30.05.2013

Deutschlands ältester Stadionsprecher Rainer Wulff

»Früher war mehr Bier im Nacken!«

Der 70-jährige Rainer Wulff ist der älteste Stadionsprecher Deutschlands. Seit 1986 ist er ehrenamtlich beim FC St. Pauli tätig. Ein Gespräch über Kinder in der Sprecherkabine, Bier im Nacken und Tony Marschall.

Interview: David Siems Bild: Imago

Sind Sie schon mal an der eigenwilligen Aussprache eines gegnerischen Spielernamens verzweifelt?
Ja, natürlich. Wenn ich früher bei einem Verein anrief, um zu fragen, wie man ein paar kompliziertere Namen korrekt ausspricht, dann wussten die das oft auch nicht. Meistens waren die völlig überrascht und sagten: »Diese Frage hat noch nie jemand gestellt.« Vor der Spielzeit 2010/11 habe ich mal alle Vereine um Aussprachelisten gebeten. Das klappte auch, und ich habe die Listen an alle Stadionsprecherkollegen geschickt. Vor einem halben Jahr hat mich deshalb die DFL kontaktiert, denn die wollen die korrekte Aussprache der Namen demnächst zentral sammeln und verteilen.  Oft habe ich auch einfach bei Wikipedia nachgeschaut, wie sz, ctsch oder kxy in der jeweiligen Sprache klingen muss.
 
Niemals in der Sprecherkabine gestottert? Rolf-Christel Guié-Mien? Vladimir Beschastnykh?
Hat meistens geklappt, aber sicher nicht immer. Als alter Radiomann ärgere ich mich nur darüber, wenn TV-Kommentatoren eines Senders keine einheitliche Aussprache wahren. Wie war das noch neulich? Unser Spieler Lennart Thy wurde zu »Lennart Tüü«. Es ist für mich eine Frage des Respekts dem Spieler gegenüber, dass man seinen Namen korrekt ausspricht. Unsere neuen St. Pauli-Spieler fragen wir im Zweifelsfall immer direkt.
 
Stichwort Respekt: Sie bezeichnen die gegnerischen Fans stets als »unsere Gäste« und nicht als »Gegner«. Dazu spielen sie auch stets das Fanlied der Gästemannschaft.
Ja, klar. Das habe ich eingeführt, auch wenn das anfangs in der Fanszene kontrovers diskutiert wurde. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich auf die Idee kam. Oft war es auch so, dass nicht jeder Verein eine Hymne hatte. Heute haben fast alle eine und freuen sich darüber, wenn wir die spielen. Ich glaube, das baut auch Aggressionen bei den Gästefans ab, wenn die ihr Lied hören. Politiker würden das eine »vertrauensbildende Maßnahme« nennen. Die DFL hat das sogar mal allen Stadionsprechern empfohlen! Ursprünglich wollte sie das sogar vorschreiben, doch aus Schalke und Dortmund kam extremer Widerstand, mit der Begründung, die Umsetzung sei unvorstellbar.

Wenn die Fan-Hymne der Gäste erklingt, müssen einige St.Pauli-Fans oft lachen...
Ja, das kommt vor. Oft hat man den Eindruck, dass einfach der Chef vom örtlichen Spielmannszug auf die Schnelle ein Stimmungslied komponiert hat. Ich selbst bekam sogar mal in den frühen siebziger Jahren von Holstein Kiel die Anfrage, ob ich nicht einen Text zu der Melodie von Tony Marschalls »Schöne Maid, hast du heut’ für mich Zeit?« schreiben könnte. Ich habe versucht, was zu entwickeln, und der Song wurde sogar mal bei irgendeinem Vereinsjubiläum gespielt. Eher peinlich!
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