Die Ultras von Galatasaray

»Wir müssen mit dem Strom schwimmen«

Sie haben Chapter in 82 türkischen Provinzen und über 60 Ländern. Sie sitzen in London, Abu Dhabi, Berlin oder Gelsenkirchen. Weltweit gibt es vermutlich keine größere Fangruppe als Galatasarays »UltrAslan«.

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136

Korrektur: Wenige Tage vor dem Spiel berichteten das Internetportal GazeteFutbol.com und sportschau.de, dass die Gruppe »UltrAslan« das Spiel aufgrund der Ticketverteilung boykottieren werde. Sie wirft Vereinspräsident Ünal Aysal vor, zu viele Tickets für sich selbst beansprucht zu haben. Das folgende Interview wurde im Rahmen der Reportage »Willkommen in der Hölle« (11FREUNDE #136, März-Ausgabe) geführt.

Ilker Sezgin, haben Sie Ahnung vom Wasserball?

Ilker Sezgin: (lacht) Überhaupt nicht. Ich habe mir vor dem Spiel ein paar Dinge bei Wikipedia durchgelesen, das war’s. Aber darum geht es ja auch nicht. Ich bin hier wegen der Stimmung, den Farben, meinen Freunden – wegen Galatasaray.

Sie fahren überall hin, wo Galatasaray spielt?
Sezgin: Ich versuche es. Kürzlich waren wir beim Basketball in Prag. Das war auch super.

Wie sieht es bei Ihnen aus, Levent Alkan?
Levent Alkan: Ähnlich. Mein schönstes Erlebnis mit Galatasaray ist kein Fußballspiel, sondern eine Reise zum Rollstuhl-Basketball nach Wetzlar. Dort sind wir vor einigen Jahren mit 150 oder 200 Leuten hingefahren und Champions-League-Sieger geworden. Das war eine sehr intensive Erfahrung.

Sie sind führende Mitglieder der Fangruppe »UltrAslan«. Haben Sie einen Überblick, wie viele Galatasaray-Fans zum Champions-League-Spiel nach Gelsenkirchen reisen werden?
Alkan: Wir werden das Kartenkontingent ausschöpfen. Wie immer.

Die meisten Galatasaray-Fans reisen aber nicht aus Istanbul an.
Alkan: Richtig. Wir haben uns aufgeteilt, die größte Gruppe befindet sich in Istanbul. Dazu gibt es aber überall auf der Welt »UltrAslan«-Gruppen: In 60 Ländern, auf fünf Kontinenten. Wir sind organisiert in Sportschulen, in Gymnasien, in Sekundarstufen, in Universitäten.
Sezgin: Wenn Galatasaray wie jetzt im Ruhrgebiet spielt, kommen vermehrt Fans aus den Benelux-Ländern und natürlich aus Westdeutschland.
Alkan: Für viele Türken bedeuten Reisen nach Deutschland oder England einen zu großen finanziellen und organisatorischen Aufwand. Sie brauchen ein Visum und ihr Durchschnittseinkommen ist nicht mit einem westeuropäischen Standard vergleichbar. Dank dem »UltrAslan«-Netzwerk ist es aber auch möglich, dass die Mannschaft, egal wo sie spielt, jedes Mal von mehreren tausend Fans am Flughafen empfangen wird.

Wie funktioniert der Ticketverkauf?
Sezgin: Man kann sich natürlich Karten auf dem konventionellen Weg über den Verein beschaffen, das ist aber bei solchen Spielen nahezu unmöglich. Besser läuft es über »UltrAslan«.

Sie bestimmen dann, wer die Tickets bekommt?
Sezgin: Wir haben eine Datenbank angelegt, in der jeder Fan mitsamt allen Spielen, die er sich angeguckt hat, vermerkt ist. Wenn es also ein begrenztes Kartenkontingent gibt wie jetzt beim Spiel auf Schalke, wird derjenige bevorzugt behandelt, der kürzlich harte Auswärtstouren auf sich genommen hat. Der zum Beispiel zu Basketballspielen nach Prag oder zur Champions-League-Partie nach Cluj gefahren ist.

Wenn deutsche Fans an türkische Fußballstadien denken, haben sie Bilder von brennenden Blöcken und marodierenden Fans im Kopf. Wie ist es tatsächlich?
Alkan: Es hat sich verändert. Pyrotechnik wird bei uns im Stadion nicht mehr organisiert gezündet. Das hat den einfachen Grund, dass der Klub deswegen in der Vergangenheit zu hohe Geldstrafen bekommen hat. Daraus resultieren Platzsperren oder diese sogenannten »Ladies Nights«, bei denen nur Kinder und Frauen zugelassen sind. Im schlimmsten Fall gehen uns dadurch zahlreiche Punkte flöten. Kurzum: Wir versuchen dem Verein nicht zu schaden.
Sezgin: Außerdem gibt es mittlerweile hochwertige Kamerasysteme – gerade in Galatasarays neuer Türk-Telekom-Arena. Wenn ein Fan also Pyros zündet, dann kann er sofort ausfindig gemacht werden. Allerdings wird nicht nur er belangt, sondern auch die führenden Köpfe der Gruppe müssen mit einer Strafe rechnen. Diese Köpfe, die die Autorität im Block genießen, können also problemlos dafür sorgen, dass nicht mehr gezündet wird.

