DFB-Arzt Tim Meyer im Interview

»Springt nicht auf jede Kuh«

Leistungsdiagnostik ist das Thema der Stunde. Tim Meyer, DFB-Mannschaftsarzt, spricht hier über unsinnigen Aktionismus, Zauberer und die richtigen Ansätze der modernen Trainingslabore. DFB-Arzt Tim Meyer im InterviewImago
Heft #83 10/2008
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Herr Meyer, bei der Verbindung von Wissenschaft und Fußball wird vor allem immer das Milan Lab des AC Mailand als Vorzeigeprojekt genannt. Für wie sinnvoll halten Sie die Arbeit des Milan Lab?

Detaillierte Angaben über die Vorgehensweise des Milan Lab sind für mich bislang nicht verfügbar und meines Wissens auch nicht veröffentlicht. Was aus Italien im Rahmen von Vorträgen rüberschwappt, wirkt zuweilen nicht nur seriös. Beispielsweise hält eine Urindiagnostik zur Trainingssteuerung, die zumindest kolportiert wird, keiner unabhängigen Kontrolle stand. Es gibt aber auch sinnvolle Ansätze wie die systematische Kontrolle des Zahnstatus der Spieler. Über die Zähne können sich sehr schnell Infektionen ausbreiten. Insgesamt ist im Profifußball an vielen Stellen zu beklagen, dass die Versorgung über ein sinnvolles Maß ausufert. Wichtig ist aus meiner Sicht, dass die Spieler nicht vor lauter vermeintlich wissenschaftlichen Hilfen vergessen, dass der wichtigste Faktor, um ihre Leistung zu verbessern, das Training ist und kein Laborwert. Eine Beschränkung auf seriöse Verfahren und gesicherte Diagnostik scheint mir wichtig.

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Wie bewerten Sie als Sportmediziner die Labore, die momentan in der Bundesliga aufgebaut werden?

Momentan entwickeln viele Vereine aufwändige Konzepte, mit denen sie die Leistungsdiagnostik und Sportmedizin direkt an ihren Verein binden. Gelegentlich werden dann Ärzte zu hauptamtlichen Angestellten des Vereins. Das ist aus Vereinssicht nachvollziehbar. Die Spieler sind das Kapital des Klubs, also will man eine schnelle und möglichst kompetente Versorgung gewährleisten.

Die Erweiterung des Betreuerstabs ist also ein Vorteil für den Verein. Gibt es auch Nachteile?


Natürlich existieren auch einige Gefahren. Als Arzt beschäftigt man sich in einer solchen Situation nur noch mit den speziellen Sorgen, die der Hochleistungssport mit sich bringt und verliert leicht den Blick für das aus medizinischer Sicht Sinnvolle. Eine Tendenz zur Überversorgung kann resultieren. Es fehlt einem der Umgang mit den normalen Kranken. Es ist zwar stressig, neben der Arbeit bei einem Profiverein noch eine Praxis zu führen oder im Krankenhaus zu arbeiten, aber für die Qualität der Spielerversorgung wäre das aus meiner Sicht langfristig vorteilhaft.

Erhöht die enge Bindung an den Verein auch den Druck auf die Mediziner?

In dem Moment, in dem sich medizinisches Personal fest an einen Verein bindet, koppeln sich diese Personen für ihren Lebensunterhalt natürlich auch an den Erfolg des Vereins. Es entstehen unweigerlich Abhängigkeiten. Auch aus dem Blickwinkel der Dopingprävention sind solche Strukturen nicht zu begrüßen. Das heißt natürlich keineswegs, dass diese Personen automatisch dopen. Aber die Drucksituationen, denen man im Profisport ohnehin ausgesetzt ist, werden noch größer. Wenn meine materielle Existenz oder mein Wohlstand abhängig vom jeweiligen Verein sind, bin ich auch in meinen Handlungen weniger unabhängig. Habe ich eine feste Bindung an den Verein, steht bei Misserfolg oder Abstieg automatisch auch mein Job auf dem Spiel. Aus meiner Sicht sollten Ärzte in ihrer materiellen Existenz möglichst unabhängig vom professionellen Sport sein.

Neben den klassischen Sportmedizinern sind heutzutage auch andere Spezialisten an der täglichen Arbeit mit den Spielern beteiligt. Gibt es da generelle Trends?
  
