Dieter Burdenski im Interview

„Der Torwart ist das Arschloch“

Dieter Burdenski blickt zurück auf ein bewegtes Torhüterleben. Bremens Rekordspieler fing sich die meisten Gegentore in einer Saison, und beim Bundesligaskandal 1970 kassierte er unwissend 2400 DM für die Niederlage gegen Bielefeld.
Heft #72 11 / 2007
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Herr Burdenski, wie sind Sie eigentlich Torwart geworden?

Ich hatte das Glück, in einer Zeit groß geworden zu sein, in der wir jeden Tag draußen gespielt haben. Mit acht Jahren habe ich im Verein angefangen und wurde ins Tor gestellt. Mein Ausgleich war dann die Freizeit. Da konnte ich mich immer im Feld austoben.

Ihr Vater war auch ein erfolgreicher Fußballer. War er ein Vorbild für Sie?


Mein Vater war mein Vater. Er wird immer eine außergewöhnliche Persönlichkeit für mich bleiben, viel mehr als ein Vorbild. Rein sportlich war er zu seiner Zeit einer der besten Spieler Deutschlands, aber ich wollte ihm nie nacheifern.

1950 schoss er per Elfmeter das erste Länderspieltor der Nachkriegsgeschichte und erreichte so „Legendenstatus“.

Deutschland war ja immer noch fußballverrückt, und über 120 000 Zuschauer saßen im Stuttgarter Neckarstadion. Das war am 22. November, und vier Tage später wurde ich geboren – deswegen habe ich das nur bedingt mitbekommen (lacht). Also war es wohl eine schöne Woche für ihn.

Nervte es Sie am Anfang Ihrer Karriere, immer nur „Budde Junior“ zu sein?


Ja, sicher. Ich hatte schon lange in der Bundesliga gespielt, und es wurde immer noch gesagt: Dieter, der Sohn von Herbert Burdenski. Wenn man einen bekannten Vater hat, muss man auch immer ein wenig von seinem Schatten mittragen.

Sind die Erwartungen an den Sohn eines erfolgreichen Spielers höher?

Er war ja Feldspieler und ich Torwart, also konnte man uns beide schwer vergleichen. Unsere Konstellation war einmalig in Deutschland, dass Vater und Sohn Nationalspieler geworden sind, und der Vater dann sogar den Sohn trainiert hat.

Sie begannen in den sechziger Jahren als Torwart. Wie hat sich das heutige Torwarttraining und –spiel im Vergleich zu Ihrer aktiven Zeit verändert?

Wenn ich daran denke, wie die Ecken geschlagen wurden, dass sie lehrmäßig zum Elfmeterpunkt runterkommen mussten – das war wie in der Steinzeit. Aber zu der Zeit up-to-date. Danach kamen die Bananenflanken und die Rückpassregel. Und das sind Dinge, die von den heutigen Torhütern viel mehr fordern.

Bereits im Alter von 20 Jahren kamen Sie in der Saison 1970/1971 zum Einsatz. Hatten Sie damit gerechnet, so schnell ihr erstes Bundesligaspiel zu absolvieren?

Man hofft ja immer zu spielen. Das erste Spiel meiner Karriere werde ich nie vergessen: Es war mit Schalke gegen Bremen, und mein letztes hatte ich dann mit Werder auf Schalke. Da hat sich ein Kreis für mich geschlossen.

Ihr zweites Bundesligaspiel sollte in die Bundesligahistorie eingehen. (DFB-„Chefankläger“ Hans Kindermann ermittelte später, dass die Begegnung zwischen Schalke 04 und Arminia Bielefeld vom damaligen Schalker Vorstand und von Spielern „verkauft“ worden war, Anm. d. Red.)

Ich habe erst anderthalb Stunden vor dem Spiel erfahren, dass ich spielen darf. Danach war ich natürlich überglücklich und wollte zeigen, was ich kann. Ich habe auch überragend gehalten und war der Mann des Tages. Leider haben wir 1:0 verloren, und erst im Nachhinein wurde es dann das Skandalspiel. Aber ich habe mir nie etwas vorzuwerfen gehabt, und das wird sich auch bis zu meinem Tode nicht ändern. Ich war immer ehrgeizig, und deswegen habe ich es auch bei Freundschaftsspielen gehasst, wenn wir mal ein Tor reinbekommen haben.

Ahnten Sie während des Spiels wirklich nicht, dass es abgekartert war?

