Die Parlotones über die WM und Marco Ballack

»Jedes Land hat ein Stigma«

Es gibt gefühlte 863 »offizielle« WM-Hymnen, doch einzig der Song »Come Back as Heroes« von der südafrikanischen Band The Parlotones hat das Zeug zum Sommerhit. Wir sprachen mit Sänger Kahn und Drummer Neil. Die Parlotones über die WM und Marco Ballack Promo

Kahn Morbee, Neil Pauw, alles dreht sich derzeit um Südafrika. Profitiert ihr davon?

Die WM hätte für uns sicher zu keinem besseren Zeitpunkt kommen können. So enttäuscht wir damals auch waren, wir können heute echt froh sein, dass Deutschland die WM 2006 bekommen hat. Weder Südafrika als Land noch wir als Band wären auf die ganze Aufmerksamkeit vorbereitet gewesen.

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In Südafrika seid ihr Megastars. Wie fühlt sich das an, wenn ihr hier in Europa vor kleineren Hallen spielt?

Es macht Spaß. Wir bauen uns hier langsam aber sicher eine solide Anhängerschaft auf. In Deutschland kommen inzwischen bis zu 500 Leute. Unser letztes Konzert in Berlin war bestens gefüllt. In London spielen wir in größeren Hallen. Da leben viele Exil-Südafrikaner und die bringen dann ihre Freunde mit und so weiter. Als wir das erste Mal in London gespielt haben waren ca. 40 Leute da und jetzt kommen schon 1400. Das schöne ist, das passiert jetzt alles viel schneller, als es in Südafrika passiert ist. Wir mussten viele Jahre hart arbeiten, bevor wenigstens unsere Eltern dachten, wir hätten was drauf.

Habt ihr Euren Hit »Life Design« und den ARD WM-Song »Come Back as Heroes« extra für die WM geschrieben?

 Das Album erschien in Südafrika ja bereits letztes Jahr. »Life Design« haben wir also nicht im Hinblick auf die WM geschrieben. Komischerweise ist es jetzt so was wie der Soundtrack auf dem Weg zum Turnier geworden. Die neue Single »Come Back as Heroes« hingegen ist eine richtige Hymne an den Sport und die Aufforderung an unsere Jungs: »Bitte gebt alles, macht uns stolz und werdet zu Helden.« 

Seid ihr Fußballfans?

Na klar. Und wir haben jetzt unsere Sympathien für die deutsche Nationalmannschaft entdeckt, weil wir den offiziellen ARD-Song liefern. Aber natürlich stehen wir in erster Linie ganz hinter Bafana Bafana. Es wäre einfach fantastisch, wenn ein afrikanisches Team zum ersten Mal den Pokal gewinnen würde. Aber das ist leider nicht sehr wahrscheinlich.

Kennt ihr irgendwelche deutschen Spieler?

Kahn: Nicht wirklich. Es sei denn mein Namensvetter Oliver Kahn spielt noch. Und ich bin mir sicher, da gibt es irgendeinen, der Hans heißt, oder?

Nein.

Neil: Und was ist mit Marco Ballack [sic!]? Gibt’s den noch? Ich mag den 1. FC Köln, die haben am Wochenende gewonnen, ein sehr sympathischer Verein. 

Spielt ihr selber?

Gern, aber nicht besonders gut. Wir haben neulich bei einem Benefizspiel der Orlando Pirates mitgemacht und mit südafrikanischen Soap-Sternchen und Journalisten gespielt. Ich glaube, wir waren die einzigen Weißen auf dem Feld.

Rugby und Kricket sind in Südafrika noch immer die Sportarten der Weißen, der Fußball rangiert abgeschlagen dahinter. Werden die weißen Südafrikaner sich für die Spiele bei der WM begeistern?

1995, als wir die Rugby-WM im eigenen Land gewonnen haben, waren plötzlich auch viele Schwarze, die bis dahin kaum Kontakt mit dem Sport hatten, begeisterte Anhänger. Das wird anders herum genauso sein. Die Euphorie ist einfach ansteckend. Das ist wie mit Musik. Es geht da gar nicht um die Hautfarbe, sondern darum, mit was für Einflüssen man aufgewachsen ist.

Verfolgt ihr die südafrikanische Liga?

Leider ist unsere Liga kein wirklicher Zuschauermagnet. Es gibt eigentlich nur zwei Teams, die Pirates und die Chiefs, die eine Riesenmenge anziehen. Die meisten Südafrikaner schauen in erster Linie die Spiele der englischen Premier League und weniger die lokale Liga, das ist eigentlich ziemlich schade. Aber ich muss gestehen, ich tu das auch. Allerdings habe ich kaum noch Zeit, mir komplette Spiele anzusehen. Eigentlich komme ich sonntags nach Hause, mach den Fernseher an und schau im Videotext wie die Spiele im Rugby und Fußball ausgegangen sind.

Die Rugby-WM 1995 wird oft als der magische Versöhnungsmoment im Postapartheid-Südafrika bezeichnet.