Mittlerweile sind häufig auch zum Beispiel Psychologen, Ernährungs- oder Sportwissenschaftler involviert. Bis vor wenigen Jahren waren solche Experten im Fußball eher selten zu finden. Die Sportart hat es an sich, dass diese Personen jetzt einen plötzlichen Bedeutungszuwachs erfahren und damit auch ihre persönliche materielle Existenz verbinden. Das führt leicht zu Aktionismus, der keinen Sinn macht, aber die eigene Rolle im Profifußball rechtfertigen soll. Daher scheint es mir sehr wichtig, für diese Positionen seriöse und gut ausgebildete Personen auszuwählen, die nicht dazu neigen, sich selbst zu profilieren.

Haben Sie ein Beispiel für die Aktionismus-These?

Ein Ernährungswissenschaftler kann durch ein paar einfache Änderungen leicht Verbesserungen im Profifußball erzielen, zumal auf diesem Gebiet viele Fußballer traditionell nicht gerade Musterschüler sind. Nachdem durch verschiedene organisatorische und pädagogische Maßnahmen schnell Fortschritte erkennbar sind, wird es aber bald schwieriger, solche Erfolge zu wiederholen. Ohne dauerhafte Sichtbarkeit für Trainer und Mannschaftsführung befürchtet man aber schnell, die eigene Bindung an den lukrativen Profifußball zu verlieren. Was macht man also? Man setzt auf Nahrungsergänzungsmittel, Pillen, Zusatzprodukte und sonstige Zaubereien. Obwohl längst gesichert ist, dass Fußballspieler ihren Nährstoffbedarf durchaus ohne Zusatzprodukte oder zumindest mit einem sehr zurückhaltenden Einsatz von Nahrungsergänzungen sichern können.

Wie unterscheiden sich die Testbatterien der Bundesliga-Klubs?

Natürlich habe ich nicht Einblick in die Arbeit aller Vereine. Wenn man ins Detail geht, stellt man fest, dass es eine Reihe verschiedener Testschemata gibt. Das liegt schlicht und ergreifend daran, dass sich auch Wissenschaftler und Leistungsdiagnostiker nicht immer einig sind. Allerdings ist damit ein unmittelbarer Vergleich zwischen Spielern verschiedener Mannschaften schwierig. Durch die seit über 15 Jahren weitgehend konstante Testung im DFB, die mittlerweile auch im Juniorenbereich konsequent durchgeführt wird, haben wir aber auf der Ebene der Auswahlteams sehr gute Vergleichsmöglichkeiten. Verschiedene Ergänzungen in den letzten Jahren haben neuere Entwicklungen auf dem Testsektor berücksichtigt, auch wenn wir dort nicht auf jede Kuh springen wollen, die gerade durchs Dorf getrieben wird.

Eine viel gelobte Testreihe führt Riccardo Proietti beim FC Bayern München durch. Wie bewerten Sie Proiettis Arbeit mit dem »Omegawavesystem«?

Präzise Kenntnisse über die Testreihe besitze ich nicht, so dass ich kein Urteil abgeben kann. Soweit jedoch die Herzfrequenzvariabilität oder gar die Atemfrequenz als Messparameter eingesetzt werden, um im professionellen Fußball konkrete Ableitungen für das Training vorzunehmen, kann ich nur zu großer Skepsis raten. Die Herzfrequenzvariabilität ist ja kein neuer Parameter, sondern wird seit Jahren in der Sportmedizin untersucht. Immer wieder wurde versucht, Trainings- oder Erschöpfungszustände mit der Herzfrequenzvariabilität in Zusammenhang zu bringen. Auch wenn dies teilweise im Durchschnitt einer Gruppe gelingt, ist die Präszision im Einzelfall doch zu gering für Vorhersagen mit solchen Konsequenzen.

Wie hat sich die Entwicklung der Datenerfassung im Profifußball in den letzten zehn Jahren entwickelt?

Insgesamt hat die Erfassung von Kenndaten der körperlichen Fitness deutlich zugenommen, vor allem seit dem Engagement von Jürgen Klinsmann in der Nationalmannschaft. Er hat das Ganze angestoßen. Man sollte ihm dankbar dafür sein, dass alles in allem heute der Stellenwert von objektiven Tests höher angesetzt wird. Im gleichen Zuge kann man dann auch die Entwicklung und Entstehung der Labs verstehen. In vielen Testbatterien werden mittlerweile auch mehr Komponenten getestet als früher.