Keine Sekunde. Vielleicht, wenn ich 10 Jahre älter gewesen wäre. Aber so war ich mit meinen ganzen Gedanken nur darauf konzentriert, was als nächstes im Spiel passiert.

Geld bekamen Sie von Ihren Kollegen hinterher trotzdem. Mehr oder weniger als die 2300 DM Geldbuße, die Sie zwei Jahre später vom DFB auferlegt bekamen?

100 Mark mehr. Aber dazu kam noch eine dreimonatige Sperre.

In den Ermittlungen waren Sie ein wichtiger Kronzeuge.

Na ja, das, was ich wusste, habe ich gesagt. Und ich wusste ja nicht viel, weil ich ein Junge war, dem man sowieso nicht viel zugetraut hat. Ich habe nur gesagt, dass ich etwas bekommen habe, und das war ja auch die Wahrheit.

Nach dem Skandal wechselten Sie ausgerechnet zu Bielefeld.

Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch von gar nichts. Das kam erst am siebten, achten Spieltag raus. Für mich war wichtig zu spielen und mich weiterzuentwickeln. Und deswegen bin auch nicht zu den Bayern oder nach Köln gegangen.

Waren Sie über Bielefelds Zwangsabstieg froh, weil Sie dadurch nach Bremen wechseln konnten?

Überhaupt nicht froh. Das war schon eine extrem schwierige Zeit - mit Morddrohungen. Dadurch, dass ich gegangen bin, wurde Bielefeld vor dem Konkurs gerettet. Bremen hat damals eine utopisch hohe Ablösesumme – 340 000 Mark – für mich bezahlt. Eine Summe, die vorher unvorstellbar war.

Wie sehr wurmte es Sie, bei der WM ‘74 keine Berücksichtigung zu finden?

Die Torhüter kamen damals nur aus den großen Mannschaften, also von Bayern, Gladbach und Köln. Ich war immer unter den besten fünf, kam aber an Wolfgang Kleff und Sepp Maier nicht vorbei. Mit Werder habe ich leider immer gegen den Abstieg gespielt, und der größte Erfolg war, den Klassenerhalt nicht am letzten, sondern schon am vorletzten Spieltag klargemacht zu haben.

Kritiker warfen Ihnen zu Bremer Zeiten gelegentlich mangelnde Strafraumbeherrschung und Theatralik vor.

Die Strafraumbeherrschung war nicht meine Stärke, das stimmt schon. Aber ich habe nie für die Galerie gespielt, sondern war immer ein kühler und sachlicher Torwart.

In der Saison ‘85/‘86 hatten Sie mit Ihren Leistungen hohen Anteil daran, dass Bremen dem Titel schon zum Greifen nah war. Wie haben Sie den Elfmeter von Michael Kutzop erlebt?

Ich habe so etwas noch nie gesehen: Dieser verschossene Elfmeter hatte solch eine lähmende Wirkung auf die Mannschaft und die Zuschauer – das war erschreckend. Danach herrschte Totenstille im Stadion. Es war kein Pfiff zu hören. Da war nur noch blankes Entsetzen. Das hat schon sehr wehgetan, weil wir es wirklich verdient hatten, Meister zu werden. Im letzten Spiel in Stuttgart hatten wir trotzdem noch alle Möglichkeiten, aber die Hosen voll.

Kann man das Elfmetertöten trainieren?

Nein. Das passiert rein instinktiv. Ich kann nur auf den Spieler achten, seine Fußhaltung kurz vor dem Schuss.

Werders Meisterschaft 1988 erlebten Sie zum überwiegenden Teil von der Bank aus. Fühlen Sie sich dennoch als deutscher Meister?

Eigentlich nicht. Du bist zwar dabei, aber vom Herzen her ist es nicht das gleiche. So richtig bin ich nie deutscher Meister geworden.

Haben Sie mittlerweile schon Otto Rehhagel verziehen, dass er Ihnen zum Abschied einen Einsatz im letzten Heimspiel und auswärts auf Schalke verwehrt hat?

Ich glaube, dass auch er daraus gelernt hat: Dass man eine gewisse Achtung und Fairness zeigen muss, wie auch immer man zu einem Spieler steht. So lange wie ich in Bremen gespielt habe, 16 Jahre, so viele Spiele wie ich für den Verein gemacht habe – das gibt es ja nie wieder in Deutschland. Aber wenn wir uns jetzt sehen, reden wir wieder ganz normal miteinander.

