26.09.2008

DFB-Arzt Tim Meyer im Interview

»Springt nicht auf jede Kuh«

Leistungsdiagnostik ist das Thema der Stunde. Tim Meyer, DFB-Mannschaftsarzt, spricht hier über unsinnigen Aktionismus, Zauberer und die richtigen Ansätze der modernen Trainingslabore.

Interview: Benjamin Kuhlhoff Bild: Imago
Herr Meyer, bei der Verbindung von Wissenschaft und Fußball wird vor allem immer das Milan Lab des AC Mailand als Vorzeigeprojekt genannt. Für wie sinnvoll halten Sie die Arbeit des Milan Lab?

Detaillierte Angaben über die Vorgehensweise des Milan Lab sind für mich bislang nicht verfügbar und meines Wissens auch nicht veröffentlicht. Was aus Italien im Rahmen von Vorträgen rüberschwappt, wirkt zuweilen nicht nur seriös. Beispielsweise hält eine Urindiagnostik zur Trainingssteuerung, die zumindest kolportiert wird, keiner unabhängigen Kontrolle stand. Es gibt aber auch sinnvolle Ansätze wie die systematische Kontrolle des Zahnstatus der Spieler. Über die Zähne können sich sehr schnell Infektionen ausbreiten. Insgesamt ist im Profifußball an vielen Stellen zu beklagen, dass die Versorgung über ein sinnvolles Maß ausufert. Wichtig ist aus meiner Sicht, dass die Spieler nicht vor lauter vermeintlich wissenschaftlichen Hilfen vergessen, dass der wichtigste Faktor, um ihre Leistung zu verbessern, das Training ist und kein Laborwert. Eine Beschränkung auf seriöse Verfahren und gesicherte Diagnostik scheint mir wichtig.



Wie bewerten Sie als Sportmediziner die Labore, die momentan in der Bundesliga aufgebaut werden?

Momentan entwickeln viele Vereine aufwändige Konzepte, mit denen sie die Leistungsdiagnostik und Sportmedizin direkt an ihren Verein binden. Gelegentlich werden dann Ärzte zu hauptamtlichen Angestellten des Vereins. Das ist aus Vereinssicht nachvollziehbar. Die Spieler sind das Kapital des Klubs, also will man eine schnelle und möglichst kompetente Versorgung gewährleisten.

Die Erweiterung des Betreuerstabs ist also ein Vorteil für den Verein. Gibt es auch Nachteile?


Natürlich existieren auch einige Gefahren. Als Arzt beschäftigt man sich in einer solchen Situation nur noch mit den speziellen Sorgen, die der Hochleistungssport mit sich bringt und verliert leicht den Blick für das aus medizinischer Sicht Sinnvolle. Eine Tendenz zur Überversorgung kann resultieren. Es fehlt einem der Umgang mit den normalen Kranken. Es ist zwar stressig, neben der Arbeit bei einem Profiverein noch eine Praxis zu führen oder im Krankenhaus zu arbeiten, aber für die Qualität der Spielerversorgung wäre das aus meiner Sicht langfristig vorteilhaft.

Erhöht die enge Bindung an den Verein auch den Druck auf die Mediziner?

In dem Moment, in dem sich medizinisches Personal fest an einen Verein bindet, koppeln sich diese Personen für ihren Lebensunterhalt natürlich auch an den Erfolg des Vereins. Es entstehen unweigerlich Abhängigkeiten. Auch aus dem Blickwinkel der Dopingprävention sind solche Strukturen nicht zu begrüßen. Das heißt natürlich keineswegs, dass diese Personen automatisch dopen. Aber die Drucksituationen, denen man im Profisport ohnehin ausgesetzt ist, werden noch größer. Wenn meine materielle Existenz oder mein Wohlstand abhängig vom jeweiligen Verein sind, bin ich auch in meinen Handlungen weniger unabhängig. Habe ich eine feste Bindung an den Verein, steht bei Misserfolg oder Abstieg automatisch auch mein Job auf dem Spiel. Aus meiner Sicht sollten Ärzte in ihrer materiellen Existenz möglichst unabhängig vom professionellen Sport sein.

