15.12.2012

DFL-Geschäftsführer Christian Seifert über Ultras und Funktionäre

»DFB und DFL haben nicht immer die beste Figur gemacht«

Wohin steuert die Diskussion über Gewalt im deutschen Fußball? Für unsere Dezember-Ausgabe sprachen wir mit DFL-Geschäftsführer Christian Seifert über die Ultraszene, Pyrotechnik und Vereinsfunktionäre auf der Jagd nach Sympathiepunkten.

Interview: Philipp Köster Bild: Imago

Christian Seifert, seit 2005 sind Sie Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga. Nun hat der Ligaverband Ihren Vertrag bis 2017 verlängert. Hätten Sie geglaubt, dass Sie solange dabei seinwürden?
Es ist bei solchen Jobs üblich, mit Zeitverträgen zu arbeiten. Insofern habe ich gar nicht darüber nachgedacht, was 2017 sein würde. Stattdessen ging es für mich erst einmal darum, in meinem neuen Arbeitsbereich trittsicher zu werden.

Wann hatten Sie das Gefühl, wirklich im Fußball angekommen sein?
Was heißt schon ankommen? Wie Millionen anderer Kinder habe ich in der E-Jugend angefangen zu spielen. Und weil es bei uns in Rastatt keine Fahnen von Borussia Mönchengladbach gab, habe ich mir damals ein Gladbach-Badehandtuch aus dem Otto-Katalog bestellt, an einen Besenstiel getackert und aus dem Fenster gehalten. Es brauchte kein Erweckungserlebnis. Ich habe auch bei der DFL niemandem die Hand geschüttelt und fühlte mich anschließend erleuchtet. Aber warum fragen Sie?

Weil Sie für einen Fußballfunktionär einen eher unüblichen Werdegang haben.
Der Begriff »Fußballfunktionär« klingt bei Ihnen fast ein bisschen abschätzig. (lacht)

Wir bedauern, wenn dieser Eindruck entstanden sein sollte. Es war dennoch 2005 eine mutige Entscheidung, bei der Besetzung eines hochkarätigen Managerpostens nicht auf einen Manager aus der Liga zurückzugreifen, sondern auf Sie, der bis dahin vor allem in der Medien- und Musikbranche gearbeitet hatte.
Auf den ersten Blick mag das überraschen. Auf den zweiten Blick haben Musik und der Fußball durchaus Ähnlichkeiten. Vor allem bewegt man sich hier wie dort in hoch emotionalen Umfeldern.

Schwer zu glauben, dass es im Musikgeschäft zugeht wie im Fußball, wo Trainern oder Spielern öfter mal die Sicherungen durchbrennen.
Täuschen Sie sich mal nicht. Ich habe bei MTV so manchen Label-Manager erlebt, der den Tränen nahe war, weil der Star, den er zu betreuen hatte, ausflippte, plötzlich Stimmen hörte oder der Meinung war, sich für ein paar Jahre nach Indien zurückziehen zu müssen.

Sie haben im Frühjahr der Liga den lukrativsten Fernsehvertrag ihrer Geschichte verschafft. In den europäischen Wettbewerben stehen die deutschen Klubs gut da. Doch in der Öffentlichkeit findet vor allem ein Thema statt: die vermeintlich ständig zunehmende Gewalt im Profifußball.
Natürlich finden Ausschreitungen wie vor kurzem beim Spiel Hannover 96 gegen Dynamo Dresden inzwischen einen immensen Widerhall in den Medien. Fakt ist: Es darf keinen Zweifel daran geben, dass man ein Stadion besuchen kann, ohne Angst zu haben. Deshalb gab es beim DFB die »Taskforce Sicherheit«, in der erstmals wirklich alle beteiligten Gruppen gemeinsam an einem Tisch gesessen haben. Und deshalb wurde aus den Reihen der Liga ein Konzept erarbeitet, um sich dieses Themas anzunehmen.

Kaum war das Papier auf dem Markt, meldeten sich mehrere Vereine öffentlich zu Wort, mit teilweise harscher Ablehnung. Da war von der viel beschworenen Solidargemeinschaft wenig zu sehen.
Bei dieser Einschätzung kann ich Ihnen nur Recht geben. Wie die Kritik teilweise geäußert wurde, hat mich geärgert. Das Konzept war ja ausdrücklich als Diskussionsgrundlage angekündigt worden, mit der Bitte an die Klubs, es zu prüfen und Kritik, Änderungswünsche oder Alternativen zu präsentieren. Es geht nicht um Fraktionszwang. Aber ob man seine Stellungnahme mit einer knalligen Pressemitteilung garnieren muss, stelle ich massiv in Frage. Dass einzelnen Vereinsvertretern offenbar weniger daran gelegen war, gemeinsam an einer Lösung zu arbeiten, als bei einigen Anhängern ein paar Sympathiepunkte zu sammeln, stimmt mich nachdenklich. Denn das Papier ist ja nicht von anonymen Experten erstellt worden, sondern von Kollegen und Praktikern aus den Vereinen.