Eine Zunahme an Tests bedeutet gleichzeitig auch eine Zunahme an Zahlen pro Spieler. Wie ordnet man die Datenmenge?

Der Anstieg an Daten erfordert zusätzliche Personen, die mit diesen Daten sensibel und verantwortungsvoll umgehen. Wenn Sie all das, was Sie über einen Spieler messen, in das richtige Fachchinesisch packen, dann können sie schon gehörig Eindruck schinden, auch wenn Ihre Aussagen nicht stimmen. Darum ist es wichtig, dass man als Verein oder Verband nur mit Menschen zusammen arbeitet, die seriös mit Daten umgehen. Seriös heißt auch, dass einem bewusst ist, dass ein gewisser Grad an Ungenauigkeit in diesen Daten steckt. Diese Tatsache muss man auch an das Trainerteam kommunizieren. Denn nur weil ich ein teures Gerät habe, kann ich noch lange nicht auf das tausendstel Prozent genau messen. Viele Tests haben eine gewisse natürliche Begrenzung ihrer Genauigkeit, nämlich den Spieler selbst bzw. seine Motivation. Der Spieler sollte sich im Idealfall maximal anstrengen, um auf vernünftige Daten zu kommen. Macht der Spieler nicht richtig mit, verlieren auch manche Daten an Aussagekraft. Ein wenig wissenschaftlicher Hintergrund ist für den Umgang mit solchen Daten keineswegs schädlich.

In einem Interview mit der »FAZ« sagten Sie, dass in der »Fußballforschung aus medizinischer Sicht nicht allzu viel wissenschaftlich gesichertes Wissen vorliegt«. Wie ist der momentane Stand?

Momentan laufen einige Studien, die vom DFB und der DFL gefördert werden. Aber in der kurzen Zeit seit dem Interview hat sich der Grundzustand natürlich noch nicht geändert. Erwähnenswert ist, dass viele Studien auf Junioren- oder Amateurmannschaften beschränkt sind, weil Profimannschaften solche Projekte häufig ablehnen. Das muss man aber auch verstehen. Denn Teilnahme an einer Studie heißt ja gelegentlich, dass der Trainingsalltag geändert werden muss, egal ob man sich im Abstiegskampf befindet oder nicht. Ob die Forschung mit Amateurmannschaften allerdings immer perfekt auf den Profifußball übertragbar ist, steht dahin. Wir stecken alles in allem immer noch in den Kinderschuhen. Und selbst Vorgehensweisen in Training und Betreuung, die wir als völlig selbstverständlich ansehen, sind bei genauem Hinschauen heutzutage immer noch verdammt unbelegt.

Wo sehen Sie Ansatzpunkte, in denen der Fußball und die Wissenschaft näher zusammen rücken können?

Über viele Trainingsformen, die heute im Fußball üblich sind, gibt es gar kein gesichertes Wissen. Man weiß nicht, wie sie den Organismus akut beanspruchen und welche Effekte man erwarten kann. Dieser Bereich ist nur sehr lückenhaft untersucht und basiert oftmals nur auf der plausiblen Annahme, dass Übung A einen bestimmten Effekt haben muss. Die unmittelbare Zukunft ist also, dass man Trainingsmittel gründlich untersucht. Das ist eigentlich auch gar nicht so kompliziert und stört zudem den Trainingsbetrieb nicht unbedingt. Man muss nur die Wissenschaftler auf die Trainingsplätze lassen. Die müssen sich allerdings dann auch mit verschiedenen Gegebenheiten des professionellen Fußballs auseinandersetzen und sich anpassen.

Wie ordnen Sie den Stand der Datenerfassung in Deutschland im internationalen Vergleich ein?

Die deutschen Klubs können im internationalen Vergleich auf hohem Niveau mit den Spitzenligen mithalten. Ich habe mir den Stand der Dinge beim FC Chelsea ansehen dürfen, vom Milan Lab hört man immer wieder etwas. Der FC Chelsea und AC Mailand sind natürlich Vereine, die für solche Dinge viel Geld zur Verfügung haben. Man sollte aber keinesfalls denken, das sei der überall vorhandene internationale Standard. Man kann ja nicht vom VfL Bochum verlangen, dass der Club die gleichen Standards schafft wie Real Madrid. An vielen Stellen könnte man vermutlich mit vergleichsweise geringem Aufwand ziemlich nah an die großen Abteilungen der finanzkräftigen Vereine herankommen, wenn man zielgerichtet und bodenständig mit den vorhandenen Daten umgehen würde. Große Mengen an konditionellen Kenndaten kann kein Trainer allein ordnen, weil er so etwas nicht gelernt hat. Deswegen braucht jeder Klub eigentlich einen Sportwissenschaftler, der seriös mit den Daten umgeht, aber keinen Zauberer.

