12.03.2013

Die Ultras von Galatasaray

»Wir müssen mit dem Strom schwimmen«

Sie haben Chapter in 82 türkischen Provinzen und über 60 Ländern. Sie sitzen in London, Abu Dhabi, Berlin oder Gelsenkirchen. Weltweit gibt es vermutlich keine größere Fangruppe als Galatasarays »UltrAslan«. Wir trafen Europa-Co-Koordinator Ilker Sezgin und Deutschland-Chef Levent Alkan beim Spiel Spandau 04 gegen Galatasaray SK, Wasserball-Champions-League.

Interview: Andreas Bock Bild: Imago

Korrektur: Wenige Tage vor dem Spiel berichteten das Internetportal GazeteFutbol.com und sportschau.de, dass die Gruppe »UltrAslan« das Spiel aufgrund der Ticketverteilung boykottieren werde. Sie wirft Vereinspräsident Ünal Aysal vor, zu viele Tickets für sich selbst beansprucht zu haben. Das folgende Interview wurde im Rahmen der Reportage »Willkommen in der Hölle« (11FREUNDE #136, März-Ausgabe) geführt.

Ilker Sezgin, haben Sie Ahnung vom Wasserball?

Ilker Sezgin: (lacht) Überhaupt nicht. Ich habe mir vor dem Spiel ein paar Dinge bei Wikipedia durchgelesen, das war’s. Aber darum geht es ja auch nicht. Ich bin hier wegen der Stimmung, den Farben, meinen Freunden – wegen Galatasaray.

Sie fahren überall hin, wo Galatasaray spielt?
Sezgin: Ich versuche es. Kürzlich waren wir beim Basketball in Prag. Das war auch super.

Wie sieht es bei Ihnen aus, Levent Alkan?
Levent Alkan: Ähnlich. Mein schönstes Erlebnis mit Galatasaray ist kein Fußballspiel, sondern eine Reise zum Rollstuhl-Basketball nach Wetzlar. Dort sind wir vor einigen Jahren mit 150 oder 200 Leuten hingefahren und Champions-League-Sieger geworden. Das war eine sehr intensive Erfahrung.

Sie sind führende Mitglieder der Fangruppe »UltrAslan«. Haben Sie einen Überblick, wie viele Galatasaray-Fans zum Champions-League-Spiel nach Gelsenkirchen reisen werden?
Alkan: Wir werden das Kartenkontingent ausschöpfen. Wie immer.

Die meisten Galatasaray-Fans reisen aber nicht aus Istanbul an.
Alkan: Richtig. Wir haben uns aufgeteilt, die größte Gruppe befindet sich in Istanbul. Dazu gibt es aber überall auf der Welt »UltrAslan«-Gruppen: In 60 Ländern, auf fünf Kontinenten. Wir sind organisiert in Sportschulen, in Gymnasien, in Sekundarstufen, in Universitäten.
Sezgin: Wenn Galatasaray wie jetzt im Ruhrgebiet spielt, kommen vermehrt Fans aus den Benelux-Ländern und natürlich aus Westdeutschland.
Alkan: Für viele Türken bedeuten Reisen nach Deutschland oder England einen zu großen finanziellen und organisatorischen Aufwand. Sie brauchen ein Visum und ihr Durchschnittseinkommen ist nicht mit einem westeuropäischen Standard vergleichbar. Dank dem »UltrAslan«-Netzwerk ist es aber auch möglich, dass die Mannschaft, egal wo sie spielt, jedes Mal von mehreren tausend Fans am Flughafen empfangen wird.

Wie funktioniert der Ticketverkauf?
Sezgin: Man kann sich natürlich Karten auf dem konventionellen Weg über den Verein beschaffen, das ist aber bei solchen Spielen nahezu unmöglich. Besser läuft es über »UltrAslan«.