Neben den klassischen Sportmedizinern sind heutzutage auch andere Spezialisten an der täglichen Arbeit mit den Spielern beteiligt. Gibt es da generelle Trends?
  
Mittlerweile sind häufig auch zum Beispiel Psychologen, Ernährungs- oder Sportwissenschaftler involviert. Bis vor wenigen Jahren waren solche Experten im Fußball eher selten zu finden. Die Sportart hat es an sich, dass diese Personen jetzt einen plötzlichen Bedeutungszuwachs erfahren und damit auch ihre persönliche materielle Existenz verbinden. Das führt leicht zu Aktionismus, der keinen Sinn macht, aber die eigene Rolle im Profifußball rechtfertigen soll. Daher scheint es mir sehr wichtig, für diese Positionen seriöse und gut ausgebildete Personen auszuwählen, die nicht dazu neigen, sich selbst zu profilieren.

Haben Sie ein Beispiel für die Aktionismus-These?

Ein Ernährungswissenschaftler kann durch ein paar einfache Änderungen leicht Verbesserungen im Profifußball erzielen, zumal auf diesem Gebiet viele Fußballer traditionell nicht gerade Musterschüler sind. Nachdem durch verschiedene organisatorische und pädagogische Maßnahmen schnell Fortschritte erkennbar sind, wird es aber bald schwieriger, solche Erfolge zu wiederholen. Ohne dauerhafte Sichtbarkeit für Trainer und Mannschaftsführung befürchtet man aber schnell, die eigene Bindung an den lukrativen Profifußball zu verlieren. Was macht man also? Man setzt auf Nahrungsergänzungsmittel, Pillen, Zusatzprodukte und sonstige Zaubereien. Obwohl längst gesichert ist, dass Fußballspieler ihren Nährstoffbedarf durchaus ohne Zusatzprodukte oder zumindest mit einem sehr zurückhaltenden Einsatz von Nahrungsergänzungen sichern können.

Wie unterscheiden sich die Testbatterien der Bundesliga-Klubs?

Natürlich habe ich nicht Einblick in die Arbeit aller Vereine. Wenn man ins Detail geht, stellt man fest, dass es eine Reihe verschiedener Testschemata gibt. Das liegt schlicht und ergreifend daran, dass sich auch Wissenschaftler und Leistungsdiagnostiker nicht immer einig sind. Allerdings ist damit ein unmittelbarer Vergleich zwischen Spielern verschiedener Mannschaften schwierig. Durch die seit über 15 Jahren weitgehend konstante Testung im DFB, die mittlerweile auch im Juniorenbereich konsequent durchgeführt wird, haben wir aber auf der Ebene der Auswahlteams sehr gute Vergleichsmöglichkeiten. Verschiedene Ergänzungen in den letzten Jahren haben neuere Entwicklungen auf dem Testsektor berücksichtigt, auch wenn wir dort nicht auf jede Kuh springen wollen, die gerade durchs Dorf getrieben wird.

Eine viel gelobte Testreihe führt Riccardo Proietti beim FC Bayern München durch. Wie bewerten Sie Proiettis Arbeit mit dem »Omegawavesystem«?

Präzise Kenntnisse über die Testreihe besitze ich nicht, so dass ich kein Urteil abgeben kann. Soweit jedoch die Herzfrequenzvariabilität oder gar die Atemfrequenz als Messparameter eingesetzt werden, um im professionellen Fußball konkrete Ableitungen für das Training vorzunehmen, kann ich nur zu großer Skepsis raten. Die Herzfrequenzvariabilität ist ja kein neuer Parameter, sondern wird seit Jahren in der Sportmedizin untersucht. Immer wieder wurde versucht, Trainings- oder Erschöpfungszustände mit der Herzfrequenzvariabilität in Zusammenhang zu bringen. Auch wenn dies teilweise im Durchschnitt einer Gruppe gelingt, ist die Präszision im Einzelfall doch zu gering für Vorhersagen mit solchen Konsequenzen.

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