Die leidige Kunstrasen-Diskussion

»Klagen sind unbegründet«

Vor dem Qualifikationsspiel der DFB-Auswahl gegen Russland tobt eine Diskussion über den Kunstrasenplatz in Moskau. Wir sprachen mit Rasenexperte Dr. Wolfgang Potthast über die Unterschiede zwischen Gummibelag und Naturasen. Die leidige Kunstrasen-Diskussion

Dr. Wolfgang Potthast und sein Team untersuchten in einer Studie für die Sporthochschule Köln die Unterschiede zwischen Kunstrasenplätzen und Naturrasen. Dafür ließen sie Amateurspieler und Jugendspieler Torschüsse und Flanken auf verschiedenen Kunstrasenplätzen unterschiedlicher Qualität und auf Naturrasen ausführen. Die Bewegungen der Spieler wurden mit Hochgeschwindigkeitskameras aufgenommen, die dreidimensionalen Darstellungen anschließend am Computer analysiert.

Herr Dr. Potthast, viele Spieler klagen über den stumpfen Plastikrasen. Welche Erkenntnisse konnten Sie bei ihrer Vergleichsstudie gewinnen?


Die Klagen sind in einigen Fällen unbegründet. Die Bewegungen der Spieler unterscheiden sich zwischen einem guten Kunstrasen und einem Naturrasen weniger als zwischen den Kunstrasenplätzen unterschiedlicher Qualität. Bei der Anlaufrichtung und Anlaufgeschwindigkeit der Spieler konnten wir keine Unterschiede feststellen, auch Schußhärte und Präzision sind gleich.

Das heißt, es sind praktisch keine Unterschiede festzustellen?

Nicht ganz, der abbremsende Stemmschritt der Spieler erfolgt anders. Auf guten Kunstrasenplätzen und auf Naturrasen ist der Brems-Impuls stark ausgeprägt, auf schlechten Kunstrasen ist dies weniger der Fall. Beim Standbein knickt der Fuß bei einem schlechten Kunstrasen zudem stärker nach außen ab. Das ist ein Indiz dafür, dass die Bewegungskontrolle schwieriger ist.

Müssen Trainer auf Kunstrasen ein anderes System spielen lassen?

Aus der Literatur geht hervor, dass auf Kunstrasen das Flügelspiel weniger ausgeführt wird. Spieler berichten, sie kämen nicht so gut unter den Ball. Wir haben Unterschiede beim Flanken gefunden, da tendieren die Spieler eher zum Vollspannstoß.

Welchem Spielertyp kommen Kunstrasenplätze entgegen?

Technisch versierte Spieler sind bei einem Kunstrasenplatz im Vorteil, denn häufig sind Naturrasen auch schlecht gepflegt, was dazu führt, dass Bälle eher verspringen.

Nach einem Trainingsspiel der DFB-Elf auf Kunstrasen klagten Spieler über muskuläre Probleme. Ist die Verletzungsgefahr höher?


Bei der neuen Generation der Kunstrasen scheint die Verletzungsgefahr generell nicht größer zu sein. Langzeitstudien gibt es dazu jedoch nicht, die gibt es aber auch nicht zu Rasenplätzen oder zum Fußball im Allgemeinen. Die Spieler berichten darüber, dass der Kunstrasen beim Auftreten nicht so viel nachgibt und der Fuß nicht eindrehen kann. Dadurch wird die Stützmuskulatur der Sprung- und Kniegelenke stärker belastet, das könnte zu muskulären Anpassungsproblemen führen, die aber mit Training abgestellt werden können.

Auf welche wissenschaftlichen Erkenntnisse stützt sich die Fifa bei der Erstellung ihrer Regularien für Kunstrasenplätze?

Bisher gibt es von der Fifa nur rein mechanische Tests über Sprungverhalten oder Reibung, aber wissenschaftlich wissen wir heute noch nicht, wie das biologische System, also die Spieler, mit dem synthetischen Untergrund interagieren. Daher wollen wir mit unserer Studie dazu beitragen, eine genauere Vorstellung von diesen Vorgängen zu bekommen.

Glauben Sie, dass mit Hilfe der Forschung Kunstrasenplätze die Zukunft sind?

Da ich selber spiele, hoffe ich das nicht. Dadurch gehen viele Dinge verloren, die zum Fußball dazu gehören. Wie der Geruch nach Gras nach einem intensiv geführten Spiel. Aber ich denke, es wird mehr Kunstrasenplätze geben, da dies auch ein ökonomischer Faktor ist und da bei diesen Plätzen die Einflüsse aus den Witterungsverhältnissen besser in den Griff zu bekommen sind.

Wieviel Vorteil bringt den Russen der Kunstrasenplatz in Moskau?

Natürlich verstärkt es den Heimvorteil, wenn man den Platz gewohnt ist, aber das ist bei allen Plätzen der Fall. Ich würde dies auf keinen Fall als Wettbewerbsverzerrung ansehen.

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