Die Kremers-Zwillinge über Bestechung, Bier und ihre Trainer

»Für so einen Scheiß kriegst du keine Mark«

Erwin und Helmut Kremers sind die berühmtesten Zwillinge des deutschen Fußballs. Sie ließen Max Merkel den Müll runterbringen und schlugen Klaus Fischer mit dem Schaumstoffhammer. Für Ausgabe #147 sprachen wir mit ihnen über Bestechung, Schiedrichterbeleidigung und die Nationalmannschaft.

imago
Heft: #
147

Helmut und Erwin Kremers, Sie wurden 1949 in Mönchengladbach geboren. Wieso sind Sie kein Teil der legendären Fohlengeschichte?
Helmut Kremers: Das hatte weniger sportliche als finanzielle Gründe.
Erwin Kremers: Es gab Krach mit Helmut Grashoff, dem Geschäftsführer. Trainer Hennes Weisweiler war ziemlich wütend, als wir den Verein verließen.

Welche Erinnerungen haben Sie an Weisweiler?
Erwin: Ein toller Trainer, nur dass man mit ihm nicht diskutieren konnte. Aber das passte zur damaligen Zeit.
Helmut: Als 18-Jähriger hab ich ein paar Spiele als Libero gemacht und gar nicht mal schlecht. Da hab ich gedacht, ich darf in der Mannschaftsbesprechung auch mal den Mund aufmachen. Das Theater hätten Sie erleben müssen.
Erwin: Ich war immer ein ganz toller Kopfballspieler, der nie einen bekommen hat und da auch nicht hingegangen ist. Weisweiler hat gesagt: »Wenn du ein Kopfballtor machst, bekommst du 100 Mark von mir.« Wie der Zufall es wollte, habe ich im nächsten Spiel tatsächlich eines gemacht, von Weisweiler danach allerdings nichts mehr gehört. Nun waren wir Brüder immer ziemlich frei raus, also habe ich den Trainer darauf angesprochen. Da knurrte er: »Pass auf, du bist angeschossen worden, für so einen Scheiß kriegst du keine Mark!«

Sie sind dann über Offenbach 1971 auf Schalke gelandet.
Erwin: Wir hatten damals viele Möglichkeiten, innerhalb der Bundesliga zu wechseln. Aber in Schalke haben wir ein Team vorgefunden, das perspektivisch Spitzenklasse war, mit Fischer, Rüssmann und Lütkebohmert. Leider kam der Bundesligaskandal dazwischen. Wenn der nicht gewesen wäre, hätte dort Großes entstehen können.

In den Bestechungsskandal, der sich auf die Vorsaison bezog, waren die meisten Ihrer Mitspieler verwickelt. Die Wahrheit kam erst nach und nach ans Tageslicht. Wie muss man sich die damalige Atmosphäre innerhalb der Mannschaft vorstellen?
Helmut: Furchtbar. Wenn wir uns eigentlich auf ein Spiel vorbereiten wollten, haben sich die betroffenen Jungs zusammengesetzt und darüber diskutiert, was alles passieren könnte, von lebenslänglichen Sperren bis hin zu Gefängnisstrafen. Man kann sich gar nicht vorstellen, mit welchem Druck die umgehen mussten. Insofern war es ein kleines Wunder, dass wir 1972 immerhin Vizemeister geworden sind.

