11.04.2013

Die Degen-Zwillinge über ihre Internet-Start-Ups und Image

»Ich will nicht nur Ja-Sager«

David und Philipp Degen sind Profifußballer und Hobbyunternehmer: Sie spielen für den FC Basel und investieren in ihrer Freizeit in Internet-Start-Ups. Ein Gespräch über eine Community für Zwillinge, Erfolg und die Sorge vor dem Loch nach der Karriere.

Interview: Andreas Bock Bild: Dan Cermak
 
Haben Sie eigentlich neben dem Fußball studiert?
David: Nein. Ich habe das Gymnasium kurz vor dem Abitur abgebrochen, weil das mit der Jugendnationalmannschaft nicht mehr vereinbar war. Ich habe daraufhin eine Banklehre angefangen, die ich nach eineinhalb Wochen abgebrochen habe. Legendär! (lacht) Danach habe ich eine Zeit lang die Handelsschule in Zürich besucht. Doch eigentlich basiert alles, was wir über Wirtschaft wissen, auf dem einfachen Prinzip »learning by doing«.
 
Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen?
David: »Die Kunst des klaren Denkens« von Rolf Dobelli. Ein gutes Buch.
 
Was haben Sie daraus gelernt?
David: Ich sage immer: Ein Buch bringt mich nicht weiter. Ein Buch kann mir neue Denkanstöße geben und animiert dich, nach Lösungen zu suchen. Letztendlich vermittelt es Wissen. Und: Wissen ist Macht.
Philipp: Ein Buch gibt dir einen Hinweis oder einen Weg. Aber wie du den Weg gehst, musst du immer selbst entscheiden.

Was haben Sie vom Fußball gelernt?
Philipp: Fußball ist faszinierend, weil er Emotionen weckt. Weil er berührt. Das kann man auch auf die Wirtschaft übertragen. Wenn ich mit einer Firma Begeisterung auslösen und Plätze schaffen kann, wo Leute etwas gemeinsam schaffen, dann bin ich der erste, der dabei ist. Ich habe immer gesagt: Ich will Menschen bewegen.
 
Ihr Bruder hat mal über Sie gesagt, dass Sie der Netzwerker sind.
Philipp: Ein Fußballer hat drei Privilegien. Erstens: Er hat sein Hobby zum Beruf gemacht. Zweitens: Er verdient gutes Geld und steht mitunter als Star in der Öffentlichkeit. Drittens: Er hat die große Chance, seinen Status für die Zeit nach der Karriere zu nutzen. Ein Netzwerk ist das A und O.
 
Wie drückt sich das denn bei Ihnen aus?
Philipp: Ich bin ein sehr kommunikativer Mensch, ich lache viel, ich unterhalte mich gerne mit Leuten. Ich liebe eine Stadt wie London, wo man in einem Restaurant sitzt und jeder am Tisch aus einem anderen Land kommt und eine andere Geschichte zu erzählen hat.
 
Welche Eigenschaft zeichnet Ihren Bruder David aus?
Philipp: Dave ist der Macher, der Mann, der wirtschaftliche Zusammenhänge einfach erklärt, der gut mit Zahlen kann. Kürzlich haben wir bei einer unserer Firmen vor 250 Mitarbeitern gesprochen. Wenn da eine Frage zur Wirtschaft kam, war er kompetent zur Stelle. Wenn jemand allgemeinere Fragen stellte oder was zum Thema Fußball wissen wollte, habe ich geantwortet.
 
War das immer schon so?
Philipp: Dass mein Bruder gut mit Zahlen kann? Ja. Einmal hat er sogar eine Mathearbeit für mich geschrieben, ohne dass unsere Lehrerin es gemerkt hat.
David: Wir haben vier Hände, vier Augen, vier Ohren. Was er hört, höre ich auch. Was ich sehe, sieht er auch.
 
Haben Sie ähnliche Vorstellungen davon, wie man ein Unternehmen führt?
David: Wichtig ist: Weder Philipp und ich sind momentan operativ in Unternehmen tätig. Wir haben Ideen mit Geschäftspartnern entwickelt und haben Beteiligungen. Zu mehr fehlt noch die Zeit.
 
