Didi Hamann über Trapattoni, Benitez und das Wunder von Istanbul

»Zeigen, dass wir eine Muschi haben«

Dietmar Hamann hat nicht nur viele Jahre in England gespielt, er wurde dort quasi selbst zum Engländer. Ein Gespräch über Champagner mit Eriksson, Zigaretten in der Dusche und Sprachprobleme von Giovanne Trapattoni.

Dietmar Hamann, Sie haben ein Buch darüber geschrieben, wie sehr Sie Ihre Zeit in Liverpool genossen haben. Was hat Ihnen so gut gefallen?
Vor allem die Menschen. Die sind einmalig. Sie sind geistreich, aufrichtig und fußballverrückt. Seit Liverpool Europäische Kulturhauptstadt war, hat sich in der Stadt einiges getan.

Von München nach Newcastle und dann nach Liverpool zu kommen, war also kein Kulturschock?
Entscheidend ist, dass die Menschen warmherzig und freundlich sind, und das war in Newcastle und danach in Liverpool der Fall. Man hat schließlich täglich mit Menschen zu tun, insofern ist mir das sehr wichtig.

Die meisten Leute kaufen sich einen Reiseführer, um eine Stadt kennenzulernen. Sie sind stattdessen in Pubs gegangen, die von Everton-Fans frequentiert werden.
Na ja, in den Pubs, in denen die Fans der Reds abhängen, war es manchmal ein bisschen anstrengend. Die Leute kommen rüber und wollen sich unterhalten, was an sich kein Problem ist, doch ab und zu habe ich schon gerne meine Ruhe. Also bin ich in einen Everton-Pub gegangen, wenn ich gemütlich einen trinken und ein wenig lesen wollte. Da konnte ich davon ausgehen, dass sich die Leute nicht um mich kümmern.

Die Liverpooler haben Sie im Nu als einen der ihren akzeptiert.
Ja, man gewöhnt sich ziemlich schnell an den Akzent und daran, wie schwer es ist, in der Stadt ein Taxi zu bekommen. Einmal habe ich mich auf die Straße gelegt, damit endlich eines anhält.

Als eine Art menschliche Bahnschranke?
Es war nicht ganz so dramatisch, wie es klingt. Ich bin sofort wieder aufgestanden, als eines kam. Ich habe dem Fahrer 50 Pfund geboten, damit er mich nach Hause fährt. Dummerweise hatte ich meine neue Adresse vergessen. Ich glaube, die Spieler, mit denen ich unterwegs war, haben mich daraufhin nicht mehr für den typischen, stets gut organisierten Deutschen gehalten.

Gut, dass der Wagen angehalten hat, sonst wären Sie beim Champions-League-Finale in Istanbul vielleicht nicht dabei gewesen. Die meisten Liverpool-Fans sind überzeugt davon, dass Ihre Einwechslung die Wende gebracht hat. Doch so wie Milan die Reds in der ersten Hälfte auseinandergenommen hat, waren Sie vielleicht gar nicht scharf darauf, ins Spiel zu kommen.
Natürlich ist es nicht schön, beim Stand von 0:3 eingewechselt zu werden. Andererseits hat man nichts mehr zu verlieren. Wenn das Spiel 0:5 ausgeht, hat man es eben in der ersten Halbzeit verloren. Ich wäre lieber beim Stand von 0:0 oder 0:1 reingekommen, doch so war es nun mal. Milan führte völlig verdient mit 3:0. Jetzt ging es darum, unser Bestes zu geben, vielleicht ein Tor zu machen und zumindest dagegen zu halten. Doch mit einer Wende hätte nach der ersten Halbzeit wohl niemand gerechnet.

Aber ihr habt es geschafft. Das Spiel ging ins Elfmeterschießen und Sie mussten als Erster für Liverpool ran. Sie ruhen ja ziemlich in sich selbst, doch selbst Sie werden in dem Moment nervös gewesen sein.
Ich war eher angespannt als nervös. Serginho hatte den ersten Elfer für Milan vergeben, das machte die Sache ein bisschen einfacher für mich. Trotzdem war es natürlich ungeheuer wichtig, jetzt zu treffen und uns in Führung zu bringen. Man konzentriert sich auf seine Aufgabe und hofft, dass der Ball reingeht. Wahrscheinlich hilft es auch, ein Deutscher zu sein, um noch einmal das bekannte Stereotyp zu bemühen. Allerdings hatte ich zuvor ein paar Mal vergeben, ich bin also bestimmt nicht der beste deutsche Elfmeterschütze.

