09.06.2007

Dieter Degenhart im Interview - Stromausfall beim Aufstiegsspiel (2)

Aufstieg aus der Steckdose

Des einen Freud, des anderen Leid: Während die Kickers vom Stromausfall im Aufstiegsspiel profitierten, platzten für den FC Memmingen alle Träume von der Regionalliga. Präsidiumsmitglied Dieter Degenhart könnte heute noch sauer werden.

Interview: Dirk Gieselmann Bild: Imago
Herr Degenhart, vor genau zehn Jahren sah Ihr Verein, der FC Memmingen, im Aufstiegsspiel zur Regionalliga gegen die Kickers Offenbach schon wie der Sieger aus. Doch dann fiel das Licht aus, das Spiel wurde abgebrochen und annulliert. Das Wiederholungsspiel verlor der FC mit 0:2. Haben Sie jemals zuvor oder danach eine solch schmerzhafte Erfahrung mit dem Fußballsport gemacht?

Nein. So was ist mir bis auf dieses eine Mal nie passiert. Dass das Licht ausgeht kann passieren. Aber dass es eine dreiviertel Stunde später in einer hochindustrialisierten Stadt wie Mannheim immer noch nichts funktioniert und die Partie nicht fortgesetzt werden kann – das ist mir bis heute vollkommen unverständlich.



Hatten Sie vor dem Spiel schon das Gefühl, dass hier etwas Verrücktes passieren könnte?

Eigentlich nicht. Der FC Memmingen hatte sehr viel Erfahrung durch die Relegationsspiele in der Bayernliga. Bis auf eine Partie haben wir alle gewonnen. Dementsprechend zuversichtlich waren wir vor dem Anpfiff dieses Spiels gegen die Kickers.

War der FC Memmingen sogar Favorit?

Nein, in der Favoritenrolle waren wir nicht. Wir wussten aber, dass sich unsere Mannschaft damals in einer hervorragenden Form befand.

Der damalige Kickers-Manager Klaus Gerster räumt ein, dass es aus wirtschaftlicher Sicht für seinen Club um alles ging. Ein psychologischer Vorteil für Sie?

Genau so war das. Die Kickers standen mordsmäßig unter Druck und mussten aufsteigen. Diese Bürde hatten wir nicht zu tragen und konnten deswegen Offenbach in der ersten Halbzeit regelrecht an die Wand spielten.

10.000 Offenbach-Fans waren nach Mannheim gereist. Hat diese Kulisse Ihnen denn keinerlei Respekt eingeflößt?

Na ja, Memmingen hat damals oft gegen 1860 München gespielt, wo ähnlich viele Zuschauer anwesend waren. Insofern hat uns das nicht umgehauen. Dass hingegen Offenbach durch diese Menge an Fans offiziell als Favorit galt, war mir schon bewusst.

In der 78. Spielminute fiel dennoch das scheinbar entscheidende 3:2 für Memmingen.

Wir hatten ja auch den besseren Fußball gespielt! Die erste Halbzeit gehörte klar uns, im zweiten Durchgang kamen die Offenbacher ein wenig besser aus der Kabine. Aber letztlich führten wir durch ein unglaubliches Tor von Markus Kramer, der den Ball genau in den Winkel knallte. Die Offenbacher waren dadurch sichtlich geschockt.

Sie waren also siegessicher, zumal nicht mehr lang zu spielen war.

Ich hatte im Fußball bereits viel erlebt und war dadurch auf der Hut. Aber wenige Minuten vor dem vermeintlichen Abpfiff war ich felsenfest davon überzeugt, dass wir durch sind. Bestärkt wurde ich durch den Anblick, den die Kickers boten: Die haben selbst nicht mehr auf einen Ausgleich gehofft.

Und dann ging das Licht aus.

Ich saß oben auf der Tribüne, als der Schiedsrichter gerade zwei Minuten Nachspielzeit verkündete. Eine halbe Minute später saßen wir im Dunkeln. Es herrschte eine allgemeine Verwunderung im Rund. Der Stadionsprecher beruhigte immer mal wieder das Publikum und kündigte eine rasche Wiederaufnahme des Spiels an. Es herrschte jedoch zwischenzeitlich das pure Chaos, lediglich eine Lampe über dem Haupteingang spendete noch Licht. Die Polizei bildete einen schützenden Kreis um die Mannschaften.

Warum war das nötig?

Es war eine beängstigende Situation. Die Offenbacher Fans führten sich brutal auf, indem auf den Memminger Block zutrampelten. Gemeine Sprechchöre taten ihr Übriges. Insgesamt würde ich die Stimmung als feindselig beschreiben.

Was taten Sie in diesem Moment?

Ich wollte in die Katakomben gehen und schauen, was da los ist – und warum die Unterbrechung so lange dauert. Ich wurde jedoch von meinen Begleitern zurückgehalten, die meinten, dass mir in dieser aufgeheizten Stimmung und in der vollkommenen Dunkelheit wohlmöglich etwas zustoßen könnte.

Bereuen Sie, dass Sie auf Ihre Begleiter gehört haben?

In der Tat. Leider ist der damalige Spielbeobachter des Süddeutschen Fußballverbandes, Hans Scheuer, mit dem Schiedsrichter in der Kabine verschwunden und hat ihm die Idee eines Abbruchs unterbreitet. Ich hatte ihm jedoch vertraut, da er immer wieder betont hatte, dass das Licht gleich wieder angehe.

Was aber nicht geschah.

Nein. Das Licht ging nicht mehr an, und die Partie wurde tatsächlich abgebrochen. Später wurde der Schiedsrichter Zell gefragt, ob er, wenn das Licht wieder angegangen wäre, die Partie auch angepfiffen hätte. Er bejahte dies. Dumm war nur, dass Oberschiedsrichter Scheuer im Stadion war. Der hatte wohl Informationen, dass die Offenbacher-Fans im Falle des Wiederanpfiffs alles kaputt schlagen würden.

Sie wittern eine Verschwörung?

Nein. Es lief halt für uns alles ein bisschen blöd. Wir glauben nicht, dass der Strom damals absichtlich gekappt wurde. Es hat uns nur, wie schon gesagt, ungemein aufgeregt, dass in einer hochtechnisierten Stadt wie Mannheim ein Stromausfall nach 45 Minuten nicht behoben werden kann. Dies teilten wir dem Oberbürgermeister damals auch schriftlich mit. Hinzu kommt der Umstand, dass der Stadionwart nicht, wie eigentlich in solchen Fällen vorgesehen, die Stadtwerke informierte. Er hat einfach nichts gemacht und gemütlich in seinem Kabuff gesessen. Den Lichtausfall hat ein Busfahrer gemeldet, der gerade am Stadion vorbeifuhr. Es war eine dubiose Sache, die uns damals natürlich ganz schön gestunken hat. Aber das ist vorbei. Nach den Vorschriften konnte der Fußballverband in der Folge nicht anders entscheiden, als das Spiel neu anzusetzen.

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