Dennoch werden Sie eine Idee davon haben, wie man eine Firma leitet.
David: Es ist ähnlich wie im Fußball.
 
Und zwar?
David: 80 Prozent Psychologie, 20 Prozent Sachverstand. Ich kann Ihnen das plausibel erklären.
 
Bitte.
David: Ein Trainer muss die Spieler so anpacken, dass sie sich für ihn zerreißen. Sie müssen das Gefühl haben, dass sie gebraucht werden – egal, ob sie Ersatz- oder Stammspieler sind. Dabei muss der Trainer begreifen, dass jeder Spieler anders zu behandeln ist: der junge Mann aus dem Nachwuchs, der alte Star, der Neue aus dem Ausland und so weiter. In der Wirtschaft ist es ähnlich.
 
Inwiefern?
David: Man muss die Leute in einem bestimmten Rahmen kreativ arbeiten lassen. Man muss ihnen Freiräume geben. Niemand darf morgens mit dem Gefühl ins Büro kommen, dass er bei einem Fehler gleich gefeuert wird.
 
Bei Borussia Mönchengladbach wurden Sie einst zu den Amateuren abgeschoben. Die Begründung von Trainer Jos Luhukay lautete: »Eine solchen Charakter kann ich hier nicht brauchen.« Wie hätten Sie sich damals angepackt?
David: Damals sind viele Fehler gemacht worden. Auch von meiner Seite. Ich habe blöde Aussagen in den Medien getätigt, die vielleicht auf meinen jugendlichen Leichtsinn zurückzuführen waren. Heute will ich einfach Fußball spielen. Gut Fußball spielen. Ich habe mich entwickelt.
 
Anders: Wenn heute ein junger Mitarbeiter in Ihrem Unternehmen über die Strenge schlagen würde, wie würden Sie reagieren?
David: Auf die Gefahr hin, dass es vorhersehbar klingt: Genau solche Leute will ich. Menschen, die vielleicht mal überborden, die Leidenschaft haben, die Emotionen zeigen, aber die auch ehrlich sind und mit denen ich hitzige und konstruktive Diskussionen führen können. Ich will nicht nur Ja-Sager um mich herum haben.
 
Wie wichtig ist Ihnen eigentlich Image?
David: Ich sage immer: Ein gutes Image baut man über Jahre auf, ein schlechtes Image kann man innerhalb eines Tages kreieren.
Philipp: Unsere Freunde und engen Bekannten wissen, dass wir freundlich, fröhlich und ehrlich sind. Wir haben das Herz am richtigen Fleck.
David: Wir sind jetzt seit mehr als zehn Jahren Profis und haben uns bislang keinen Skandal geliefert, der ein »Diva«-Image rechtfertigen könnte. Ich habe mir zweifelsohne einige Fehler geleistet, einige Dinge unüberlegt gesagt, doch ich habe daraus gelernt.
 
Sie haben mal gesagt, dass Sie wie in einer Ehe zusammenleben. Nun spielen Sie beide wieder beim FC Basel und planen eine gemeinsame Karriere nach der Fußballzeit. Klingt auch ein bisschen explosiv, oder?
David: Absolut. Fragen Sie mal unsere Freunde, wie häufig wir aneinandergeraten.
Philipp: Um erfolgreich zu sein, braucht es das aber auch gelegentlich.
David: Das gehört dazu. Das Leben ist keine Wohlfühloase. Das Leben kann man nicht nur in der Komfortzone leben. Wenn du da lebst, dann kannst du nie eine bestimmte Linie überschreiten, dann wirst du nie wegweisende Entscheidungen treffen, nie Risiko eingehen.
Philipp: Du musst dir manchmal ehrlich die Meinung ins Gesicht sagen. Denn sonst kommen die Konflikte irgendwann geballt hervor. Im Fußball ist eine ehrliche Meinung allerdings nicht immer gefragt.
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