Ist es wahr, dass Sie den Sieg in einer Duschkabine mit dem damaligen Präsidenten der Reds, David Moores, gefeiert haben?
Ja, das stimmt. Ich hatte meine Zigaretten im Hotel vergessen und eine von ihm geschnorrt. Allerdings mussten wir uns irgendwohin zurückziehen, wo wir unsere Ruhe hatten.

Sie haben also zusammen in der Duschkabine gestanden und erst mal schön eine gequalmt?
Ja, wir standen einfach da und haben gezittert. Moores zitterte, weil er mit den Nerven am Ende war, und ich, weil ich nicht fassen konnte, was gerade passiert war. Es war schön, so einen Moment mit ihm zu teilen, weil er so ein loyaler Fan des Klubs war. Es war der perfekte Abschluss eines perfekten Spiels.


An die nächsten Tage können Sie sich wahrscheinlich kaum noch erinnern.
In Liverpool gab es einen Autokorso, anschließend haben wir im Sir Thomas Hotel gefeiert. Richtig schlafen konnte ich, glaube ich, erst am Freitag.

Sie waren immer verdammt gut darin, Freistöße herauszuholen. Haben Sie das im Training geübt?
Nein, nein, nein. Klar muss man es ausnutzen, wenn der Gegner etwas übermütig heranstürmt. Vor allem, wenn man vorne liegt, muss man versuchen, an der Uhr zu drehen und vielleicht auch mal einen Freistoß schinden. Woanders ist das wahrscheinlich eher verbreitet als in England.



Trainer Rafa Benitez galt als ausgesprochener Taktikfuchs. Hat er Ihnen nicht mal mit ein paar Salzstreuern gezeigt, wie man Barcelona schlagen kann?
Ja, als ich ihn bei sich zu Hause besucht habe. Rafa Benitez denkt an nichts anderes als Fußball, und es ist eine Freude, ihm zuzuhören. Er kennt sich unheimlich gut aus, ein sehr intelligenter Mann.

Sie haben für eine ganze Reihe ziemlich namhafter Trainer gespielt: Benitez, Franz Beckenbauer, Otto Rehhagel, Kenny Dalglish, Giovanni Trapattoni, Sven-Göran Eriksson, Gérard Houllier. Wer war der Beste?
Schwer zu sagen, ich war eigentlich mit allen erfolgreich. Wahrscheinlich Trapattoni, weil ich von ihm als junger Spieler unheimlich viel gelernt habe. Doch auch Houllier und sein Trainerstab haben tolle Arbeit geleistet. Mit Benitez und seinem Co-Trainer Paco Ayestaran habe ich die Champions League gewonnen. Ich glaube, es wird oft unterschätzt, wie wichtig der Trainerstab ist. Wenn man als Coach nicht die richtigen Leute hinter sich weiß, hat man es schwer.

Trapattoni bringt manchmal ein paar echt bizarre Sachen ...
Stimmt, aber letztlich liegt das nur daran, dass er die Sprache nicht so gut beherrscht. Als wir einmal ein Heimspiel verloren hatten, versuchte er uns im Training klarzumachen, dass es nicht reicht, den Leuten zu erzählen, es täte uns leid. Wir müssten rausgehen und Eier zeigen. Doch ihm fiel das deutsche Wort für
Cojones nicht ein, und einer der Südamerikaner sagte ihm, es wäre Muschi. Also sagte er: »Genau, wir müssen da rausgehen und den Fans zeigen, dass wir eine Muschi haben!« Immer und immer wieder. Wir haben versucht, nicht zu lachen, weil wir gerade verloren hatten und die Lage ziemlich ernst war. Doch irgendwann konnten wir nicht mehr an uns halten und er hat zum Glück mitgelacht, als ihm klar wurde, was er da gerade gesagt hatte.

Sie trinken ganz gerne mal ein Gläschen Wein, oder?
Ja, klar.

