkaufpolitik vom Zaun brechen?

Welche Debatte meinen Sie?

Die fehlenden Gelder für Neueinkäufe, die Sie gegenüber Jörg Schmadtke eingefordert haben.

Was in der Presse stand, hat uns köstlich amüsiert, den Herrn Schmadtke und mich. Anscheinend musste das Sommerloch gefüllt werden. Wer glaubt, zwischen Schmadtke und Hecking hätte es gegen Ende nicht mehr gestimmt, befindet sich auf dem Holzweg.

Bei Ihren Trainer-Stationen beim SC Verl, VfB Lübeck und Alemannia Aachen sind Sie erst einmal entlassen worden. Und das auch nur, weil Sie 2001 angekündigt haben, Verl verlassen zu wollen. Respekt.

(lacht) Das ist eine gewisse Auszeichnung meiner Arbeit. Überall war es so, dass die Leute gemerkt haben, dass ich fundierte Arbeit leiste, ich jedoch noch Erfahrungen sammeln musste.

Können Sie sich in Verl denn noch blicken lassen?

Die waren natürlich sauer über meinen vorzeitigen Weggang. Aber ich habe nun mal einen hohen Ehrgeiz und die Mentalität, nach mehr zu streben und erfolgreicher zu werden. Wenn man die Chance hat, im Profi-Bereich Trainer zu werden, dann muss man diese auch nutzen. Und das alles so schnell gegangen ist, spricht dafür, dass ich nicht sehr viel falsch gemacht habe. Aber natürlich bin ich nicht davor gefeit, irgendwann mal entlassen zu werden.

Sind Sie denn überall im Guten gegangen? Ihr Weggang aus Aachen war, sagen wir: brisant.

Ich kann mich überall sehen lassen. Natürlich sind hier und dort Fans dabei, die gewisse Verhaltensweisen nicht nachvollziehen können. Damit muss man leben. Beim Spiel in Aachen wird es sicherlich Pfiffe geben. Aber ich habe dort noch viele Freunde, denen ich besten Gewissens ins Gesicht schauen kann. Letztlich ist doch klar, dass sich Wege auch mal wieder trennen.

Sie sagen selbst, Ihr Weg sei von Idealismus und Ehrgeiz geprägt. Und bis hierhin ging es nur bergauf. Wo soll das mit Ihnen noch enden?

Ich habe natürlich auch das Ziel, Titel zu gewinnen – das sollte irgendwann das Endprodukt der Karierre Dieter Heckings sein. Den Beruf habe ich allerdings gewählt, weil ich gepflegten Fußball vermitteln möchte – Fußball wie ich ihn mir vorstelle. Wenn man meine Mannschaften spielen sieht, möchte ich, dass eine eindeutige Handschrift zu erkennen ist.



Einerseits gelten Sie als ruhig und besonnen. Andererseits sieht man Sie oftmals hitzig an der Seitenlinie. Ist man während einer Bundesliga-Partie ein anderer Mensch?

Man ist emotional sehr mitgerissen und versucht natürlich von außen Einfluss zu nehmen. Wenn dann auch noch strittige Entscheidungen gefällt werden, kann es auch mal hitzig werden. Man wird jedoch während des Spiels durch gewisse Regularien eingeengt, beispielsweise durch den Einsatz eines vierten Schiedsrichters, der sofort versucht zu bremsen. Aber für mich gehören Emotionen zu einem Fußballspiel dazu, sofern sie nicht beleidigend sind. Aber es wäre doch schlimm, wenn ich nicht einmal mehr aufstehen und gestikulieren dürfte. Das ist ein ständiger Zwiespalt der Gefühle. Einerseits möchte ich nicht das HB-Männchen mimen. Andererseits kann ich auch nicht starr wie ein Eisblock dasitzen. Wir sind doch keine Roboter oder Maschinen, die man auf die Bank oder die Tribüne setzt und sie dort regungslos das Spiel verfolgen lässt.

Es scheint, als hielten Sie nicht allzu viel vom vierten Schiedsrichter.

Etwas mehr Gelassenheit seitens der Unparteiischen wäre manchmal sehr förderlich. Man muss sich doch frei bewegen können. Und wenn man gleich in die Schranken gewiesen wird, dann ist das einengend. Man sollte uns Trainern das Recht geben, punktuell mal aus der Haut zu fahren und auf der Seitenlinie entlang zu gehen. Ich distanziere mich jedoch von Beleidigungen und Pöbeleien, die haben weder auf dem Platz noch an der Seitenlinie etwas verloren.

Sie waren lange Zeit in Aachen, haben den Club erstmals nach 36 Jahren in die Bundesliga geführt. Ganz ehrlich, leiden Sie bei der derzeitigen Talfahrt der Alemannia mit?

Was sich derzeit um die Alemannia abspielt, ist völlig normal. Von vornherein war klar, dass es gegen den Abstieg geht. Und das mal eine schlechte Phase dabei ist, überrascht nicht sonderlich. Bei einem Sieg im Heimspiel gegen den HSV hätten sie 21 Punkte zur Winterpause. Damit wäre man vor der Saison hochgradig zufrieden gewesen, daher gibt es keinen Grund zu leiden.

Jupp Heynckes begann seine Laufbahn in seiner Gladbacher-Heimat und wird sie dort auch beenden. Wieso haben Sie schon jetzt den Schritt zurück nach Hause gemacht?

Wenn ich jetzt schon zehn Jahre älter wäre, dann würde es vielleicht den Anschein machen, es wäre meine letzte Trainer-Station. So sehe ich das sicherlich nicht. Ich versuche hier ein Stück meiner Karriere erfolgreich zu gestalten. Anschließend wird man weitersehen.

Der Beruf des Fußball-Trainers ist ein unsteter, der mit vielen Umzügen verbunden ist. Sind Sie für das bewegte Leben des Fußball-Trainer geschaffen?

Ich will mich sicherlich nicht aufs Altenteil setzen und bequem werden. Es gab persönliche Gründe, die es erforderlich gemacht haben, bei der Alemannia um die Freigabe zu bitten. Es gibt halt Lebenssituationen, die man nicht vorhersehen kann. Und eine solche ist eingetreten. Irgendwann gibt es sicherlich wieder den Zeitpunkt, an dem man bereit ist, zu neuen Ufern aufzubrechen. Aber als der Wechsel im Raum stand, war das eine Möglichkeit etwas zu verändern, was mit sehr wichtig ist – nämlich meinen Beruf und meine Familie näher zueinander zu rücken.

Haben Sie denn nun effektiv mehr Zeit für Ihre Familie?

Sicherlich ist der Zeitgewinn ein erfreulicher Nebeneffekt. Aber es geht es nicht darum, dass Dieter Hecking nun mehr Zeit hat, die Füße unter den eigenen Tisch zu setzen.

Thomas Doll hat neulich in einem Interview gesagt, dass er jedesmal, wenn er sein Grundstück verlässt, an einer alten Eiche vorbei fährt und ihn der Gedanke beruhigt, dass diese immer dort stehen bleibt. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie morgens von Bad Nenndorf Ihr Grundstück verlassen, um zur Arbeit zu fahren?

Was mich morgens mit Glück erfüllt, ist die Erkenntnis, dass ich zu einem Arbeitsplatz fahre, an dem ich sehr viel Spaß habe. Und zwar unabhängig von Ergebnissen. Es ist toll, einem Beruf nachzugehen, den ich mit sehr viel Leben füllen kann. Jeder Tag ist eine Herausforderung.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!