DFB-Pokalschmied Wilhelm Nagel über den Copa del Rey

»Ein hässlicher Silberling«

Nach dem Sieg von Real Madrid in der Copa del Rey ließ Verteidiger Sergio Ramos die königliche Trophäe vom Bus fallen. Wir sprachen mit Wilhelm Nagel, Erschaffer des DFB-Pokals, über peinliche Pokalpannen. DFB-Pokalschmied Wilhelm Nagel über den Copa del ReyImago

Wilhelm Nagel, gestern gewann Real Madrid die Copa del Rey. Auf der nächtlichen Triumphfahrt im Doppeldecker ließ Verteidiger Sergio Ramos den Pokal fallen, die Trophäe wurde vom Bus überrollt. Werden da Erinnerungen wach?

Wilhelm Nagel: Natürlich, da denkt jeder sofort an 2002, als Rudi Assauer den DFB-Pokal demolierte. Allerdings ist es um den spanischen Pott nicht so schade. Das ist ja ein ganz hässlicher Silberling – wie im Übrigen fast alle Trophäen, die heutzutage verliehen werden. Industrieprodukte, die man an jeden Ecke kaufen kann.

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Real Madrid konnte sich die Copa del Rey zuletzt 1992/93 sichern, außerdem ging es im Finale gegen den Erzfeind aus Barcelona. Haben Sie gar kein Verständnis, wenn im Taumel solcher Emotionen ein derartiges Malheur unterläuft?


Wilhelm Nagel: Man darf sich doch freuen, aber das muss eben intelligent passieren. Es geht auch um Haltung, um Respekt vor der künstlerischen Arbeit. Die Spieler wissen gar nicht, was sie in der Hand halten. Für die ist das nur ein Gegenstand, der dann weitergereicht wird.

Wieso wurden Sie eigentlich damals für die Gestaltung des DFB-Pokals ausgewählt? Wie kam der Kontakt zustande?

Wilhelm Nagel: Ich hatte als Schüler eines Goldschmiedes schon an der deutschen Meisterschale mitgearbeitet. Seitdem bestand ein guter Draht zum damaligen DFB-Präsidenten, Peco Bauwens. Bauwens war ein hochintellektueller Mann, der wollte etwas Besonderes geschaffen wissen.

Sie kritisieren die Beliebigkeit der Trophäen, die heute im Weltfußball kursieren. Was haben Sie denn beim DFB-Pokal anders gemacht? Was hat Sie inspiriert?

Wilhelm Nagel: Es gab damals, 1964, ausreichend abschreckende Beispiele. Ich hatte bei einem Spiel in Köln den Rheinischen Pokal gesehen. Der erinnerte in jeder Hinsicht an eine Vase, nur die Blume hat gefehlt. Nicht viel besser war es um den Weltmeisterpokal bestellt, das war ein kleiner Becher. Ich wollte mit meinem Entwurf neue Maßstäbe setzen. Zuvor hatte ich meist in kirchlichem Auftrag gearbeitet. Der DFB-Pokal sollte den Brückenschlag schaffen und eine sakrale Aura einfangen, die Respekt einflößt und Achtung gemahnt.

Bei Rudi Assauer hat dieser Ansatz seine Wirkung verfehlt. Auch er ließ als Manager von Schalke 04 den Pott fallen und sorgte so für ein Kuriosum. Wie und wo haben Sie davon erfahren?

Wilhelm Nagel: Ich saß mit meiner Frau vor dem Fernseher und sah, wie die Schalker Mannschaft den Sieg feierte. Ich ahnte Böses. »Guck mal, das geht bestimmt gleich schief«, waren meine Worte. Die Prognose sollte sich leider bewahrheiten.

Sie sollen später mit Assauer im Clinch gelegen haben, auch weil der angeblich polterte: »Wenn wir den Pott noch mal gewinnen, haben wir die Möglichkeit, ihn wieder kaputt zu hauen.«

Wilhelm Nagel: Eine sehr komische Theorie, auch wenn mir von diesem Spruch nichts bekannt ist. Fakt ist, dass ich Rudi Assauer bis zum Pokal-Vorfall gar nicht kannte. Später wurde die Geschichte von den Medien fürchterlich aufgebauscht, so dass mich Assauer eines Tages anrief und zürnte, ich solle ihm nicht länger die Journalisten auf den Hals hetzen. Assauer hat jedenfalls bewiesen, dass auch er gar keinen Sinn für den Pokal als wertiges Objekt hat.

Würden Sie denn dafür plädieren, dass ein Pokal nach der Verleihung sofort von Verbands- oder Vereinsfunktionären verwahrt wird? Damit entfielen gefährliche Ehrenrunden, Busfahrten oder der Missbrauch des Pokal als Sekteimer.

Wilhelm Nagel: Es würde schon reichen, einen bewussteren Umgang mit diesem Gegenstand, der ja auch ein Kunstwerk ist, anzumahnen. Der Pokal war für mich keine alltägliche Sache, ich bin Goldschmied mit Leib und Seele. Sieht man das eigene Werk dann so missbraucht, blutet einem das Herz.

Dann finden Sie es bestimmt auch furchtbar, wenn die feiernden Fußballer den Pokal als riesiges Bierglas missbrauchen.

Wilhelm Nagel: Sekt und Bier können einem Pokal nichts anhaben. Der Gold- oder Silberbelag ist immun und wird nicht beeinträchtigt, einzig der Gestank muss ausgewaschen werden. Nach der Assauer-Affäre wollte ich zuerst nicht mehr Hand an den kaputten Pott anlegen. Ich drängte darauf, ihn als abschreckendes Beispiel beim DFB in Frankfurt auszustellen. Dem wurde von Verbandsseite nicht entsprochen, weil man das Historische des Pokals weitertragen wollte.

Wie lange haben Sie damals gebraucht, um den Pokal wieder herzurichten?

Wilhelm Nagel: Der Pott war total demoliert. Ich musste die verbogenen oberen Ringe austauschen, den krummen Sockel entbeulen, die Seiten entdellen, Bergkristalle und Turmalien neu einsetzen. Ich saß fast vier Monate vor dem Pokal. 700 Arbeitsstunden hat die Reparatur verbraucht.

Am 21. Mai 2011 steht wieder der FC Schalke 04 im Pokal-Finale, dann gegen den MSV Duisburg. Werden Sie das Spiel im Stadion verfolgen, um ihren Pokal zu sehen?

Wilhelm Nagel: Ich gucke mir die Partie an, allerdings nur im Fernsehen. Der Pokal ist eine Jugendarbeit von mir, riesige Gefühlsregungen gibt es heute nicht mehr. Ich bin 83 Jahre alt. Die Sockelfläche bietet ohnehin nur noch bis 2020 Platz, um das Siegerteam mit einer Gravur zu verewigen. Danach sollte einem jungen Künstler die Gelegenheit gegeben werden, um eine neue Trophäe zu schaffen.

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