21.09.2013

Dicke Luft im Norden: Arnd Zeigler & Lotto King Karl im Interview

»Der HSV sieht sich als Weltverein«

Vor dem Derby am Sonnabend kriselt es beim Hamburger SV und bei Werder Bremen. Wir haben die beiden Stadionsprecher vor dem Spiel befragt.

Interview: Benjamin Apitius Bild: Imago

Lotto King Karl, gehört zu einem echten HSV-Fan eigentlich auch, dass man Werder Bremen nicht leiden kann?
Als ich als kleiner Junge angefangen habe, mich für den Hamburger SV zu interessieren, habe ich gar nicht darüber nachgedacht, ob ich dann auch gleichzeitig gegen Werder Bremen sein muss. Und das ist eigentlich bis heute meine Einstellung geblieben und mittlerweile für mich auch eine Frage der Altersmilde und der Effizienz. Denn wenn ich jetzt gegen alle Vereine auf diesem Planeten sein wollte, dann hätte ich ja viel zu tun.

Sind die Spiele gegen Werder Bremen für Sie aber trotzdem etwas Besonderes?
Natürlich, ja. Aber ich sehe das alles nicht ganz so mega-mega-verbissen wie manch anderer. Für mich als Stadionsprecher des HSV sind genauso die Spiele gegen Bayern oder Dortmund etwas Besonderes. Oder auch gegen Hannover 96, den kleinen HSV, zu dem wir eine Fanfreundschaft pflegen. Man darf ja auch nicht vergessen, dass da auf beiden Seiten nicht mehr ganz so viele Spieler stehen, die bisher eine allzu lange Historie in den jeweiligen Vereinen hinter sich gebracht haben.

Was müsste man Ihnen anbieten, damit Sie einmal ein Werder-Trikot in aller Öffentlichkeit tragen würden?
Ach, hören Sie auf! Das wären Summen, für die wir Zlatan Ibrahimovic zum HSV holen könnten. Höchstens bei einer Bad-Taste-Party, da könnte man das Werder-Trikot vielleicht gut tragen (lacht).

Geht es Ihnen besser, wenn es Werder Bremen schlecht geht?
Mir geht es tatsächlich nur besser, wenn es dem HSV gut geht. Ich muss schon zugeben, dass ich ab und zu einmal mit Schadenfreude rübergucke nach Bremen. Aber das beinhaltet immer auch einen sicheren und guten Tabellenplatz des HSV. Und im Moment haben ja beide Vereine Probleme, wie sie sie eigentlich lange nicht gehabt haben. Wir hätten dieses Duell natürlich alle viel lieber um Platz eins und zwei – und nicht um Platz 14 und 15. Aber das ist jetzt nun einmal so.

Haben Sie sich denn beispielsweise – zumindest ein bisschen – gefreut, als das Erfolgsduo Klaus Allofs/Thomas Schaaf bei Werder Bremen gesprengt wurde?
Ein bisschen feixen ist schon immer erlaubt. Aber die Trennung von Klaus und Thomas hat mich schon auch getroffen. Aber zum Beispiel auch damals der Wechsel von Manuel Neuer zum FC Bayern hat mich getroffen. Nicht, weil ich eine besonders innige Beziehung zu Schalke habe. Aber wenn es jemand wie Neuer aus der Ultra-Szene bis in die Bundesliga auf den Rasen schafft, dann ist das einfach ein Traum, den jeder Junge träumt. Und diesen Traum hat Manuel Neuer mit seinem Wechsel nach München für viele Jungen beerdigt. Umgekehrt bin ich ein solch fanatischer Fußballfan: Wenn Ryan Giggs auf dem Fußballplatz steht, dann klatsche ich automatisch. Weil ich es für eine bemerkenswerte Leistung halte, so lange für ein und denselben Verein zu spielen. Das sind die Sachen, die ich sehr schätze am Fußball – auch wenn sich mein Verein da gar nichts von kaufen kann.

Was würden Sie wählen: Derbysieg morgen oder Klassenerhalt am Saisonende?
Das kann ja durchaus miteinander zusammenhängen (lacht). Wir nehmen im Moment jeden Punkt, den wir kriegen können. Und so werden die Bremer wahrscheinlich auch denken. Für mich spielt das ganze Drumherum und die vermeintliche Brisanz beim morgigen Spiel eine weit weniger wichtige Rolle als in den vergangenen Jahren.

Haben Sie aber auch Angst vor einer Niederlage gegen Bremen?
Es würde allen Beteiligten natürlich sehr gut passen, wenn wir gewinnen würden. Mal wieder eine Woche ohne diesen elendigen Spießrutenlauf. Ich bin wirklich so: Wenn es meinem Verein schlecht geht, dann geht es mir auch schlecht. Ich darf mir das auf der Bühne nicht anmerken lassen, aber mich als Mensch belastet das deutlich. So beknackt bin ich schon, wenn es um Fußball geht. Aber ich habe mich über die Jahre langsam an diese psychische Labilität gewöhnt.

Wie erklären Sie sich den momentanen Tiefflug des HSV?
Was wir jetzt erleben, die vielen Umbrüche mit Spielern ohne die ganz großen Namen, das ist ja anderswo auch passiert. Nur haben wir hier in Hamburg gedacht, dass wir da schon anderthalb Jahre weiter sind. Und jetzt fangen wir schon wieder bei null an – zumindest auf der Trainerposition.

Da könnte mit Thomas Schaaf ja bald ein alter Bremer sitzen, will man der Bild-Zeitung glauben.
Alles, für das Thomas Schaaf steht, ist genau das, was dem HSV fehlt. Ich könnte aber absolut verstehen, wenn Thomas Schaaf sagen würde, ich habe so und so lange von den Bremer Fans gelebt, das will ich keinem von denen antun. Ich könnte mir aber auch umgekehrt vorstellen, dass viele Bremer Fans sagen würden, gut, der ist nicht mehr bei uns und der ist noch keine 90, dann geht der jetzt halt zum HSV.

Sie persönlich würden sich also freuen?
Würde das ganze Thema in drei oder vier Jahren noch einmal aktuell werden, wäre das wahrscheinlich weit weniger turbulent. Aber man weiß ja nie. Vielleicht sitzt er ja am Sonnabend bereits auf unserer Bank gegen seinen alten Klub (lacht).

So wie Wolfgang Rolff lange in Bremen.
Genau. Wir Hamburger haben ja auch nicht so laut mit den Zähnen geknirscht, dass ein HSV-Urgestein ewig der Co-Trainer von Schaaf gewesen ist.

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