DFB-Vize Ratzeburg über die Frauen-EM

»Wir werden gewinnen«

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Frau Ratzeburg, morgen geht es für Sie nach Finnland. Was erwarten Sie von der EM?  

Ich hoffe, dass wir gute Spiele sehen werden, egal wer gegen wen spielt. Einfach um zu zeigen, dass sich der Frauenfußball weiter entwickelt hat. Das Teilnehmerfeld wurde von acht auf zwölf erhöht, es haben also mehr Mannschaften die Möglichkeit um den großen Cup zu spielen. Es sind jetzt Verbände dabei, die sich vorher noch nie qualifizieren konnten. Deshalb bin ich sehr gespannt, wie es dieses Jahr läuft. 

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Ist so eine Veranstaltung für Sie als Vizepräsidentin für Frauen- und Mädchenfußball im DFB nur Arbeit und Stress – oder bleibt Zeit, um die Spiele zu genießen?   

Ich bin ja als Delegationsleiterin der deutschen Mannschaft dabei. Ich werde so auf jeden Fall bei den Spielen der deutschen Mannschaft dabei sein. Auf der Tribüne sitzen und mir die Spiele entspannt angucken kann ich nicht. Es sei denn, es läuft gut und wir führen, dann bin ich schon etwas entspannter. Eine Europameisterschaft ist ein großartiges Erlebnis, da stehe auch ich unter Strom, fiebere mit und hoffe, dass alles gut geht.   

Vor 20 Jahren gewannen die deutschen Frauen zum ersten Mal eine Europameisterschaft. Was hat sich seit dem geändert?  

Auf Deutschland bezogen, hat es sich insofern verändert, dass der Frauenfußball seit 1989 einen großen Schritt vorangekommen ist. Vorher haben noch einige Leute gedacht: »Na ja, Frauenfußball – lass sie spielen, aber da muss man sich nicht drum kümmern.« Danach sind sie aufmerksam geworden, weil wir damals im eigenen Land den Titel geholt haben. Und seit dem haben wir von neun möglichen Titeln immerhin sechs geholt. Es war keine Eintagsfliege. Die, die den Frauenfußball auch schon 1989 unterstützt haben, haben richtig gelegen mit ihrer Einschätzung, dass es eine Sportart ist, die es wert ist, sie zu unterstützen. Heute haben wir viel mehr Fördergelder. Damals gab es nur die Frauen-Nationalmannschaft, jetzt haben wir Auswahlmannschaften in jeder Altersklasse ab den U15 Mädchen. Die Frauen von 1989 sind ohne viel Erwahrung ins Turnier gegangen. Heute beginnt die internationale Erfahrung mit Testspielen bei der U15 und U16. Ab der U17 gibt es mit der EM und WM die ersten großen Wettbewerbe.   

Sie sagen, dass die Förderung der Jugend einen Quantensprung gemacht hat. Das bestätigen auch die jungen Talente, die in die Nationalmannschaft vordrängen. Wo ist noch Nachholbedarf?  

In der Talentförderung, in den Auswahl- und Nationalmannschaften und den Maßnahmen, die drum herum durchgeführt werden, sind wir gut aufgestellt. Ausbaufähigkeiten haben wir im Vereinswettbewerb. Wir können die Situation der Frauenbundesliga und zweiten Bundesliga noch verbessern, vor allem bei der Infrastruktur. Die Qualität der meisten Stadien, der Service in den Stadien, das sind Dinge, die verbesserungswürdig sind. Daran arbeiten wir. Es ist die zwanzigste Serie der Frauenbundesliga, die nach der EM startet. Wir sind noch längst nicht am Ende der Entwicklung angekommen. Noch dazu schlafen die anderen Verbände auch nicht.  

Wie schätzen Sie denn die Entwicklung der anderen europäischen Länder ein?  

Das Problem ist, dass ich die Mannschaften der anderen Länder immer nur spielen sehe, wenn sie gegen uns Mannschaft spielen. Wir haben kürzlich gegen die Niederlande gespielt, die sich zum ersten Mal für die EM qualifizieren konnten. Dass wir sie 6:0 geschlagen haben, hat mich etwas enttäuscht, ich hatte gehofft, die Niederländerinnen wären stärker. Aber vielleicht hatten sie einfach zu viel Respekt vor unserer Mannschaft, mit den ganzen Erfolgen im Nacken. Jetzt haben sie aber die Möglichkeit bei der EM zu zeigen, wie stark sie wirklich sind, vielleicht war das Spiel gegen uns ein Ausrutscher. Im Spiel gegen Russland konnte man auch sehen, dass es dort vorangeht. Ich weiß auch, dass in Island sehr viel für den Frauenfußball getan wird. England und Frankreich sind ebenfalls sehr aktiv. Nationen, die vor 10 bis 15 Jahren noch keine Rolle gespielt haben,, sind im Kommen. Die Anreize, in den Frauenfußball zu investieren, sind gestiegen, durch die U17-EM und die U19-EM, aber auch dadurch, dass FIFA und UEFA Verbände nur in voller Höhe unterstützen, wenn sie auch im Frauen- und Mädchenfußball tätig sind. Diese Tätigkeit belegt man u.a. durch Teilnahme an den internationalen Wettbewerben. Von daher ist auch ein finanzieller Anreiz geschaffen, der die Entwicklung stark vorantreibt.   

