27.05.2012

Didi Hamann über Trapattoni, Benitez und das Wunder von Istanbul

»Zeigen, dass wir eine Muschi haben«

Dietmar Hamann hat nicht nur viele Jahre in England gespielt, er wurde dort quasi selbst zum Engländer. Ein Gespräch über Champagner mit Eriksson, Zigaretten in der Dusche und Sprachprobleme von Giovanne Trapattoni.

Bild: Imago

Dietmar Hamann, Sie haben ein Buch darüber geschrieben, wie sehr Sie Ihre Zeit in Liverpool genossen haben. Was hat Ihnen so gut gefallen?
Vor allem die Menschen. Die sind einmalig. Sie sind geistreich, aufrichtig und fußballverrückt. Seit Liverpool Europäische Kulturhauptstadt war, hat sich in der Stadt einiges getan.

Von München nach Newcastle und dann nach Liverpool zu kommen, war also kein Kulturschock?
Entscheidend ist, dass die Menschen warmherzig und freundlich sind, und das war in Newcastle und danach in Liverpool der Fall. Man hat schließlich täglich mit Menschen zu tun, insofern ist mir das sehr wichtig.

Die meisten Leute kaufen sich einen Reiseführer, um eine Stadt kennenzulernen. Sie sind stattdessen in Pubs gegangen, die von Everton-Fans frequentiert werden.
Na ja, in den Pubs, in denen die Fans der Reds abhängen, war es manchmal ein bisschen anstrengend. Die Leute kommen rüber und wollen sich unterhalten, was an sich kein Problem ist, doch ab und zu habe ich schon gerne meine Ruhe. Also bin ich in einen Everton-Pub gegangen, wenn ich gemütlich einen trinken und ein wenig lesen wollte. Da konnte ich davon ausgehen, dass sich die Leute nicht um mich kümmern.

Die Liverpooler haben Sie im Nu als einen der ihren akzeptiert.
Ja, man gewöhnt sich ziemlich schnell an den Akzent und daran, wie schwer es ist, in der Stadt ein Taxi zu bekommen. Einmal habe ich mich auf die Straße gelegt, damit endlich eines anhält.

Als eine Art menschliche Bahnschranke?
Es war nicht ganz so dramatisch, wie es klingt. Ich bin sofort wieder aufgestanden, als eines kam. Ich habe dem Fahrer 50 Pfund geboten, damit er mich nach Hause fährt. Dummerweise hatte ich meine neue Adresse vergessen. Ich glaube, die Spieler, mit denen ich unterwegs war, haben mich daraufhin nicht mehr für den typischen, stets gut organisierten Deutschen gehalten.

Gut, dass der Wagen angehalten hat, sonst wären Sie beim Champions-League-Finale in Istanbul vielleicht nicht dabei gewesen. Die meisten Liverpool-Fans sind überzeugt davon, dass Ihre Einwechslung die Wende gebracht hat. Doch so wie Milan die Reds in der ersten Hälfte auseinandergenommen hat, waren Sie vielleicht gar nicht scharf darauf, ins Spiel zu kommen.
Natürlich ist es nicht schön, beim Stand von 0:3 eingewechselt zu werden. Andererseits hat man nichts mehr zu verlieren. Wenn das Spiel 0:5 ausgeht, hat man es eben in der ersten Halbzeit verloren. Ich wäre lieber beim Stand von 0:0 oder 0:1 reingekommen, doch so war es nun mal. Milan führte völlig verdient mit 3:0. Jetzt ging es darum, unser Bestes zu geben, vielleicht ein Tor zu machen und zumindest dagegen zu halten. Doch mit einer Wende hätte nach der ersten Halbzeit wohl niemand gerechnet.

Aber ihr habt es geschafft. Das Spiel ging ins Elfmeterschießen und Sie mussten als Erster für Liverpool ran. Sie ruhen ja ziemlich in sich selbst, doch selbst Sie werden in dem Moment nervös gewesen sein.
Ich war eher angespannt als nervös. Serginho hatte den ersten Elfer für Milan vergeben, das machte die Sache ein bisschen einfacher für mich. Trotzdem war es natürlich ungeheuer wichtig, jetzt zu treffen und uns in Führung zu bringen. Man konzentriert sich auf seine Aufgabe und hofft, dass der Ball reingeht. Wahrscheinlich hilft es auch, ein Deutscher zu sein, um noch einmal das bekannte Stereotyp zu bemühen. Allerdings hatte ich zuvor ein paar Mal vergeben, ich bin also bestimmt nicht der beste deutsche Elfmeterschütze.

Ist es wahr, dass Sie den Sieg in einer Duschkabine mit dem damaligen Präsidenten der Reds, David Moores, gefeiert haben?
Ja, das stimmt. Ich hatte meine Zigaretten im Hotel vergessen und eine von ihm geschnorrt. Allerdings mussten wir uns irgendwohin zurückziehen, wo wir unsere Ruhe hatten.

Sie haben also zusammen in der Duschkabine gestanden und erst mal schön eine gequalmt?
Ja, wir standen einfach da und haben gezittert. Moores zitterte, weil er mit den Nerven am Ende war, und ich, weil ich nicht fassen konnte, was gerade passiert war. Es war schön, so einen Moment mit ihm zu teilen, weil er so ein loyaler Fan des Klubs war. Es war der perfekte Abschluss eines perfekten Spiels.


An die nächsten Tage können Sie sich wahrscheinlich kaum noch erinnern.
In Liverpool gab es einen Autokorso, anschließend haben wir im Sir Thomas Hotel gefeiert. Richtig schlafen konnte ich, glaube ich, erst am Freitag.

Sie waren immer verdammt gut darin, Freistöße herauszuholen. Haben Sie das im Training geübt?
Nein, nein, nein. Klar muss man es ausnutzen, wenn der Gegner etwas übermütig heranstürmt. Vor allem, wenn man vorne liegt, muss man versuchen, an der Uhr zu drehen und vielleicht auch mal einen Freistoß schinden. Woanders ist das wahrscheinlich eher verbreitet als in England.

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