Sie bestimmen dann, wer die Tickets bekommt?
Sezgin: Wir haben eine Datenbank angelegt, in der jeder Fan mitsamt allen Spielen, die er sich angeguckt hat, vermerkt ist. Wenn es also ein begrenztes Kartenkontingent gibt wie jetzt beim Spiel auf Schalke, wird derjenige bevorzugt behandelt, der kürzlich harte Auswärtstouren auf sich genommen hat. Der zum Beispiel zu Basketballspielen nach Prag oder zur Champions-League-Partie nach Cluj gefahren ist.

Wenn deutsche Fans an türkische Fußballstadien denken, haben sie Bilder von brennenden Blöcken und marodierenden Fans im Kopf. Wie ist es tatsächlich?
Alkan: Es hat sich verändert. Pyrotechnik wird bei uns im Stadion nicht mehr organisiert gezündet. Das hat den einfachen Grund, dass der Klub deswegen in der Vergangenheit zu hohe Geldstrafen bekommen hat. Daraus resultieren Platzsperren oder diese sogenannten »Ladies Nights«, bei denen nur Kinder und Frauen zugelassen sind. Im schlimmsten Fall gehen uns dadurch zahlreiche Punkte flöten. Kurzum: Wir versuchen dem Verein nicht zu schaden.
Sezgin: Außerdem gibt es mittlerweile hochwertige Kamerasysteme – gerade in Galatasarays neuer Türk-Telekom-Arena. Wenn ein Fan also Pyros zündet, dann kann er sofort ausfindig gemacht werden. Allerdings wird nicht nur er belangt, sondern auch die führenden Köpfe der Gruppe müssen mit einer Strafe rechnen. Diese Köpfe, die die Autorität im Block genießen, können also problemlos dafür sorgen, dass nicht mehr gezündet wird.

Wie sieht es mit Gewalt aus?
Sezgin: Unser Gründer Alpaslan Dikmen hat immer gesagt: »Wenn wir angegriffen werden, wehren wir uns.« Tatsächlich hat es seit 2007 keine größeren Vorkommnisse beim Fußball gegeben.

Was ist damals passiert?
Sezgin: Wir hatten eine unfassbar schlechte Saison gespielt und traten am letzten Spieltag gegen den sicheren Meister Fenerbahce an. Schon vor dem Spiel tönten einige Galatasaray-Fans: »Wenn wir dieses auch noch Spiel verlieren, nehmen wir das Stadion auseinander.« So kam es auch.

Obwohl keine Gästefans anwesend waren.
Sezgin: Richtig, seit einigen Jahren sind bei Derbys keine Auswärtsfans mehr zugelassen. Ein Dilemma. Bei jenem Spiel randalierten die Fans gegen Spieler, schmissen Dinge aufs Feld, rissen Sitze aus den Verankerungen, prügelten sich mit Polizisten. Ein Beamter hielt sogar eine Waffe an den Kopf eines Fans.



In Deutschland wäre so ein Spiel zu Recht abgebrochen worden. Diese Partie wurde aber zu Ende gespielt.

Ein dritter Fan tritt an den Tisch und sagt: »Irgendwann lässt man es raus. Man ist ja auch nur ein Mensch.«

Man könnte also nachdenken.
Sezgin: Der Verein hat aber nach dem Spiel reagiert. Er hat gemerkt, dass wir nicht alles hinnehmen und dass es mit bestimmten Spielern nicht weitergeht. Die Polizei wusste allerdings, wer wie angefangen hatte. Die sind direkt am nächsten Tag zu denen Anstiftern nach Hause gegangen und haben sie festgenommen. Ein paar von den Jungs sitzen heute noch.

»UltrAslan« hat vor einigen Jahren seinen Schriftzug dem Klub zur Verfügung gestellt. Wieso?
Sezgin: Galatasaray ging es zu der Zeit finanziell sehr schlecht, und so entschieden die Istanbuler Köpfe von »UltrAslan«, die Lizenz für unser Merchandise für einige Jahre abzugeben. Der Verein hat dadurch sehr viel Geld eingenommen. Jetzt gehört das Logo wieder uns.

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