Haben Sie denn nichts von Bestechungen mitbekommen? Kickers Offenbach war doch auch darin verstrickt.
Helmut: In Offenbach direkt nicht. Aber mit Arminia Bielefeld haben wir mal was erlebt. Von dort hat uns einer angerufen, der in der Presse später »Mister X« hieß.
Erwin: Mit dem hatten wir einen Termin an der Raststätte Medenbach. Dort wurden uns tolle Dinge angeboten, wenn wir nach Bielefeld wechseln.
Helmut: Autos, eine Wohnung.
Erwin: Dann kamen sie damit raus: »Das bedingt aber, dass wir am Wochenende bei euch gewinnen.« Das ging so weit, dass sie uns Blankoschecks hinlegten: »Wenn wir gewinnen, könnt ihr den Betrag selbst eintragen.« Wir haben die Schecks liegenlassen und gedacht, das wäre ein Einzelfall.
Stattdessen wurde der Bundesligaskandal zur Zerreißprobe für den deutschen Fußball und Ihre Schalker Mannschaft komplett gesprengt.
Helmut: Im Jahr darauf spielten Jungs bei uns mit, die kannten wir gar nicht.

Wo kamen die her?
Helmut: Aus der Amateurabteilung.
Erwin: Dass wir in dem Jahr in der Bundesliga geblieben sind, war der größte Erfolg überhaupt.

Sie beide waren mittlerweile Nationalspieler. Fühlten Sie sich nicht im falschen Film?
Erwin: Das schon, wobei man sagen muss, dass der Zusammenhalt innerhalb der Mannschaft enorm war. Zu Fischer, Abramczyk oder Nigbur haben wir heute noch einen tollen Kontakt, der mittlerweile leider verstorbene Rolf Rüssmann war ein enger Freund.
Helmut: Die meisten in den Skandal verwickelten Jungs waren kaum 20 Jahre alt. Und sie haben Fehler begangen, aus Kameradschaft. Bei Arminia Bielefeld gab es einen Ex-Schalker namens Slomiany, dem sie helfen wollten. Teilweise wussten die Spieler gar nicht, dass es für die Niederlage Geld gab. Auf einmal hieß es: »Wir treffen uns heute Abend am Löwenpark, da gibt es Geld zu verteilen.«

Vier Jahre nach dem Skandal ist Schalke wieder Vizemeister geworden. Wie war das möglich?
Erwin: Zum einen wurden die gesperrten Spieler nach und nach begnadigt. Zum anderen hat es geholfen, dass Max Merkel als Trainer entlassen wurde.
Helmut: Durch mich. (Lacht.) Wir hatten ja so einige Trainer, aber mit dem sind wir überhaupt nicht klargekommen. Der hat es geschafft, eine intakte Mannschaft komplett durcheinanderzubringen. Uns konnte er überhaupt nicht leiden, zu allem Überfluss wohnte er mit uns in einem Haus. In einem Interview habe ich gesagt: »Ich gehe davon aus, dass der Max Merkel die Mülleimer raus bringt.« Das sollte ein Scherz sein, aber da war der schon sauer ohne Ende. Einmal wurden über Nacht seine Reifen geklaut: Auto aufgebockt und Reifen weg! Am nächsten Morgen saß er in seinem Auto und wollte zum Training. Ich bin dran vorbei, hab gelacht, mich in mein Auto gesetzt und bin los. Wir haben den nicht mitgenommen.
Erwin: Im Nachhinein hat er gesagt, wir wären das gewesen. Dabei kann ich gar keine Reifen wechseln.
Helmut: Das waren Kämpfe. Einmal hat er mich zu sich gerufen und gesagt: »Sie verdienen so viel Geld, Sie müssten zehn Kilometer mehr laufen.« Darauf hab ich geantwortet: »Trainer, wenn Sie finanzielle Schwierigkeiten haben, dann sagen Sie doch Bescheid!«

Erwin, Sie mussten bereits mit 28 Ihre Karriere beenden.
Erwin: Ich habe mir in einem Bundesligaspiel einen komplizierten Muskelriss zugezogen. Damals wurde man als Stürmer von der ersten bis zur letzten Minute getreten. Da ist kein Schiedsrichter dazwischengegangen.

