»Die Spieler sehen sich stärker in der Pflicht«

Was ändert sich in Wolfsburg, Pierre Littbarski?

Nach Edin Dzekos Weggang befürchten Pessimisten den Absturz des VfL Wolfsburg. Co-Trainer Pierre Littbarski sieht indes auch positive Seiten. Ein Gespräch über die Bundesliga-Vorrunde, Sprachprobleme und das Bayern-Spiel. »Die Spieler sehen sich stärker in der Pflicht«Imago

Pierre Littbarski, neues Jahr, neues Glück – was muss sich beim VfL Wolfsburg 2011 ändern?

Pierre Littbarski: Wir haben in der Vorrunde zum Teil sehr sorglos gespielt, insbesondere im eigenen und im gegnerischen Strafraum. Es ist wenig Verantwortung übernommen worden. Ich habe jedoch im Trainingslager den Eindruck gewonnen, dass die Spieler aufgewacht sind. Durch den Weggang von Edin Dzeko sehen sich andere stärker in die Pflicht genommen.

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Der Wechsel des Ausnahmestürmers zu Manchester City als Vorteil?

Pierre Littbarski: So kann man das nicht sagen. Da muss man fair bleiben. Edin hat über dreieinhalb Jahre in Wolfsburg eine überragende Leistung gezeigt. Aber er wollte weg, was die Mitspieler gemerkt haben. Das war ein längerer Prozess mit Emotionswellen. Es tut wohl allen Seiten gut, dass endlich eine Entscheidung gefallen ist.

Nach dem Pokal-Aus gegen Cottbus vor Weihnachten war auch im Falle von Steve McClaren mit einer Entscheidung gerechnet worden. Es wurde fest von einer Entlassung ausgegangen. Dem war aber nicht so. Hätten Sie das gedacht?

Pierre Littbarski: In dem Beruf, den ich ausübe, muss man versuchen, sich mit solchen Dingen nicht so sehr zu beschäftigen. Das macht das Leben und die Arbeit einfacher. Es gibt so viele Faktoren, die du nicht im Griff hast. Also versuche ich das auszublenden.

Manager Dieter Hoeneß sprach in seiner Vorrundenbilanz klare Worte, auch was den Umgang des Trainerteams mit den Spielern angeht.

Pierre Littbarski: Die Spieler müssen härter an sich arbeiten und wir vom Trainerstab müssen die Jungs härter anpacken. Mit der Qualität, die unser Kader hat, müssten wir woanders in der Tabelle stehen. Aber wie ich schon sagte, ich habe das Gefühl, dass die Spieler aufgewacht sind.

Wie sieht Ihre Aufgabe im Trainerteam von  Steve McClaren aus?

Pierre Littbarski: In der täglichen Trainingsarbeit bin ich hauptsächlich für den Offensivbereich und die Standards zuständig. Und anfangs habe ich geholfen, die Sprachbarrieren zwischen Trainer und Spieler zu überwinden. Inzwischen ist die Rolle des Übersetzers weniger wichtig geworden.

Man möchte meinen, in der globalisierten Fußballwelt sollte Englisch als Verkehrssprache üblich sein und ein Steve McClaren also keine Kommunikationsprobleme haben?

Pierre Littbarski: Schön wär’s, aber das ist leider nicht so. Der eine oder andere Spieler spricht kaum oder gar kein Englisch. Aber umgekehrt ist es ja auch so, dass genauso viele Spieler kein oder nur wenig Deutsch sprechen. Doch da wissen wir uns schon zu helfen.

War es eine große Umstellung nach Jahren des Cheftrainer-Daseins wieder als Assistent zu arbeiten?


Pierre Littbarski: Nein, überhaupt nicht. Ich brauche es nicht für mein Ego, der Chef zu sein. Nach den Jahren in Japan, Australien und zuletzt in Vaduz bietet mir der Job in Wolfsburg unter anderem die Möglichkeit, die Bundesliga wieder zu durchforsten. Ich weiß jetzt wieder, wie sie funktioniert.

Ist es womöglich sogar angenehmer in zweiter Reihe zu arbeiten und nicht permanent als Cheftrainer im Fokus zu stehen?


Pierre Littbarski: Manchmal kann es für einen Co-Trainer in einem großen Klub anstrengender sein als in einem kleineren Klub als Cheftrainer.

Angenommen, die Klubspitze hätte Steve McClaren nach der unbefriedigenden Vorrunde entlassen, wären Sie als Nachfolger zur Verfügung gestanden oder hätten Sie gesagt, okay, dann gehe ich auch?

Pierre Littbarski: Das kann ich nicht sagen. Darüber habe ich mir auch keine Gedanken gemacht.

Was ist Steve McClaren für ein Trainertyp?

Pierre Littbarski: Er legt sehr viel Wert auf eine enge Zusammenarbeit mit Mannschaft und im Trainerstab. Er ist daher bei allen sehr beliebt. Steve McClaren ist kein Einzelkämpfer, dafür aber ein akribischer Arbeiter, der sich extrem intensiv mit der Gegnervorbereitung beschäftigt. Da kann man viel von ihm lernen. Und Steve McClaren liebt wie Louis van Gaal das Passspiel.

Sie haben gleich nach der Entlassung beim FC Vaduz beim FC Bayern München hospitiert.

Pierre Littbarski: Ja, ich war eine Woche lang an der Säbener Straße und konnte mir alles anschauen. Schon komisch, ein paar Wochen später saß ich dann bei Wolfsburg auf der Bank in der Münchner Allianz Arena.

Was ist Ihnen neben der Liebe zum Passspiel noch bei van Gaals Arbeit aufgefallen.

Es gibt weitere Ähnlichkeiten zu Steve McClaren. Bei beiden ist alles sehr, sehr gut organisiert. Und für beide ist Disziplin sehr wichtig.

Haben Sie sich auch deshalb für den Co-Trainer-Posten in Wolfsburg entschieden, weil Sie ein großer Bewunderer von Manchester United sind und McClaren früher Assistent von Alex Ferguson war?

Pierre Littbarski: (lacht) Das hat sicher mit eine Rolle gespielt. Ich muss zugeben, dass in meiner Kabine Dinge von United hängen. Ich finde das System und die Philosophie, die hinter Manchester United steht, absolut beeindruckend. Spieler kommen und gehen, aber der Klub ist immer erfolgreich. Das muss man erst einmal schaffen.

Was unterscheidet den FC Bayern München und Manchester United?

Pierre Littbarski: Die Qualität in der Breite ist bei Manchester United einfach noch höher. Die holen auch dann noch Punkte, wenn das Team verletzungsbedingt nicht so gut aufgestellt ist.

Was trauen Sie dem FC Bayern München in der laufenden Bundesligasaison noch zu?

Pierre Littbarski: Die Bayern werden sich unter den ersten Vier etablieren. Ob es für ganz oben reicht, weiß nicht. Dafür gibt es zu viele Fragezeichen: Robben, van Bommel, die Stürmer- und die Torwartfrage.

Man werde nicht mehr viele Spiele verlieren, heißt es aus der Säbener Straße. Ist das das übliche Münchner Imponiergehabe?

Pierre Littbarski: Wenn alle Spieler fit sind, dann werden die Bayern wohl wirklich nicht mehr viel verlieren. Ich hoffe natürlich, dass das Spiel gegen uns einer dieser Ausrutscher sein wird.

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