DFL-Chef Andreas Rettig über den Fankongress und die Vorfälle von Köln

»Ich halte nichts von dieser Ganovenehre«

Am Wochenende besuchte DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig den Fankongress in Berlin. Hier zieht er sein Fazit und spricht über kontroverse Diskussionen mit Fans, seine Doppelrolle und die Vorkommnisse von Köln.

Andreas Rettig, Sie waren an beiden Tagen Gast auf dem Fankongress 2014 in Berlin. Sie haben Workshops besucht, Fans getroffen und an Diskussionen teilgenommen. Wie sieht Ihr Fazit aus?

Ich gehe mit einem durchweg positiven Gefühl nach Hause. Besonders beeindruckt war ich von der klaren Position aller Anwesenden gegen rechte Gesinnungen. Wenn die Szene zeigt, dass keine Bereitschaft besteht, mit Nazis unter einem Dach zu leben, dann sind wir auf dem richtigen Weg. Dass zudem auch vermeintlich gegensätzliche Parteien wie die Polizei oder die Verbände eingeladen wurden und Redezeit bekamen, beweist, dass die aktive Fanszene die richtige Trennschärfe verinnerlicht hat. Genau da sollte die Linie nämlich verlaufen.



Gab es auch Dinge, die Sie gestört haben?
Dass bestimmte Fangruppen immer noch eine Aversion gegen alle Leute haben, die eine Uniform tragen, gefällt mir nicht. Wenn man sich einem direkten Gespräch verweigert und stattdessen nur noch über Dritte kommunizieren will, sehe ich das kritisch. 


Waren Sie überrascht, dass die Polizei bei einer Podiumsdiskussion auch  Selbstkritik geübt hat?

Das ist doch großartig, weil das vertrauensbildend ist. Man muss den Mut haben, eigene Fehler einzugestehen. Das haben hier beide Seiten, Polizei und Fans, getan. Das sind die richtigen Signale.




Auch das Thema »Zeugnisverweigerungsrecht für Fanbeauftragte und Fanprojekt-Mitarbeiter« wurde heiß diskutiert. Wie stehen Sie dazu?

Aus meiner Sicht ging die Diskussion leider in die falsche Richtung, weil die Opferbetrachtung völlig außer Acht gelassen wurde. Wenn Sie krankenhausreif geschlagen werden und daneben steht einer, der den Täter gesehen hat, dann muss derjenige auch aussagen.



Dadurch erschwert sich aber auch die Fanarbeit, weil das Vertrauensverhältnis zwischen Fan und Betreuer beschädigt wird.

Es ist sicherlich ein Spagat. Aber ich halte nichts von dieser Ganovenehre, dass man niemanden verpfeift, der eine Straftat begangen hat. Wenn es darauf ankommt, erwarte ich eben auch eine klare Positionierung von Fanbetreuern. Mir geht es dabei nicht um die Klärung von Bagatelldelikten. Wir haben sicher wichtigere Themen, als die Klärung der Frage, wer jetzt wo einen Sticker geklebt hat.



Im Jahr 2012 war das große Thema des Fankongresses der Dialog zwischen den verhärteten Fronten. Sie sind jetzt seit einem Jahr Geschäftsführer der DFL. Spüren Sie, dass sich das Verhältnis zwischen Verbandsvertretern und Fans verbessert hat?

Das glaube ich schon. Allerdings bin ich hier nicht als reiner Funktionär angereist, sondern eben auch als Fußballfan. Ich wollte von Anpfiff bis Abpfiff dabei sein, weil mich die Themen der Szene auch persönlich interessieren. Deswegen habe ich wie jeder andere meinen Eintritt bezahlt. Ich halte ohnehin nichts von den klassischen Rollenbildern, die gerne transportiert werden: hier die Funktionäre, dort die Fans.



Das Programm des Kongresses war vielfältig. Welche Veranstaltung ist bei Ihnen besonders hängengeblieben?
Ich fand die Gespräche zum Thema »50+1« bemerkenswert. Da wurde kontrovers diskutiert, auf allerhöchstem Niveau. Das hat mich beeindruckt und mich in meiner Meinung bestätigt, dass hier durchweg engagierte und kluge Köpfe am Werk waren. Beim Thema »50+1« wollte ich noch einmal verdeutlichen, dass DFL und Fanszene grundsätzlich einer Meinung sind. Wir haben uns in dieser Frage sogar verklagen lassen und setzen alles daran, dass diese Regel bleibt. Ich glaube, das war vielen bislang nicht ganz klar.



In Ihrer Rede kritisierten Sie, dass die Veranstalter den Absagebrief von NRW-Innenminister Ralf Jäger öffentlich zitiert haben. Warum?

Mich hat gestört, dass nur Fragmente des Briefes verlesen wurden. Wenn man sich entscheidet, das Schreiben öffentlich zu machen, sollte man das auch vollständig tun. Nur so kann sich jeder seine eigene Meinung bilden. Wenn man nur Ausschnitte verwendet, kann dies zu Missverständnissen führen.



Der Fankongress wurde überschattet von einer Hooligan-Prügelei in Köln, bei der ein Beteiligter zeitweise in Lebensgefahr schwebte. Sind solche Vorkommnisse Wasser auf die Mühlen der Kritiker?

Der Wahnsinn, der da in Köln passiert ist, hat uns alle schockiert. Es ist schade, dass das diese tolle Veranstaltung überlagert hat. Ich habe mich auch geärgert, dass einige Medien eine ganze Seite Platz für dieses Thema eingeräumt haben. Diese Seite hätte ich mir für eine Berichterstattung über den Fankongress gewünscht. Die klare Distanzierung der Fanszene von diesen Geschehnissen fand ich wichtig und stark. Fakt ist aber auch, dass wir die Täter von Köln nicht erreichen. Diese Vögel werden wir mit keinem Konzept der Welt einfangen. Wir dürfen uns aber nicht von diesen Kriminellen auseinander dividieren lassen. Diejenigen, die den Fußball lieben, sollten weiter zusammenstehen.



Welche großen Themen stehen für die DFL beim Thema Fanarbeit in Zukunft auf der Agenda?
Vor allem beim Thema »Rechte Gewalt« gehen wir neue Wege. Wir haben eine Kooperation mit der Aussteigerinitiative »Exit« geschlossen und einen Pool von 500.000 Euro bereitgestellt. Damit sollen innovative Fußball- und Fankulturprojekte gefördert werden. Diese Iniative haben wir »PFiFF« genannt und soll sich gegen rechtsextreme Tendenzen stellen. Sich klar gegen Rechts zu positionieren, ist selbstredend und wir Verbände müssen da sicherlich noch aktiver werden. Unser Motto ist und bleibt: Nazis raus!

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