Die Folgen des Notts County-Falls

»England ist krank«

Dave Boyle ist Sprecher der Fan-Organisation »Supporters Direct«. Er war nah dran an der Entwicklung beim englischen Klub Notts County. Im Interview klärt er auf, dort vor sich ging und woran der englische Fußball krankt. Die Folgen des Notts County-Falls

Nottingham County hat einen neuen Besitzer: Ray Trew kaufte den Verein für einen Euro. Was ist über ihn bekannt?

Er ist einer dieser Leute im englischen Fußball, die sich damit brüsten, einen Fußballclub zu besitzen. Er ist reich, vor einigen Jahren war er Eigentümer von Lincoln City. Er wollte gar Lincoln City an die Börse bringen. Trew versucht überall neue Geldquellen zu erschließen, dabei geht er auch über Leichen.

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Also betreibt er mit dem Verein lediglich Imagepflege?


Er ist schon jemand, der den Fußball mag, aber in England verhält sich die Sache mit dem stärksten Mann im Club anders als in Deutschland. Hier gibt es eine lange Tradition von Leuten, die einmal kurz Geld in den Verein pumpen und nach einiger Zeit zu einem anderen Verein weiterziehen. Kontinuität gibt es bei denjenigen, die den Club führen, sehr selten. Diese Leute sind ständig auf der Suche nach anderen Vereinen, bei denen sie Einfluss nehmen können. 

So werden Fußballclubs zum Spielzeug.


Ganz egal, wie das Anliegen auch aussehen mag und egal, wie viel Geld ein Investor in einen Club steckt, letztendlich wird man Geld verlieren. Einen Fußballverein zu besitzen ist kein rentables Geschäft. In diesem Sinne ist England krank, nicht nur in den unteren Ligen.

Wenn diese Geldgeber ihr Verlustgeschäft bemerken und sich dann zurückziehen, hat der Club keine Möglichkeit die Schulden zu begleichen. Wenn man dem Club aber kein Geld abnehmen kann, dann geht man an die Vermögenswerte wie beispielsweise das Stadion. 

Was kann man über Munto sagen? Die Firma, die Notts County eigentlich im vergangenen Sommer übernehmen wollte.


Niemand weiß das so genau. Und das Schlimme ist: Diese Firma und ihr Geld wurden nie hinterfragt. Munto ist ja mit dem Geschäft mit Notts County hausieren gegangen und wollte auch das BMW Sauber Team übernehmen. Doch BMW bezweifelte, dass Munto das Geld wirklich aufbringen würde und lehnte ab. Diese Skepsis hätte Notts auch gut getan.

Also wurde Notts reingelegt?


Sie waren einfach zu leichtgläubig an einer Stelle, wo Skepsis angebracht wäre. Das hängt mit ihrer Verzweiflung zusammen. Als die Sache wirklich ernst wurde und Gelder gezahlt werden sollten, verschwanden die Protagonisten von Munto. Keiner weiß, wo sie sind. Am Anfang zeigten sie sich noch im Stadion und freuten sich, dass sie mit diesem tollen Märchen von Notts County in Verbindung gebracht wurden.

Wenn Notts von Anfang an skeptisch gewesen wäre, dann wäre der gesamte Betrug nicht zu Stande gekommen. Der Club gehörte den Fans und wurde demokratisch geführt. Doch als es zu der Abstimmung zum Thema Munto kamen, stimmten 93 Prozent für den Verkauf. Den Leuten wurde die Lage nicht richtig erklärt. Sie gierten aber nach Erfolg und waren müde von den Jahren des Niedergangs, also waren sie leicht zu überzeugen. Sie hätten Fragen stellen sollen.



Zudem soll eine Schweizer Firma in die Transfers von Eriksson und Campbell involviert gewesen sein?

Es gibt da eine Regel, dass ein Fußballclub nur 60 Prozent seines Etats für Gehaltszahlungen ausgeben kann. Um Campbell und Eriksson zu holen, wurden Deals gemacht zwischen der Schweizer Firma und diesen beiden – an offizieller Seite vorbei. Die Schweizer Firma wollte dadurch interessante Werbefiguren für ihre Sache gewinnen. Campbell sollte so etwas wie der »Botschafter« des Unternehmens sein.

Es ist schwierig festzustellen, ob Campbell jemals Werbung für die Schweizer Firma gemacht hat, weil es vielfache Formen von Werbeveranstaltungen gibt. Im Endeffekt muss er das auch gar nicht wirklich getan haben, für eine Firma ist es wichtig, ihn auf der Liste zu haben und angeben zu können, dass Campbell ein Botschafter dieser Firma ist.

