Deutschlands ältester Stadionsprecher Rainer Wulff

»Früher war mehr Bier im Nacken!«

Der 70-jährige Rainer Wulff ist der älteste Stadionsprecher Deutschlands. Seit 1986 ist er ehrenamtlich beim FC St. Pauli tätig. Ein Gespräch über Kinder in der Sprecherkabine, Bier im Nacken und Tony Marschall.

Es gibt zwei Songs, die man mit dem FC St. Pauli verbindet: »Hells Bells« von AC/DC, wenn die Mannschaften aufs Feld kommen, und »Song 2« von Blur, wenn der FC St. Pauli ein Tor geschossen hat. Mal ehrlich: Welchen der beiden können Sie nicht mehr hören?
»Hells Bells« mag ich etwas lieber, denn wenn das Lied läuft, dann entlädt sich bei mir eine Menge Spannung und Erwartung. Man weiß, jetzt geht’s los. Als Stadionsprecher hat man ja die ganze Woche mit der Vorbereitung zu tun, muss den Ablauf mit dem Verein absprechen und aufschreiben, daher ist es schön, wenn man weiß: Nun kann ich mich auf das Spiel konzentrieren, denn nur darum geht es ja. Niemand kommt ins Stadion, um uns oder die Werbung zu hören. Wenn ein Tor fällt und wir den Blur-Song spielen, dann muss ich schon wieder völlig konzentriert auf die Ansage sein: Wer hat getroffen? War es vielleicht das erste Tor des Spielers? Außerdem muss ich auch schnell die TV-Zeitlupe kontrollieren, um mich zu vergewissern, ob mal wieder Ginzcek getroffen hat oder doch jemand anderes. 
 
Und wenn Sie »Song 2« zufällig im Radio oder auf einer Feier hören?
Bekomme ich immer Gänsehaut. Ganz ehrlich. Aber keine Sorge, Zuhause muss ich mir die CD nicht auch noch anhören.
 
Ist die CD in der Sprecherkabine schon mal gesprungen? Oder gab es andere Pannen?
Oh ja, früher häufiger! In den achtziger Jahren, als es unsere Kabine und diese Jingles noch nicht gab, da hatte ich sogar nur einen einfachen Kassettenrekorder. Und wenn ein Tor fiel und ich zu laut ins Mikrofon sprach, dann fiel das Gerät gerne mal für eine Minute komplett aus. Ich konnte nicht mal mehr den Torschützen ansagen! Die Leute vor mir drehten sich um und fragten sich: »Warum redet er nicht weiter?« Das gleiche passierte, wenn Zuschauer ihr Bier auf meinem Rekorder abstellten, dann fiel der auch gerne aus. Ganz wunderbare, aber gewöhnungsbedürftige Pannen! Als ich 1986 anfing, hatte ich ja nicht mal eine Sprecherkabine. Hinter mir war der »Kuchenblock« von Annegret Paulick, der Frau des damaligen Präsidenten Otto Paulick, und von dort flogen mir immer die Streusel oder auch mal Bier in den Nacken.
 
Und Sie wurden nicht unruhig?
Ach was, das war ja damals alles noch etwas übersichtlicher. Früher kam ich zwei Stunden vor Spielbeginn auf die Geschäftsstelle und fragte: »Steht was an?« Und dann hatte man irgendwo zwei kleine Zettel, wo ein paar Infos draufstanden: ein Geburtstagsgruß, zwei Werbedurchsagen, das war’s.
 
Ein Stadion-Ansage-Klassiker von früher, der immer für gute Stimmung sorgte: Die Nachricht an den Mann im Stadion, der soeben Vater geworden ist...
Klar, das haben wir auch oft gehabt, dass ein Anruf aus dem Krankenhaus kam. Oft musste wahrscheinlich die Frau etwas früher in den Kreißsaal, während ihr Mann sich hier am Millerntor vergnügt hat. Früher saßen wir ja so, dass wir für die Fans viel erreichbarer waren. In unsere jetzige Sprecherkabine unterm Dach kommt kein Zuschauer mehr hin.
 