Nach ihrem offiziellen Abschiedsspiel gegen eine Europa-Auswahl spielten Sie weiter. Mit 42 Jahren für den schwedischen Spitzenklub AIK Solna, später für Vitesse Arnheim und sogar noch im Alter von 52 Jahren in der Regionalliga für die Werder-Amateure. Was waren die Gründe dafür?

Ach, ich spiele ja heute noch in der DFB-Traditionsmannschaft. In Schweden war es so, dass ich den Trainer noch aus Bremer Zeiten kannte, und weil sich die beiden Stammtorhüter verletzt hatten, bin ich kurzfristig eingesprungen. Ähnlich war es in den Niederlanden. Dort hatte ich auch jeweils Erfolg, nur in Chemnitz hat es nicht ganz so gut geklappt.

Lag es am Alter, dass Sie die Niederlage gegen den Chemnitzer FC mitverschuldeten?

Nein, das war einfach nur ein schlechter Tag. Aber vielleicht ist es ganz gut, dass es so gekommen ist – sonst stünde ich heute noch im Tor (lacht).

Schon zu Ihrer aktiven Zeit schrieben Sie eine Autobiographie („Dieter Burdenski – 18 Jahre die Nummer 1“). War das nicht etwas zu früh, um Ihr Leben Revue passieren zu lassen?

Nö - es war einfach so, dass ich 1985 meine eigene Firma aufgemacht habe. Damals gab es noch an jeder Ecke Firmen, in die Ideen gesteckt wurden. Und da habe ich mir gedacht: Schreibst du zum Anfang ein Buch über die 18 Jahre als Profitorwart.

Haben sich die Anforderungen an die Torhüter im Laufe der Zeit verändert?

Ja. Die Spieler haben ihre Schusstechnik verfeinert, dazu die erwähnte Rückpassregel – heutzutage ist es für die Torhüter viel, viel schwieriger.

Nicht nur das Torwartspiel, sondern auch das Material hat sich verändert. Mit was für Handschuhen haben Sie zu Beginn Ihrer Karriere gespielt?

Mit gar keinen. Auch bei Regenwetter – aber es ging trotzdem, komischerweise.

Seit Einführung der Rückpassregel ist ein Trend zu fußballerisch guten Torhütern zu beobachten. Hätten Sie da heute auch noch eine Chance?

Eine sehr große sogar. Ich glaube, dass ich fußballerisch ein besserer Torwart war, als die heutigen Keeper sind. Weil ich es von der Pike auf gelernt habe, immer auch mal im Feld stand. Und weil ich beim Training alle Übungen mitmachen musste, da es dort ja noch nicht diese Trennung in Torhüter und Feldspieler gab.

Man sagt, dass Torhüter immer ein bisschen verrückt sind – sehen Sie das ähnlich?

„Verrückt“ würde ich nicht sagen. Aber die körperliche Anspannung ist viel höher als bei den Feldspielern, die rauf und runter laufen können. Als Torwart bist du immer auf der Lauer – mal kommt eine Ecke, mal kommt gar nichts. Und dann der Druck: Bekommst du einen rein, der haltbar ist, bist du das Arschloch.

Sind Torhüter auch abergläubischer? Sie haben ja immer mit dem rechten Fuß das Spielfeld betreten.

Nicht nur das. Ich hatte immer dieselben Rituale: Bevor das Spiel losging, bin ich durch den Mittelkreis, dann rechts, links an die Latte und immer das gleiche Aufwärmprogramm.

Glauben Sie, dass es etwas geholfen hat?

Weiß ich nicht. Man hat sich dann ein bisschen besser gefühlt. Wenn man gewinnt, muss man ja versuchen, bestimmte Sachen beizubehalten. Wahrscheinlich ist das alles Quatsch, aber man möchte gern daran glauben.

1978 fuhren Sie als dritter Torwart zur WM nach Argentinien – wie kann man sich das Untereinander zwischen den Konkurrenten auf den Platz im Tor vorstellen?

Das war ganz einfach: Es gab einen Sepp Maier, dann einen Rudi Kargus und Dieter Burdenski. Also eine klare Rangordnung. Wenn man das vorher weiß, akzeptiert man es auch. Sepp Maier war ja eine Lichtgestalt, weltweit einer der besten, und von daher konnte ich auch auf der Bank Platz nehmen, ohne mir Gedanken machen zu müssen.

Hätten Sie mit Oliver Kahns Entscheidung gerechnet, als Ersatztormann mit zur WM zu fahren?

Ich hatte es nicht erwartet, da muss ich ihm ein Kompliment machen. Er hat toll reagiert – aus welchen Gründen auch immer. Da spielen ja auch immer materielle Dinge eine Rolle.

