Deutsches Altersheim Johannesburg

»Lärm gehört dazu«

Spätestens nach dem WM-Auftakt ist klar: Die Vuvuzelas werden uns den letzten Nerv kosten. Wir sprachen mit Bernhard Düsterwald aus dem Deutschen Altersheim in Johannesburg über laute Tröten und Rot-Weiss Essen. Deutsches Altersheim Johannesburg

Herr Düsterwald, wir sitzen im Café des Deutschen Altersheims in Johannesburg. Die Oberschwester hat erzählt, Sie seien 1955 in der Stadt angekommen. Erinnern Sie sich an Ihren ersten Eindruck?

Die klare Luft hier und die strahlende Sonne – und das trotz des Bergbaus hier. Ich war ja von zu Hause andere Luft gewohnt: Wenn wir als Kinder in Essen-Borbeck Schnee essen wollten, mussten wir erst die obere Schicht wegschieben, die war schwarz wie die Nacht, vom Kohlestaub.

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Das Wunder von Bern müssen Sie also noch im Ruhrgebiet verfolgt haben.

Natürlich, Ehrensache. Das war in einer Wirtschaft. Wir haben das Endspiel im Radio gehört. Helmut Rahn, der alte Rasenmäher, war ja einer von uns, er spielte damals bei Rot-Weiss Essen. Das war doppelt schön. Wir haben immer alle Spiele von Rot-Weiss auf dem Sportplatz gesehen, auch im strömenden Regen. Damals wurde nicht so ein Zirkus um eine WM veranstaltet wie heute. Alles war so schlicht, so einfach, aber auch aufregend.

Rot-Weiss Essen ist seit kurzem insolvent, haben Sie das schon gehört?

Was? Oh nein. Ich muss wirklich öfter deutsches Fernsehen gucken.

Glauben Sie, dass die WM für die Südafrikaner eine ähnliche Bedeutung hat wie für die Deutschen der Titelgewinn 1954?

Das kann man überhaupt nicht miteinander vergleichen. Die Südafrikaner werden auf dem Platz keine Chance haben. Nur, weil sie der Gastgeber sind, haben sie fußballerisch noch nichts geleistet.

Das »Wir sind wieder wer«-Gefühl konnte Sie damals nicht in Deutschland halten?

Nee... wissen Sie, ich war ja damals erst 24 und wollte was machen aus meinem Leben. Ich hab mir meine Frau geschnappt und meinte, wir müssen weg, raus aus den Ruinen und dem Dreck. Ich hatte Doris in einem Tanzlokal kennengelernt: »Komm, wir tanzen Boogie Woogie!« Naja.

Wie kamen Sie auf Südafrika?

Mein älterer Bruder war damals schon nach Johannesburg ausgewandert. Eines Tages kam er zu Besuch, und sein Sohn, mein Neffe, sagte: »Onkel Bernie, du musst auch zu uns kommen!« Mein Bruder konnte sich plötzlich ein Auto leisten. Und ich hatte nur ein Fahrrad mit drei Gängen. Heißes Wasser, das aus dem Hahn kommt, habe ich zum ersten Mal in Südafrika erlebt. Es dauerte nur ein paar Tage, da hatte ich meinen ersten Job als Schreiner, bis zu meiner Rente habe ich dann Raffinerien und Hochöfen mit Beton ausgespritzt.

Sie wollten nie unter Tage?

Nur, wenn man für mich Fenster in den Schacht eingebaut hätte. Ich brauche gute Luft.

Wie sind Sie denn hergekommen?

Mit dem Flugzeug. Das hat vier Tage gedauert, mit Umsteigen in Amsterdam, Rom, Entebbe und noch irgendwo. Alle sind luftkrank geworden, nur ich nicht, ich habe schön gemütlich mein Pils getrunken. Südafrika hat mir immer Glück gebracht. Ich konnte ein großes Haus bauen und mir sogar einen Pool leisten. Das Loch dafür habe ich selbst ausgehoben.

Hatten Sie Bedenken, in einem Land zu leben, in dem Apartheid herrschte?

Für Politik habe ich mich noch nie interessiert. Ich habe immer alle so gut behandelt, wie ich konnte. Ich hatte einen tollen Gärtner, der ist leider an Aids gestorben. Überhaupt, manchmal ist mir einsam zumute. Meine Frau ist krank. Meine besten Freunde sind alle tot.

Sie sind gerade 80 Jahre alt geworden und wirken superfit. Wie machen Sie das?

Ich fahre jeden Tag ins Fitnessstudio, zuerst Gewichte stemmen, dann ein paar Runden schwimmen. Außerdem spiele ich Rasenbowling im Verein, da habe ich schon mehrere Urkunden gewonnen.

Während wir hier reden, ziehen hunderte Fußballfans mit ihren Vuvuzelas über die Straßen. Wie finden Sie diesen Krach? Können Sie nachts noch schlafen?

Der Lärm gehört doch zum Fußball dazu. Als ich bei der Weltmeisterschaft 1990 in Italien war, hatten dort alle gasbetriebene Tröten. Schlafen kann ich gut: Ich nehme einfach mein Hörgerät raus.

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