Helmut, Sie haben noch in den USA gespielt und sind nach der aktiven Laufbahn Schalke erhalten geblieben. Sie waren allein dreimal Manager, dazu einmal Interimstrainer und einmal Präsident. In Ihrer Wahlrede sagten Sie 1994 den Satz: »Wenn wir früher gegen Dortmund gespielt haben, haben wir uns nicht einmal umgezogen.« Stimmt es, dass Erwin den Satz souffliert hat?
Erwin: Ich habe mir die Rede in seinem Büro angesehen und gesagt: »Ist ja toll, aber du musst einen Kracher reinbringen, damit die Leute dich sofort wählen.« Eigentlich wäre es mir aber lieber gewesen, er wäre gar nicht gewählt worden. Weil ich von Anfang an kein gutes Gefühl hatte.

Warum haben Sie ihm dann den Satz gesteckt?
Erwin: Weil mich interessiert hat, was man damit bewirken kann. Und ich weiß, dass Helmut nervenstark ist.
Im Nachhinein war die Amtszeit nicht so lustig.
Helmut: Die wollten mich mit Gewalt nicht: Aufsichtsrat, Vorstand, Sponsoren. Damals wurde das neue Stadion gebaut und da waren zu viele Interessen im Spiel. Ich habe anonyme Anrufe bekommen, man würde mein Auto beobachten und man wisse, wo meine Kinder zur Schule gehen. Da sind Dinge abgelaufen, die kann man sich gar nicht vorstellen.

Sie beide haben zusammen gerade mal 23 Länderspiele absolviert. Ein bisschen wenig für Ihr Talent.
Erwin: Stimmt. Wobei du dort gar nicht so gern gespielt hast.
Helmut: Ich hab mich da nie richtig wohlgefühlt. Außerdem wurde ich 1974 im Trainingslager in Malente erwischt.

Sie sind ausgebüxt?
Helmut: Genau. Einer der Polizisten, die uns bewachten – es war die Zeit der »Baader-Meinhof-Gruppe« –, hatte mir freundlicherweise einen Wagen zur Verfügung gestellt. Als ich am frühen Morgen zurückkam und mit ihm noch ein Bier trank, hat mich Co-Trainer Jupp Derwall erwischt. Ab dem Zeitpunkt hatte sich die WM für mich erledigt. Ich habe keine Minute gespielt und fühle mich auch nicht als Weltmeister.

Können Sie sich noch an den Prämienstreit zwischen den Nationalspielern und dem DFB erinnern?
Helmut: Das ging bis zum frühen Morgen. Alle waren betrunken, Trainer Helmut Schön lag auf seinem Zimmer und hat geweint. Da war auch noch sein Pudel gestorben. Als es unter uns zur Abstimmung kam, stand es elf zu elf. Elf waren dafür, abzureisen, die anderen elf wollten bleiben.
Da stand die WM auf der Kippe.
Helmut: Es ging hoch her. Zwischendurch ist Derwall reingekommen, er und Breitner haben sich gegenseitig beleidigt. Ich glaube, es war Horst Höttges, der zu Derwall gesagt hat: »Du grauer Elch, was willst du denn?« Je mehr Alkohol getrunken wurde, desto schlimmer wurde es. Aber dann ist einer umgekippt und es stand zwölf zu zehn.

Erwin, Sie waren Europameister 1972, aber 1974 waren Sie nicht dabei. Wenn man Ihrem Bruder zuhört, haben Sie ja nicht viel Schönes verpasst.
Erwin: Ich bin trotzdem traurig darüber. So eine Weltmeisterschaft daheim ist ein einmaliges Erlebnis. Aber ich habe nicht gewusst, dass ich nicht zur WM darf, wenn ich in der Bundesliga eine Rote Karte bekomme.

Sie haben im letzten Spiel der Saison 1973 / 74 Schiedsrichter Max Klauser beleidigt. Von »Blöde Sau« bis »Du Idiot« finden sich unterschiedliche Angaben.
Erwin: »Blöde Sau« kommt schon hin. Angeblich wollte er mir eine Brücke bauen und hat noch mal nachgefragt. Darauf habe ich gesagt: »Und jetzt noch mal für Doofe: Sie sind eine blöde Sau!« Dann gab es Rot.
Helmut: Eigentlich ist das meine Schuld.
Erwin: Ich war auf dem Platz immer etwas impulsiv. Er hat mich oft zurückgehalten, doch in dem Spiel war er verletzt.