Konnten Sie die Entscheidung für Lehmann verstehen?

Verstehen kann ich so was immer. Im Nachhinein war die Entscheidung wohl richtig, obwohl ich glaube, dass wir mit Oliver Kahn genau so weit gekommen wären. Die Unterschiede bei den Torhütern sind in Deutschland allgemein nicht so extrem. Wenn wir auf allen Positionen so besetzt wären, bräuchten wir uns gar keine Gedanken machen.

Wie wichtig ist die Lobby für einen Nationaltorhüter?

Das ist ein ganz wichtiger Faktor. Ich selbst hatte immer eine richtig gute Lobby. Aber wenn ich Oliver Reck oder Frank Rost sehe, muss ich sagen: Die hatten keine Lobby. Wenn man erstmal ein Stigma wie „Pannen-Olli“ drin hat, setzt sich das in den Köpfen der Leute fest und kommt bei jedem Fehler wieder hoch.

Wie hält man als Ersatzmann die Spannung?

Das ist ganz schwer. Wenn man lange nicht spielt, fehlt einem dieser Kick, dieser Reiz und man absolviert die Trainingseinheiten nicht mit den nötigen 100 Prozent, sondern vielleicht mit 70 oder 80. Und das reicht am Ende nicht aus um absolut top zu sein.

Uli Hoeneß hat sich vor kurzem ein wenig abschätzig über Robert Enke geäußert. Wen sehen Sie als künftige Nummer 1 im Tor?

Wir haben doch so viele gute Torhüter, dass wir uns gar keine Gedanken darüber machen müssen. Ich würde mich auch nie über einen Spieler abfällig äußern. Im Fußball sind wir alle eine große Familie und sollten uns nicht gegenseitig die Augen auskratzen.

Es ist momentan so, dass mit Enke und Hildebrand auf der einen, sowie Neuer und Adler auf der anderen Seite, fast schon zwei Generationen miteinander konkurrieren. Sind Sie für den sanften Übergang mit der Generation Enke, oder würden Sie eher sofort auf die Jugend bauen?

Für mich geht es ausschließlich nach Leistung und nicht nach dem Geburtsdatum. Sicher muss man auch irgendwann die Nummer eins festlegen – aber dann auch vorher einen fairen Konkurrenzkampf zulassen.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum Deutschland immer sehr gute Torhüter hervorgebracht hat?


Wahrscheinlich ist das eine Ausbildungssache. Und auch eine Charaktersache.

Hat dies auch etwas mit dem Stellenwert der Torhüter in den verschiedenen Ländern zu tun?

Torhüter werden sowieso nicht als so wertvoll angesehen, wie sie in Wirklichkeit sind. Die Mittelstürmer werden mit Geld zugeschüttet, während die Bezahlung der Torwarte nach Kategorie C verläuft, obwohl sie meistens diejenigen sind, die die Spiele gewinnen oder verlieren.

Was macht Ihrer Meinung nach einen guten Torwart aus?

Dass er in seinen Spielen so wenig Fehler wie möglich macht, einige Unhaltbare hält und vor allem keine Schwankungen hat. Wenn ich ein paar mal gepatzt habe, nützt es nichts, danach einmal hervorragend zu halten.

Welches würden Sie als das Spiel Ihres Lebens bezeichnen?

Junger Mann, ich habe fast 20 Jahre als Profi gespielt. Da gibt es so viele gute Spiele. Eines der interessantesten war sicherlich mein erstes Länderspiel gegen Uruguay in Montevideo. Damals war es noch wesentlich schwieriger, in die Nationalmannschaft zu kommen.

Gibt es den unhaltbaren Ball, den man dann doch hält, wirklich?

Davon habe ich sogar eine ganze Menge gehalten. Ich bin zwar nie aus meinem Tor gekommen, auch wenn eine Flanke zwei Meter daran vorbei gesegelt ist – aber einen Schuss von der Mittellinie, so wie heute, habe ich nicht reinbekommen.

Fliegen Sie nachts in Ihren Träumen noch durch den Strafraum?

Ich habe ja nie richtig mit dem Torhüten aufgehört und spiele heute noch mit 57 in der DFB-Traditionsmannschaft. Aber das Leben geht nach der Profikarriere weiter. Man hat danach noch 40 Jahre Zeit für andere Dinge. Der Fußball ist nur ein kleiner Teil des Lebens, und der Hauptteil fängt erst danach an.

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