Finden Sie das gut oder schlecht?
Eher gut. Früher kamen die Leute zum Teil mit jedem Scheiß an. Sehr oft hatten wir spontanen Besuch von betrunkenen Zuschauern, die dann lallten: »Kannst du nicht mal meinen Freund ausrufen … und schöne Grüße! …« Die wurde man nur ganz schwer wieder los. Das klappte am Anfang nicht immer. Später haben wir aber unsere Ordner gebrieft. Es gab ja keine richtigen Fanblöcke. Wir hatten auch oft verlorenengegangene Kinder in der Kabine, die heulten oder rumlärmten. Oft gefiel es ihnen aber so gut bei uns, dass sie nicht wieder raus wollten, wenn die Eltern sie abholten!

Sind Sie schon mal an der eigenwilligen Aussprache eines gegnerischen Spielernamens verzweifelt?
Ja, natürlich. Wenn ich früher bei einem Verein anrief, um zu fragen, wie man ein paar kompliziertere Namen korrekt ausspricht, dann wussten die das oft auch nicht. Meistens waren die völlig überrascht und sagten: »Diese Frage hat noch nie jemand gestellt.« Vor der Spielzeit 2010/11 habe ich mal alle Vereine um Aussprachelisten gebeten. Das klappte auch, und ich habe die Listen an alle Stadionsprecherkollegen geschickt. Vor einem halben Jahr hat mich deshalb die DFL kontaktiert, denn die wollen die korrekte Aussprache der Namen demnächst zentral sammeln und verteilen.  Oft habe ich auch einfach bei Wikipedia nachgeschaut, wie sz, ctsch oder kxy in der jeweiligen Sprache klingen muss.
 
Niemals in der Sprecherkabine gestottert? Rolf-Christel Guié-Mien? Vladimir Beschastnykh?
Hat meistens geklappt, aber sicher nicht immer. Als alter Radiomann ärgere ich mich nur darüber, wenn TV-Kommentatoren eines Senders keine einheitliche Aussprache wahren. Wie war das noch neulich? Unser Spieler Lennart Thy wurde zu »Lennart Tüü«. Es ist für mich eine Frage des Respekts dem Spieler gegenüber, dass man seinen Namen korrekt ausspricht. Unsere neuen St. Pauli-Spieler fragen wir im Zweifelsfall immer direkt.
 
Stichwort Respekt: Sie bezeichnen die gegnerischen Fans stets als »unsere Gäste« und nicht als »Gegner«. Dazu spielen sie auch stets das Fanlied der Gästemannschaft.
Ja, klar. Das habe ich eingeführt, auch wenn das anfangs in der Fanszene kontrovers diskutiert wurde. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich auf die Idee kam. Oft war es auch so, dass nicht jeder Verein eine Hymne hatte. Heute haben fast alle eine und freuen sich darüber, wenn wir die spielen. Ich glaube, das baut auch Aggressionen bei den Gästefans ab, wenn die ihr Lied hören. Politiker würden das eine »vertrauensbildende Maßnahme« nennen. Die DFL hat das sogar mal allen Stadionsprechern empfohlen! Ursprünglich wollte sie das sogar vorschreiben, doch aus Schalke und Dortmund kam extremer Widerstand, mit der Begründung, die Umsetzung sei unvorstellbar.

Wenn die Fan-Hymne der Gäste erklingt, müssen einige St.Pauli-Fans oft lachen...
Ja, das kommt vor. Oft hat man den Eindruck, dass einfach der Chef vom örtlichen Spielmannszug auf die Schnelle ein Stimmungslied komponiert hat. Ich selbst bekam sogar mal in den frühen siebziger Jahren von Holstein Kiel die Anfrage, ob ich nicht einen Text zu der Melodie von Tony Marschalls »Schöne Maid, hast du heut’ für mich Zeit?« schreiben könnte. Ich habe versucht, was zu entwickeln, und der Song wurde sogar mal bei irgendeinem Vereinsjubiläum gespielt. Eher peinlich!