Welche Liga schätzen Sie als die stärkste der Welt ein?  

Das ist schwer zu sagen. Im UEFA-Cup waren die Bundesligisten immer gut dabei, aber auch die Schwedinnen, Umeå zum Beispiel. Die Ligen in Frankreich werden immer stärker. Aber dadurch, dass nie etwas aus dem Bereich übertragen oder geschrieben wird, kann ich die wirkliche Stärke nur schwer einschätzen. Ein neues Kräftemessen gibt es dann ab dieser Saison wieder in der Champions League.   

Begrüßen Sie diese Umwandlung von UEFA-Cup zu Champions League?  

Der Ursprung dieser Umwandlung liegt darin, dass wir uns bei der UEFA überlegt haben, dass der Wettbewerb der Landesmeister eigentlich eine Champions League ist. Außerdem gibt es durchaus Überlegungen, in ein paar Jahren einen Wettbewerb für die Landespokalsieger zu veranstalten und das wäre dann nachvollziehbar der UEFA-Cup. Festgelegt ist da noch nichts, wir müssen noch schauen, wie sich der Frauenfußball in den Vereinen der nationalen Verbänden entwickelt. 

Glauben Sie, dass in einiger Zeit auch im Frauenfußball nicht mehr von »kleinen Nationen« gesprochen werden kann, sei es auf Vereinsebene oder auf Verbandsebene?  

Eine »kleine Nation« in diesem Sinne wäre Island. Gegen die spielen wir jetzt in Finnland in der Gruppenphase und haben großen Respekt. Ich bin sehr gespannt, denn die Isländerinnen sind im Nachwuchsbereich sehr erfolgreich. Ich erwarte, dass auch die anderen »kleinen Nationen« immer weiter aufholen.   

Wo liegen denn die Stärken der deutschen Mannschaft momentan?  

Die Mannschaft ist sehr homogen, sie haben alle sehr hart gearbeitet. Sie zeigen auf den Lehrgängen und den Vorbereitungsspielen großen Einsatz und große Spielfreude. Die Frauen spielen sehr mannschaftsdienlich, es gibt keine egoistische Spielerin. Noch dazu ist die Stimmung in der Mannschaft sehr gut. Wir haben eine Mischung aus älteren und erfahrenen Spielerinnen, die schon viele Wettbewerbe gespielt haben, hin bis zu ganz jungen Spielerinnen. Unsere Jüngste ist Kim Kulig, die ganz aufgeregt ist, dass sie mit 19 Jahren zum ersten Mal an einem Frauenwettbewerb teilnehmen kann. Die älteren Spielerinnen haben die Jungen gut aufgenommen, und so konnte Silvia Neid eine dynamische Mannschaft aus Jung und Alt formen. Die Spielerinnen strahlen Souveränität aus und das stimmt wiederum mich zuversichtlich. Klar ist aber auch, dass sie hinfahren, um zu gewinnen. Sie sind Titelverteidigerinnen und wollen als Europameisterinnen in die Weltmeisterschaft gehen.   

Ist die ewige Favoritenrolle der Deutschen gut für den Frauenfußball hierzulande? 

Auf jeden Fall können wir uns nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen. Wir haben uns nie ausgeruht, auch nicht nach dem Weltmeistertitel 2003. Vier Jahre später sind wir dann als »Gejagte« nach China gefahren. Gejagt von der Öffentlichkeit, von den Medien und den Gegnerinnen. Alle konnten gewinnen, nur wir konnten verlieren. Doch die Mannschaft hat trotzdem alles gegeben um den Titel zu verteidigen. Natürlich wollen die anderen Nationalmannschaften auch gern einmal den Titel gewinnen. Dann würden sie zuhause mehr Unterstützung, Förderung und Zulauf bekommen. Im Sport tritt man nun mal an, um zu gewinnen. Wenn die anderen dann besser sind, muss man das akzeptieren.   

Momentan herrscht eine scheinbar unerschütterliche Euphorie um die WM 2011. Hält diese auch an, wenn die Frauen in Finnland hinter den Erwartungen zurückbleiben?  

Natürlich wäre man enttäuscht. Es ist ja generell so, in der Öffentlichkeit, aber auch intern bei den Verbänden und im DFB, dass man davon ausgeht, dass die Frauen das schon machen werden, die werden schon gewinnen. Dabei besteht natürlich auch immer die Möglichkeit, dass wer Anders stärker ist. Eine Niederlage könnte auch einen »jetzt erst recht«-Effekt hervorrufen, zumindest bei den Spielerinnen.   

Zum Abschluss Hand aufs Herz, wer wird Europameister?  

Wir natürlich! Die stärkste Mannschaft und ich hoffe, dass wir das sind. 

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