Wir waren 15 oder 16 und feierten unsere ersten Partys ohne genau zu verstehen, was da eigentlich abging. Die Stimmung war großartig. Natürlich war das Turnier nicht diese harmonische Luftblase in Regenbogenfarben als die es so oft beschrieben wird. Die Probleme haben sich nicht einfach in Luft aufgelöst. Aber es war ein Riesenschritt für uns und dieses Land. Es wäre töricht zu glauben, dass wir nur 16 Jahre nach Einführung der Demokratie am Ziel angekommen wären. Wir müssen noch sehr viel lernen, sind aber auf einem guten Weg.

Es heißt oft, dass Deutschland durch die WM 2006 sein Image aufpoliert hat. Hat das Sommermärchen Eure Wahrnehmung verändert?

Neil: Nicht wirklich. Als ich klein war hatte ich sowieso eine total verquere Vorstellung von Europa. Da war einfach alles groß, schön und beeindruckend. Wir hatten nie ein schlechtes Bild von Deutschland. Deshalb konnte sich das Image auch nicht verbessern.

Kahn: Genau, für mich war Deutschland immer schon immer dieses super effiziente Land, wo alles klappt wie am Schnürchen. Deshalb hat es mich nicht überrascht, dass die WM so ein Erfolg war. Wir freuen uns immer sehr darauf, herzukommen. Hier lässt sich alles gut planen, vor allem die Partys.

Denkt ihr, die WM in Eurem Heimatland wird ein Erfolg?

Es wird ein Riesenerfolg werden. Auch wenn einige zuhause in Südafrika völlig unrealistische Erwartungen daran knüpfen. Sie erwarten ein märchenhaftes, magisches Event, das ganz Südafrika erfassen und verwandeln wird. Die Wirtschaft wird aufblühen, der Tourismus wird boomen wie nie zuvor und alle unsere Probleme werden einfach verschwinden. So einfach wird es nicht sein. Aber eine grandiose Party und blauen Himmel könnt ihr erwarten.

Wie sieht es mit der Kriminalität aus?

Natürlich gibt es eine hohe Kriminalitätsrate, aber definitiv steht die in keinem Verhältnis dazu, wie viel die Leute drüber reden. Jedem Land wird ein bestimmtes Stigma zugeordnet. Alle englischen Fans sind Hooligans und in Südafrika wirst du ständig überfallen. Ich persönlich wurde in London überfallen, das kann dir wirklich überall passieren.

Habt ihr tatsächlich bei der Vereidigung von Präsident Zuma gespielt?

Ja, das war ziemlich cool und wirklich eine Ehre. Es gab ein ganzes Line-up von Bands, die verschiedene südafrikanische Genres und Kulturen repräsentierten. Volksmusik in Afrikaans, HipHop und das typisch südafrikanische Kwaito. Die Zuschauer waren mehrheitlich schwarz und einige fanden uns ziemlich beschissen. Viele andere haben aber angefangen mitzusingen und zu tanzen.

In Südafrika gibt einen Parlotones-Laptop, ein Parlotones-Handy, ein Menü bei KFC und jetzt habt ihr auch noch euren eigenen Wein rausgebracht. Wieso?

Wir haben unsere Seele an den Kommerz verkauft. Nein, im Ernst, wir haben echt Glück. Es passiert in Südafrika nicht oft, dass sich die großen Firmen für Bands interessieren und schon gar nicht für Rockbands. Normalerweise engagieren die sich nur im Sport. Und über diese Wege erreichen wir so viele Leute, die wir sonst nicht erreichen würden. Obwohl wir schwarze Fans haben, machen die nur einen ganz kleinen Teil unserer Anhängerschaft aus. Wir hätten gerne mehr schwarze Fans, aber die sind hauptsächlich mit Hip Hop und Kwaito aufgewachsen und können mit Rock oft nicht so viel anfangen. Genau die erreichen wir durch solche Kooperationen mehr und mehr.

Wie weit kommt Bafana Bafana bei der WM?

Hoffentlich schaffen sie es ins Achtelfinale. Wir haben keine großartige Mannschaft, aber mit all den Fans im Rücken könnten wir es schaffen. Wir wollen wenigstens ein Unentschieden und nicht bloß Riesenschlappen. Wir waren überraschend gut beim Confed-Cup letztes Jahr. Und wenn man es mal mit der Rugby-WM 1995 vergleicht, da waren wir auch nicht das beste Team. Wir haben kein großartiges Turnier gespielt und im Finale waren die Neuseeländer eigentlich besser. Aber wir wollten es einfach mehr. Und so haben wir den Pokal auf Heimatboden letztendlich errungen.

Und wer kommt nun als Held aus Südafrika zurück?

Kahn: Hoffentlich Deutschland. Obwohl es schon großartig wäre, wenn es ein afrikanisches Team schafft. Das könnte aber nur die Elfenbeinküste sein.

Neil: Ich bin für Holland. Die Holländer stehen fest auf beiden Beinen, die haut so leicht nichts um. Außer Robben, der fällt gerne, wenn sich die Möglichkeit bietet.

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The Parlotones sind eine Indie-Rock-Band aus Johannesburg, die sich 1998 gegründet hat. Nach vier Alben veröffentlichte die Band am 21. Mai 2010 die Single »Come Back as Heroes«.

Infos und Musik:
www.myspace.com/theparlotones

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