Stimmt es, dass Sie besser gespielt haben, wenn Sie in der Woche vor dem Match ein oder zwei Fläschchen getrunken hatten?
In den letzten drei Tagen vor dem Spiel sollten wir keinen Alkohol trinken, also habe ich manchmal bis Mittwoch ein paar Gläser getrunken und danach nichts mehr. Ich sah das als Teil meiner Vorbereitung, damit ich nicht am Donnerstag Schmacht bekam. Hat mir nicht geschadet, würde ich sagen.

Haben Sie auch immer geraucht?
Ja, aber zu Beginn meiner Karriere habe ich nur sehr wenig geraucht. Später wurde es dann ein bisschen mehr.

Wie viele Zigaretten am Tag waren es denn bei Liverpool?
Zehn, würde ich sagen.

Mit Eriksson sind Sie auch gut klargekommen, oder?
Sven ist ein prima Kerl, der alle so behandelt, als wären Sie Teil einer großen Familie. Er sorgt dafür, dass eine besondere Atmosphäre herrscht, und das macht ihn so erfolgreich. In meiner Zeit bei Manchester City waren wir auf Tournee in Thailand und es war eigentlich allen klar, dass er nicht mehr lange Trainer sein würde. Er wusste es, wir wussten es, alle wussten es. Ich lag draußen am Pool und er kam mit zwei Gläsern Champagner raus. Er reichte mir eines und ich fragte ihn, was es zu feiern gebe. Er sagte: »Das Leben, Kaiser. Wir feiern das Leben.« So ein Typ ist Sven.


Was würden Sie in Zimmer 101 vorfinden?
Bitte was?

Wie, Sie sind jetzt schon so lange auf der Insel und wissen nicht, was Zimmer 101 ist?
Nein.

Zimmer 101 stammt aus George Orwells »1984«. Vereinfacht gesagt ist es ein Raum, in dem jeden Menschen seine persönliche Hölle erwartet. Die BBC produziert eine gleichnamige Fernsehserie, die auf dieser Idee basiert. Was würde Sie also in Zimmer 101 erwarten?
Oh, das ist schwierig ... Können wir später darauf zurückkommen?

Dann das hier: Wer würde einen Kampf zwischen Löwe und Tiger gewinnen?
Hm, der Löwe, würde ich sagen. Der Tiger ist ein bisschen schneller, doch der Löwe ein bisschen stärker.

Klingt wie der Fußballer Didi Hamann. Nicht der Schnellste, aber trotzdem erfolgreich.
Ja, das meiste ist Kopfsache und entscheidend ist das Teamwork. Ich glaube, die meisten Titel, die ich in meiner Karriere gewonnen habe, hatten wir dem Teamgeist zu verdanken. Damit kann man auch gegen stärkere Gegner bestehen.

Kommen wir aber noch einmal auf die fehlende Schnelligkeit zurück. Was war das für eine Geschichte mit der japanischen Polizei?
Ach, ich war nach einer fiesen Grätsche von Michael Essien verletzt und Liverpool war bei der Klub-WM in Japan. Nach dem Finale war ich mit Jamie Carragher und ein paar seiner Kumpels unterwegs. Allerdings glaube ich nicht, dass das alles seine Kumpels waren. Wie üblich haben wir kein Taxi gekriegt, also sind ein paar von den Jungs dem nächstbesten Wagen aufs Dach gestiegen. Die japanische Polizei war sofort zur Stelle und alle rannten los. Ich versuchte es auch, aber wegen meines kaputten Knies hatte sie leichtes Spiel mit mir und buchteten mich ein. Ziemlich humorlose Typen.

Und was ist jetzt mit Zimmer 101?
Ach ja, was würde ich dort antreffen ... (lange Pause) Ich will jetzt auch nicht zu tiefgründig werden ...

Um Tiefgründiges geht es hier eh nicht ...
Händeschütteln! Das Händeschütteln vor dem Spiel. Ich finde, man sich sollte sich nach dem Spiel die Hand geben, nicht davor. So wie beim Rugby, wenn die unterlegene Mannschaft den Siegern gratuliert.

Würden Sie uns zum Schluss einen Witz erzählen?
Witze finde ich nicht lustig.

Tatsächlich?
Ich kriege diese ganzen Mails und SMS und den ganzen Kram, doch das bringt mich so gut wie nie zum Lachen. Ich lösche das einfach alles.

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