30.05.2013

Deutschlands ältester Stadionsprecher Rainer Wulff

»Früher war mehr Bier im Nacken!«

Der 70-jährige Rainer Wulff ist der älteste Stadionsprecher Deutschlands. Seit 1986 ist er ehrenamtlich beim FC St. Pauli tätig. Ein Gespräch über Kinder in der Sprecherkabine, Bier im Nacken und Tony Marschall.

Interview: David Siems Bild: Imago

Es gibt zwei Songs, die man mit dem FC St. Pauli verbindet: »Hells Bells« von AC/DC, wenn die Mannschaften aufs Feld kommen, und »Song 2« von Blur, wenn der FC St. Pauli ein Tor geschossen hat. Mal ehrlich: Welchen der beiden können Sie nicht mehr hören?
»Hells Bells« mag ich etwas lieber, denn wenn das Lied läuft, dann entlädt sich bei mir eine Menge Spannung und Erwartung. Man weiß, jetzt geht’s los. Als Stadionsprecher hat man ja die ganze Woche mit der Vorbereitung zu tun, muss den Ablauf mit dem Verein absprechen und aufschreiben, daher ist es schön, wenn man weiß: Nun kann ich mich auf das Spiel konzentrieren, denn nur darum geht es ja. Niemand kommt ins Stadion, um uns oder die Werbung zu hören. Wenn ein Tor fällt und wir den Blur-Song spielen, dann muss ich schon wieder völlig konzentriert auf die Ansage sein: Wer hat getroffen? War es vielleicht das erste Tor des Spielers? Außerdem muss ich auch schnell die TV-Zeitlupe kontrollieren, um mich zu vergewissern, ob mal wieder Ginzcek getroffen hat oder doch jemand anderes. 
 
Und wenn Sie »Song 2« zufällig im Radio oder auf einer Feier hören?
Bekomme ich immer Gänsehaut. Ganz ehrlich. Aber keine Sorge, Zuhause muss ich mir die CD nicht auch noch anhören.
 
Ist die CD in der Sprecherkabine schon mal gesprungen? Oder gab es andere Pannen?
Oh ja, früher häufiger! In den achtziger Jahren, als es unsere Kabine und diese Jingles noch nicht gab, da hatte ich sogar nur einen einfachen Kassettenrekorder. Und wenn ein Tor fiel und ich zu laut ins Mikrofon sprach, dann fiel das Gerät gerne mal für eine Minute komplett aus. Ich konnte nicht mal mehr den Torschützen ansagen! Die Leute vor mir drehten sich um und fragten sich: »Warum redet er nicht weiter?« Das gleiche passierte, wenn Zuschauer ihr Bier auf meinem Rekorder abstellten, dann fiel der auch gerne aus. Ganz wunderbare, aber gewöhnungsbedürftige Pannen! Als ich 1986 anfing, hatte ich ja nicht mal eine Sprecherkabine. Hinter mir war der »Kuchenblock« von Annegret Paulick, der Frau des damaligen Präsidenten Otto Paulick, und von dort flogen mir immer die Streusel oder auch mal Bier in den Nacken.
 
Und Sie wurden nicht unruhig?
Ach was, das war ja damals alles noch etwas übersichtlicher. Früher kam ich zwei Stunden vor Spielbeginn auf die Geschäftsstelle und fragte: »Steht was an?« Und dann hatte man irgendwo zwei kleine Zettel, wo ein paar Infos draufstanden: ein Geburtstagsgruß, zwei Werbedurchsagen, das war’s.
 
Ein Stadion-Ansage-Klassiker von früher, der immer für gute Stimmung sorgte: Die Nachricht an den Mann im Stadion, der soeben Vater geworden ist...
Klar, das haben wir auch oft gehabt, dass ein Anruf aus dem Krankenhaus kam. Oft musste wahrscheinlich die Frau etwas früher in den Kreißsaal, während ihr Mann sich hier am Millerntor vergnügt hat. Früher saßen wir ja so, dass wir für die Fans viel erreichbarer waren. In unsere jetzige Sprecherkabine unterm Dach kommt kein Zuschauer mehr hin.
 
Finden Sie das gut oder schlecht?
Eher gut. Früher kamen die Leute zum Teil mit jedem Scheiß an. Sehr oft hatten wir spontanen Besuch von betrunkenen Zuschauern, die dann lallten: »Kannst du nicht mal meinen Freund ausrufen … und schöne Grüße! …« Die wurde man nur ganz schwer wieder los. Das klappte am Anfang nicht immer. Später haben wir aber unsere Ordner gebrieft. Es gab ja keine richtigen Fanblöcke. Wir hatten auch oft verlorenengegangene Kinder in der Kabine, die heulten oder rumlärmten. Oft gefiel es ihnen aber so gut bei uns, dass sie nicht wieder raus wollten, wenn die Eltern sie abholten!

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