Manche Vereine wünschen sich aber, möglichst alles über ihre Spieler zu wissen. Wie weit darf man einen Spieler eigentlich ausleuchten?

Eine Beschränkung auf das praktisch Verwertbare ist erforderlich. Es gibt durchaus einige Daten, die überflüssig sind. Eine Diagnostik ohne denkbare Konsequenz ist in der Regel verzichtbar. Jeder Test und jede Überprüfung muss sich durch einen Bezug zur Einsatzfähigkeit, zur Leistung auf dem Spielfeld oder zu trainingsrelevanten Fragen sachlich rechtfertigen lassen. Daten zu erheben, die keinen solchen erkennbaren Bezug haben, halte ich für ethisch nicht vertretbar. Ich habe allerdings auch nicht das Gefühl, dass die Vereine Interesse an solchen Daten haben. Doch bei der Vielzahl an Daten, die heutzutage teilweise erhoben werden, kann man im Einzelfall schon nachdenklich werden. Die Grenze für eine medizinische Datenerhebung durch Ärzte ist natürlich der Spieler selbst. Ärztliche Maßnahmen ohne Zustimmung der Spieler sind nicht möglich – seien dies Tests oder Behandlungen.

Können Sie ein Beispiel dafür geben, welche Daten mit Zweifel zu betrachten sind?
 

Bei einer Blutentnahme werden routinemäßig ein paar Werte erhoben, die zweifelsfrei zum Screening sinnvoll sind, wie zum Beispiel das Blutbild, Kreatinin, Leberwerte oder die Harnstoffwerte. Sie können rein technisch aber auch Vitamine und seltene Spurenelemente bestimmen, für die überhaupt keine Normwerte vorliegen. Entsprechende Studien müssen erst durchgeführt werden. Da kann man sich dann aber hinstellen und sagen: „Der Spieler X hat zu wenig Vitamin YZ, deswegen besteht Handlungsbedarf.“ Doch eine solche Aussage ist eigentlich vollkommen unseriös, weil man auf dieser Ebene noch gar nicht so weit ist, dass man vernünftige Beurteilungen vornehmen kann. Solche Blutwerte sind ein gutes Beispiel für eine sinnlose Überversorgung, die dem Spieler nichts bringt und den Verein unnötiges Geld kostet.

Welche Entwicklungen sind im Bereich der Leistungsdiagnostik in Zukunft zu erwarten?

Im Bereich der Leistungsdiagnostik gibt es ständig Neuentwicklungen, von denen sich aber die wenigsten sinnvoll unmittelbar auf den Fußball übertragen lassen. Man wird immer mehr Tests sehen, die versuchen, die Realität auf dem Feld nachzustellen. Ein gutes Beispiel dafür ist der Sprinttest mit Richtungsänderungen. Die Anzahl solcher sportartspezifischen Tests wird steigen. Unser Problem ist dann aber: Je mehr verschiedene Tests es gibt, desto unübersichtlicher und uneinheitlicher werden die Daten. Jeder Verein oder jedes Lab entwickelt dann seine eigene Testbatterie. Die Vergleichbarkeit untereinander geht vollends verloren. Im Grunde sollte man froh sein, dass der DFB seine eigene standardisierte Testbatterie hat. So werden wenigstens die Nationalspieler von den Junioren bis zu den Herren vergleichbar untersucht.

Warum entwickelt man nicht gemeinsam eine einheitliche Testbatterie, die alle Vereine und Labs umsetzen?

Wünschenswert wäre das schon, wenn man eine Vergleichbarkeit herstellen könnte. Ich halte das allerdings für sehr unrealistisch. Zum einen sind sich selbst manche Wissenschaftler nicht ganz einig über die idealen Tests. Zum anderen gibt es im vom Geld regierten Fußball zu viele Leute, die einen Vorteil für sich erkennen, wenn ihre Daten nicht vergleichbar bleiben. So kann man ständig etwas Neues produzieren, dass sich als das Ei des Kolumbus verkaufen lässt.


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