Auf der Mitgliederversammlung der Bundesligaklubs im September schien noch große Einigkeit zu herrschen.
Das Sicherheitskonzept ist während der Sitzung der Klubs vollständig vorgetragen worden. Nach jedem Punkt hat Reinhard Rauball in die Runde geblickt und um Nachfragen oder Kritik gebeten. Das Papier ist am Ende als Arbeitsauftrag für den Ligavorstand einstimmig beschlossen worden.

Tatsächlich einstimmig?
Der FC St. Pauli und Union Berlin hatten Vertreter geschickt, die nicht abstimmungsberechtigt waren.

Es muss Ihnen doch zu denken geben, wie entschieden die geplanten Maßnahmen von den Anhängern abgelehnt werden. Die wollten Sie doch mit ins Boot holen.
Werden sie tatsächlich so entschieden abgelehnt? Ich habe den Eindruck, dass ein Großteil der Zuschauer und Fans Verständnis für Maßnahmen hat, die den Stadionbesuch sicherer machen. Nur artikuliert sich die breite Masse weniger öffentlichkeitswirksam, als es organisierte Fans tun. Es ist ja ohnehin problematisch, dass niemand weiß, wie viele Fans eigentlich durch diese Initiativen vertreten werden.

Ein Problem, das niemand lösen kann. Fankurven sind keine repräsentative Demokratie.
Demokratische Rechte werden aber sehr häufig eingefordert. Die 50+1-Regel zielt ja gerade auf die demokratische Teilhabe in einem Klub ab. In der aktuellen Diskussion habe ich aber den Eindruck, dass es vor allem um die Rechte und Privilegien einer relativ kleinen Gruppe geht, und nicht um die Interessen aller Zuschauer im Stadion. Ich finde es gut, dass man seine Ansprüche artikuliert. Es geht in einer Demokratie aber auch darum, Mehrheiten zu akzeptieren.

Die Fankurven argumentieren aber nicht zu Unrecht, dass sie in spezieller Weise zur Stimmung in den Stadien beitragen, und dass sie mit besonderer Leidenschaft hinter dem Klub stehen.
Das stimmt zweifelsohne. Leidenschaft kann sich aber in ganz unterschiedlichen Formen ausdrücken. Und ich möchte keinen Unterschied machen zwischen Ultras in der Kurve und einem Achtjährigen, der zum Geburtstag ein Trikot seines Lieblingsvereins  geschenkt bekommen hat und nun vor Aufregung nicht schlafen kann, weil er am nächsten Samstag das erste Mal ins Stadion geht. Ich mag die Echte-Fans- und Nicht-Echte-Fans-Diskussion nicht.

Der Fankongress, der Anfang November in Berlin stattfand, hat versucht, ein breites Stimmungsbild zu zeichnen. Hat der Kongress den Dialog befördert?
Ich finde, ja. Es gab konstruktive Ansätze, die man aufnehmen kann. Aber entscheiden müssen diejenigen, die gewählt sind und in der Haftung stehen. Das sind die Vereinsgremien.

Das DFL-Konzept wird vielleicht auch deshalb so entschieden abgelehnt, weil den Verbänden und Vereinen in der Gewaltdiskussion bislang vor allem mehr Strafen und mehr Überwachung eingefallen sind. Ist die Gewalt zu besiegen, ohne dass aus den Stadien Hochsicherheitstrakte werden?
Das muss das Ziel sein. Grundvoraussetzung ist allerdings, dass die Anhänger sich an geltende Gesetze halten. Bengalfackeln im Stadion zu zünden, ist und bleibt verboten, weil die Gesundheit der anderen Zuschauer gefährdet wird. Und da hilft dann auch das Argument nicht weiter, Bengalos seien ein Ausdruck persönlicher Freude. Wenn ich mit Tempo 130 durch eine geschlossene Ortschaft brettere, ist das vielleicht auch ein Ausdruck von Freiheit und trotzdem völlig zu Recht verboten.

Einige Punkte des neuen Sicherheitskonzepts werden besonders kritisiert, die sogenannten »Personen-Körperkontrollen« in Zelten am Stadioneingang, aber auch das ausdrückliche Beharren auf Kollektivstrafen bei Fehlverhalten der Anhänger.
Hier hat sich eine Diskussion verselbständigt, bei der die Fakten verzerrt werden. Bei nüchterner Betrachtung ist das Thema weit weniger brisant, als es derzeit erscheint. Ich verstehe aber die Sensibilitäten. Grundsätzlich gilt: Lösungen funktionieren nur auf regionaler und lokaler Ebene, und dort nur in Zusammenarbeit mit allen Beteiligten, auch den Fans.

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