Wie sieht es mit Gewalt aus?
Sezgin: Unser Gründer Alpaslan Dikmen hat immer gesagt: »Wenn wir angegriffen werden, wehren wir uns.« Tatsächlich hat es seit 2007 keine größeren Vorkommnisse beim Fußball gegeben.

Was ist damals passiert?
Sezgin: Wir hatten eine unfassbar schlechte Saison gespielt und traten am letzten Spieltag gegen den sicheren Meister Fenerbahce an. Schon vor dem Spiel tönten einige Galatasaray-Fans: »Wenn wir dieses auch noch Spiel verlieren, nehmen wir das Stadion auseinander.« So kam es auch.

Obwohl keine Gästefans anwesend waren.
Sezgin: Richtig, seit einigen Jahren sind bei Derbys keine Auswärtsfans mehr zugelassen. Ein Dilemma. Bei jenem Spiel randalierten die Fans gegen Spieler, schmissen Dinge aufs Feld, rissen Sitze aus den Verankerungen, prügelten sich mit Polizisten. Ein Beamter hielt sogar eine Waffe an den Kopf eines Fans.



In Deutschland wäre so ein Spiel zu Recht abgebrochen worden. Diese Partie wurde aber zu Ende gespielt.

Ein dritter Fan tritt an den Tisch und sagt: »Irgendwann lässt man es raus. Man ist ja auch nur ein Mensch.«

Man könnte also nachdenken.
Sezgin: Der Verein hat aber nach dem Spiel reagiert. Er hat gemerkt, dass wir nicht alles hinnehmen und dass es mit bestimmten Spielern nicht weitergeht. Die Polizei wusste allerdings, wer wie angefangen hatte. Die sind direkt am nächsten Tag zu denen Anstiftern nach Hause gegangen und haben sie festgenommen. Ein paar von den Jungs sitzen heute noch.

»UltrAslan« hat vor einigen Jahren seinen Schriftzug dem Klub zur Verfügung gestellt. Wieso?
Sezgin: Galatasaray ging es zu der Zeit finanziell sehr schlecht, und so entschieden die Istanbuler Köpfe von »UltrAslan«, die Lizenz für unser Merchandise für einige Jahre abzugeben. Der Verein hat dadurch sehr viel Geld eingenommen. Jetzt gehört das Logo wieder uns.

Galatasaray soll damit über drei MIlionen Euro eingenommen haben. Wird so etwas in der Fanszene nicht kritisch gesehen?
Sezgin: Zum Teil, ja. Aber es herrscht auch die einfache Losung vor: Wenn es Galatasaray nicht geben würde, gäbe es »UltrAslan« nicht.

Eine kritische Auseinandersetzung mit dem modernen Fußball gibt es demnach in der Türkei nicht?
Alkan: Die Frage ist doch: Wie willst du in Europa mithalten ohne modernen Fußball? Wir müssen leider mit dem Strom schwimmen, wenn wir eines Tages die Champions League gewinnen wollen. Und Spieler wie Didier Drogba oder Wesley Sneijder sind dafür eben wichtig.

Ilker Szegin und Levent Alkan, Sie sind beide in Deutschland aufgewachsen, sind dennoch Fans von Galatasaray. Haben Sie sich nie für deutschen Fußball interessiert?
Sezgin: Nicht wirklich. Ich kannte früher Schalke und Dortmund, denn ich bin im Ruhrgebiet aufgewachsen. Für mich gab es aber eigentlich immer nur Galatasaray. Auch wenn es abgedroschen klingt: Das Fansein liegt den Türken in den Genen. Mein Vater war Galatasaray-Fan, also bin ich es auch.
Alkan: Ich muss der Erb-Theorie widersprechen – mein Vater ist Besiktas-Fan. Dennoch: Galatasaray fand ich seit meiner Kindheit toll. Vielleicht weil es der erste türkische Klub war, der in Europa für Furore sorgen konnte.

Sie meinen den Uefa-Cup-Gewinn 2000.
Alkan: Unser Gründer Ali Sami Yen hat gesagt: »Unser Ziel ist es, nicht türkische Mannschaften zu besiegen, sondern europäische Teams.« Den ersten Schritt haben wir 2000 mit dem Gewinn des Uefa-Cups gemacht. Das war der erste internationale Titel einer türkischen Mannschaft. Jetzt kommt die Champions League!

Wie wichtig war das Spiel gegen Manchester United 1993, als Galatasaray das Star-Ensemble um Eric Cantona und Peter Schmeichel aus dem Wettbewerb schmeißen konnte?
Sezgin: »Welcome to hell!«, 1993! Es war das erste Spiel, was ich richtig bewusst erlebt habe. Damals war ich acht Jahre alt und verfolgte mit meinem Vater die Champions-League-Auslosung. Als dann die Partie Manchester United gegen Galatasaray gezogen wurde, stöhnte mein Vater auf. Ich kannte damals aber nicht viel außer Galatasaray, Borussia Dortmund und Bayern München. Also sagte ich: »Baba, wer ist schon Manchester? Wir sind Galatasaray!«

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Ilker Sezgin, 28, ist Politikwissenschaftler und ist in der Öffentlichkeitsarbeit für einen Berliner Verein tätig.
Levent Alkan, 34, arbeitet als selbständiger Obst- und Gemüsehändler in Berlin.

In der aktuellen 11FREUNDE-Ausgabe: »Willkommen in der Hölle« – unterwegs mit Galatasaray-Fans von Berlin nach Istanbul.

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