Für Zwillinge sind Sie ziemlich unterschiedlich.
Erwin: Ich war auf dem Platz eher der Wilde, dafür außerhalb ein ganz Braver. Wie hast du mich immer genannt?
Helmut: Herr Pastor.
Erwin: Klaus Fischer hat vor ein paar Jahren zu mir gesagt: »Erwin, wenn alle so gewesen wären wie wir beiden, wären wir auch Deutscher Meister geworden.«
Helmut: Dazu fällt mir noch eine Geschichte ein. Vor einem Auswärtsspiel in Frankfurt sind Rüdiger Abramczyk und ich zusammen weggegangen und in einer Kaschemme gelandet, wo ein Riesenhammer aus Schaumgummi an der Wand hing. Den haben wir mit ins Hotel genommen, sind in diverse Zimmer eingedrungen und haben ihn Leuten auf den Kopf geschlagen. Da waren auch Wildfremde dabei und es gab ein Chaos, sogar die Polizei war vor Ort. Abi und ich haben uns unerkannt aufs Zimmer verdrückt. Als wir beim Frühstück saßen, meldete sich Klaus Fischer zu Wort: »Ich habe so was von schlecht geschlafen.« Ich habe zu ihm immer Walter gesagt und meinte: »Walter, was ist denn passiert?« Sagt er: »Ich hab geträumt, man hätte mich überfallen, mit einem Riesenhammer.« Mir ist vor Schreck das Rührei aus dem Mund gefallen.

Wir müssen über »Das Mädchen meiner Träume« sprechen.
Helmut: Unsere Single. War eigentlich überhaupt nicht meine Musik, eine Schnulze ohne Ende. Ich liebe Rockmusik.
Erwin: Das kam zustande, als wir in Frank Elstners Sendung »Montagsmaler« zu Gast waren. Frank ist heute noch einer unserer ältesten Freunde. Damals hat er gefragt: »Könnt ihr eigentlich singen?« Und bevor ich »Nein« sagen konnte, hatte Helmut »Ja« gesagt. Einige Tage später war ein Mann mit griechischem Akzent am Telefon: »Hier ist Leandros.« Ich sagte: »Was wünschen Sie denn?« Er sagte: »Ist mein Name Leo Leandros. Bin ich Vater von Vicky.« Kurz darauf sind wir nach Hamburg ins Tonstudio gefahren und haben die Platte aufgenommen.

Die sich immerhin 50.000 Mal verkauft hat.
Helmut: Sie glauben nicht, was wir für Angebote hatten, mit ZDF-Hitparade und allem. Wir haben alles abgelehnt, weil wir uns aufs Fußballspielen konzentrieren mussten.

Groupies und Glamour waren Ihnen egal?
Erwin: Für mich hatte das keine Bedeutung. Ich habe mich ohnehin eher versteckt.
Helmut: Und mir ging es immer nur darum, dass ich nachher sagen konnte: Hat Spaß gemacht.

Sie hatten also keine Ambitionen, einem George Best nachzueifern?
Helmut: Nicht wirklich. Gegen Geogie habe ich übrigens noch in Amerika gespielt. Nach einem Spiel sind wir mal zusammen weg. Bests Team hatte einen englischen Torwart, der sich zu später Stunde auf einen elektrischen Bullen setzte. George hat veranlasst, dass der Bulle gleich auf höchster Stufe lief. Der Keeper ist sofort runtergeflogen und hat sich den Arm gebrochen. Doch ansonsten war Georgie ein ganz feiner Kerl, und es ist traurig, wie es nachher mit ihm zu Ende gegangen ist.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!