26.10.2007

Dieter Burdenski im Interview

„Der Torwart ist das Arschloch“

Dieter Burdenski blickt zurück auf ein bewegtes Torhüterleben. Bremens Rekordspieler fing sich die meisten Gegentore in einer Saison, und beim Bundesligaskandal 1970 kassierte er unwissend 2400 DM für die Niederlage gegen Bielefeld.

Interview: Christian Dittmar Bild: imago
Ihr zweites Bundesligaspiel sollte in die Bundesligahistorie eingehen. (DFB-„Chefankläger“ Hans Kindermann ermittelte später, dass die Begegnung zwischen Schalke 04 und Arminia Bielefeld vom damaligen Schalker Vorstand und von Spielern „verkauft“ worden war, Anm. d. Red.)

Ich habe erst anderthalb Stunden vor dem Spiel erfahren, dass ich spielen darf. Danach war ich natürlich überglücklich und wollte zeigen, was ich kann. Ich habe auch überragend gehalten und war der Mann des Tages. Leider haben wir 1:0 verloren, und erst im Nachhinein wurde es dann das Skandalspiel. Aber ich habe mir nie etwas vorzuwerfen gehabt, und das wird sich auch bis zu meinem Tode nicht ändern. Ich war immer ehrgeizig, und deswegen habe ich es auch bei Freundschaftsspielen gehasst, wenn wir mal ein Tor reinbekommen haben.

Ahnten Sie während des Spiels wirklich nicht, dass es abgekartert war?

Keine Sekunde. Vielleicht, wenn ich 10 Jahre älter gewesen wäre. Aber so war ich mit meinen ganzen Gedanken nur darauf konzentriert, was als nächstes im Spiel passiert.

Geld bekamen Sie von Ihren Kollegen hinterher trotzdem. Mehr oder weniger als die 2300 DM Geldbuße, die Sie zwei Jahre später vom DFB auferlegt bekamen?

100 Mark mehr. Aber dazu kam noch eine dreimonatige Sperre.

In den Ermittlungen waren Sie ein wichtiger Kronzeuge.

Na ja, das, was ich wusste, habe ich gesagt. Und ich wusste ja nicht viel, weil ich ein Junge war, dem man sowieso nicht viel zugetraut hat. Ich habe nur gesagt, dass ich etwas bekommen habe, und das war ja auch die Wahrheit.

Nach dem Skandal wechselten Sie ausgerechnet zu Bielefeld.

Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch von gar nichts. Das kam erst am siebten, achten Spieltag raus. Für mich war wichtig zu spielen und mich weiterzuentwickeln. Und deswegen bin auch nicht zu den Bayern oder nach Köln gegangen.

Waren Sie über Bielefelds Zwangsabstieg froh, weil Sie dadurch nach Bremen wechseln konnten?

Überhaupt nicht froh. Das war schon eine extrem schwierige Zeit - mit Morddrohungen. Dadurch, dass ich gegangen bin, wurde Bielefeld vor dem Konkurs gerettet. Bremen hat damals eine utopisch hohe Ablösesumme – 340 000 Mark – für mich bezahlt. Eine Summe, die vorher unvorstellbar war.

Wie sehr wurmte es Sie, bei der WM ‘74 keine Berücksichtigung zu finden?

Die Torhüter kamen damals nur aus den großen Mannschaften, also von Bayern, Gladbach und Köln. Ich war immer unter den besten fünf, kam aber an Wolfgang Kleff und Sepp Maier nicht vorbei. Mit Werder habe ich leider immer gegen den Abstieg gespielt, und der größte Erfolg war, den Klassenerhalt nicht am letzten, sondern schon am vorletzten Spieltag klargemacht zu haben.

Kritiker warfen Ihnen zu Bremer Zeiten gelegentlich mangelnde Strafraumbeherrschung und Theatralik vor.

Die Strafraumbeherrschung war nicht meine Stärke, das stimmt schon. Aber ich habe nie für die Galerie gespielt, sondern war immer ein kühler und sachlicher Torwart.

In der Saison ‘85/‘86 hatten Sie mit Ihren Leistungen hohen Anteil daran, dass Bremen dem Titel schon zum Greifen nah war. Wie haben Sie den Elfmeter von Michael Kutzop erlebt?

Ich habe so etwas noch nie gesehen: Dieser verschossene Elfmeter hatte solch eine lähmende Wirkung auf die Mannschaft und die Zuschauer – das war erschreckend. Danach herrschte Totenstille im Stadion. Es war kein Pfiff zu hören. Da war nur noch blankes Entsetzen. Das hat schon sehr wehgetan, weil wir es wirklich verdient hatten, Meister zu werden. Im letzten Spiel in Stuttgart hatten wir trotzdem noch alle Möglichkeiten, aber die Hosen voll.

Kann man das Elfmetertöten trainieren?

Nein. Das passiert rein instinktiv. Ich kann nur auf den Spieler achten, seine Fußhaltung kurz vor dem Schuss.

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