Reden wir ein bisschen über Ihre persönlichen Highlights am Millerntor: Der 2:1-Sieg gegen Bayern München im »Weltpokalsiegerbesieger«-Spiel?
Nein, alle Aufstiegsspiele in die erste Liga waren viel intensiver. Ein Aufstieg ist ja die Vorfreude auf etwas, das kommt. Ein Sieg in einem großen Spiel ist eher eine Momentaufnahme. Wobei der Sieg im DFB-Pokal 2005 im Achtelfinale gegen Hertha BSC auch deswegen sehr emotional war, weil der Verein finanziell ganz am Boden lag. Wir wussten, dass wir durch einen Treffer in der Verlängerung nicht nur eine Runde weiter sind, sondern auch noch mal eine Million Fernsehgelder bekommen. Die Rettung!
 
Beim Aufstiegsspiel 1995 gegen den FC Homburg müssen Sie aber trotzdem nervös geworden sein, als die Zuschauer kurz vor Schluss das Spielfeld stürmten, oder?
Ich hatte für das Spiel meine Kur am Bodensee unterbrochen und kam nun von der Ruhe meines abgeschiedenen Sport-Sanatoriums an diesen Hexenkessel Millerntor. In der 87. Minute beim Stand von 5:0 pfiff der Schiedsrichter Elfmeter für St. Pauli: Die Zuschauer dachten, das Spiel wäre vorbei und rannten auf den Rasen, was früher bei uns üblich war beim letzten Saisonspiel. Ich guckte auf die Stoppuhr und war ratlos: Wird das Spiel wegen des Platzsturms jetzt abgebrochen? Mit der Folge, dass es als Niederlage gewertet wird? Oder war es doch schon der Schlusspfiff? Für die Homburger ging es um nichts mehr. Sogar abends bei der Aufstiegsfeier hatte ich noch meine Zweifel. Ich habe den Schiedsrichter vor drei Jahren bei der 100-Jahre-Jubiläumsfeier des Vereins getroffen. Da hat er mir erzählt, dass das damals sein letzter Einsatz vor seinem Ruhestand war. Zum Glück! So hatte er nichts mehr zu befürchten, als er den Elfmeterpfiff kurz darauf als leider etwas verfrühten Schlusspfiff deklarierte.
 
Fällt es Ihnen nicht wahnsinnig schwierig, die Ruhe zu bewahren, wenn 20.000 bis 30.000 Menschen um Sie herum komplett durchdrehen?
Ich bin nicht der Typ, der als Animateur durchs Stadion läuft und die Fankurven aufmuntert oder anfeuert. Ich singe auch nicht! Wenn man das von mir verlangt hätte, dann wäre ich schon lange nicht mehr hier. Auch bei Auswärtsspielen, also wenn ich nur Zuschauer bin, freue ich mich eher auf stille Weise. Schreien und Brüllen ist nicht mein Ding. Das Beste ist, wenn man nach Hause geht und denkt, dass man einen ordentlichen Job gemacht hat. Aber keine Sorge, Zuhause vorm Fernseher spring ich auch mal hoch.
 
Was geht in Ihnen vor, wenn Sie die Animateure in anderen Stadien erleben?
In dem Moment finde ich das ganz schrecklich, aber oft kenne ich die Kollegen von verschiedenen Schulungen und weiß, dass die ganz nette Kerle sind. Ich frage mich aber schon, ob die freiwillig so sind oder ob die das machen müssen. Die Kollegen, die ans Millerntor kommen, sind auch oft überrascht und sagen zu mir: »Mensch, du rennst ja gar nicht rum. Du bist ja nur Ansager!« Das ist aber nun mal mein Stil, der sich über die Jahre – auch mit Feedback von den Fans – entwickelt hat.
 
Herr Wulff, was ist der größte Fehler, den ein Stadionsprecher machen kann?
Kein Ohr zu haben für die Fans. Und undiplomatisch zu sein. Man muss den Spagat schaffen zwischen Präsidium, Geschäftsstelle, sportlicher Leitung auf der einen und Fans auf der anderen Seite. Dafür muss man aber gar nicht jeden Tag im Klubheim sitzen und mit den Anhängern diskutieren, aber man muss ahnen, wie eine Fanszene tickt und sich verändert. Man muss sich mit dem, was passiert, mitentwickeln. 

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