Campbell wurde es dann zu viel, er ging nach nur einem absolviertem Spiel.

Als Campbell wegging, war das der zentrale Punkt. Erst von da an haben die meisten realisiert, dass das Ganze in die falsche Richtung läuft. Die englische Presse unterstützte die Geschichte rund um Notts County distanzlos.

Für die englische Presse war das alles nur eine nette, romantische Märchengeschichte: Ein kleiner Verein mit großer Tradition wächst im Schatten der Großen heran. Die Reporter waren absolut unkritisch. Als Cambpell Notts verließ, verstanden die meisten erst, was vor sich ging. Auch bei Notts County beschuldigten sie die Kritiker, lediglich neidisch zu sein.

Warum aber blieb Eriksson?


Er fühlte sich sehr verbunden und verantwortlich für dieses ganze Projekt. Er mag schmierig sein, aber nicht unmoralisch. Er dachte, dass es idiotisch aussehen würde, wenn er das alles verlassen sollte. Er wusste ja nach einiger Zeit, dass Munto nicht zahlungskräftig war und begab sich mit Peter Trembling zusammen auf die Suche nach neuen Investoren.

Nun soll er auf 2,5 Mio. Pfund Gehalt verzichtet haben, ist das seine Ehrenrettung?


Diese Zahlungen waren aber fiktiv, er konnte nicht darauf bestehen, dass sie ausgezahlt werden würden. Das wäre der Todesstoß für Notts gewesen. Eriksson hat Millionen gemacht in seinen vorherigen Stationen. Es wäre nicht gut für ihn gewesen, jetzt das Geld einzufordern, von dem jeder weiß, dass es niemand zahlen kann.

Also sein Image als geldgieriger Trainer ist in England nicht zu ändern?


Nein, dazu müsste er sein ganzes Geld verschenken und Mönch werden.



Taugt Notts County als warnendes Beispiel dafür, wie ein Verein Spielball von Investoren werden kann?

Es gibt jetzt neue Regeln. Vor einiger Zeit war es der Liga egal, wer die Clubs besaß. Diese Sichtweise hat sich dank Kampagnen u. a. von uns geändert. Mittlerweile wird nachgefragt, wer hinter den Firmen steht, die Hauptanteile eines Cubs besitzen. Doch diese Informationen werden nicht weit genug geprüft geschweige denn weitergegeben. Diese Dinge werden vertraulich behandelt, eben weil die Sichtweise vorherrschend ist, dass es sich bei Fußballvereinen um Privatunternehmen handelt. Aber sie sind öffentlich, es betrifft die Öffentlichkeit mehr als das Unternehmen je vermögen.

Wenn die Namen der Leute hinter Munto Finance öffentlich gemacht worden wären, dann wäre einiges aufgeflogen. Man hätte also diesen Leuten von Munto sagen sollen: Schön, wenn ihr eure Privatsphäre wahren wollt, aber dann bleibt auch privat und entscheidet nicht über einen Verein, der für tausende von Leuten derart viel bedeutet. Man kann nicht Anonymität verlangen, wenn man einen Fußballclub besitzt. Das mag alles für deutsche Ohren sehr fremd klingen.

Ja, aber vielleicht ist es die Horrorvorstellung davon, wie es in Deutschland bald aussehen könnte.


Wir haben von Martin Kinds Vorstoß gehört und hoffen, dass er damit nicht durchkommt. Das deutsche System ist optimal aus meiner Sicht, daran sollten wir uns orientieren. In Deutschland sitzen teilweise Fanvertreter im Vorstand, die ihr Votum einreichen können.

Kann man in dieser Hinsicht die Uhr in England zurückdrehen?


Nicht ganz. Wir hatten leider nie eine Situation wie in Deutschland. Aber es gibt genug warnende Beispiele: Manchester United, West Ham usw. Diese Vereine wurden vom Finanzmarkt geplündert. In England findet gerade ein Umdenkprozess statt. Früher hat sich keiner darum geschert, die letzten sechs Monate haben das geändert. 

Das Problem liegt darin, dass man sich abhängig macht von Entwicklungen, auf die der Verein und der Sport keinen Einfluss haben.Der Kollaps des Marktes in Island bedingte zum Beispiel den Einbruch von West Ham. Das hatte nichts mit England oder dem englischen Fußball zu tun. Dieses Problem wird den meisten jetzt bewusst. In guten Zeiten hat man Gelder, in schlechten bist du am Ende – ohne Widerstand leisten zu können. Das System hat uns ausgeknockt, da wir keine Vertreter der Fans in den Vereinen haben. Wir Fans stehen in England komplett außen vor.  

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