Dettmar Cramer zum 85.

»Ein Esel ist kein Pferd«

In Teil 2 unseres Gesprächs mit Dettmar Cramer: Die Trainerlegende erklärt, warum Fritz Szepan das Sportabzeichen nicht schaffte, wo Pelé seine Schwächen hatte – und warum Otto Rehhagel keinen Wecker braucht. Dettmar Cramer zum 85.

Herr Cramer, ist das Spiel im Laufe der Jahrzehnte besser geworden?

Was heißt schon »besser«?

Schöner.

Die Menschen haben doch die verschiedensten Schönheitsideale. Wenn die Schalker in den 30er Jahren spielte, hatten die immer ausverkauftes Haus, 45.000 Zuschauer. Die wollten den Kreisel sehen. Der war schön, aber nicht effektiv. Die haben den Gegner nur k.o. gespielt.

Ist das Spiel denn effektiver geworden?


Ja, effektiver ist es geworden. Der FC Liverpool unter Bill Shankly hat berauschend effektiv gespielt, Tore mit fünf Pässen und weniger. Die Vollkommenheit ist dann erreicht, wenn ich nichts mehr weglassen kann.

Werden wir das perfekte Spiel erleben?

Das gibt es nicht. Es gibt auch den perfekten Spieler nicht. Nicht mal Pelé war perfekt. Er hatte Schwächen im Abwehrverhalten. Aber im Angriff war er nahezu perfekt. Wenn er den Ball stoppte, beschleunigte er sofort wieder. Das konnten nur wenige.

Ist das erlernbar?


Weitgehend, wenn das Talent da ist. Sie können jedoch keinen Esel zum Sprungpferd machen.

Würde Pelé im Fußball der Moderne noch bestehen?


In seiner damaligen Verfassung sicher nicht, aber nach modernen Methoden trainiert, allemal. Das fällt mir eine Geschichte ein. Fritz Szepan, der große Schalker, konnte kein Sportabzeichen machen. Er konnte die über 100 Meter geforderten 13,4 Sekunden nicht laufen! Und jetzt kommt der Widerspruch: Er machte das Spiel schnell! Mit einer Ballberührung. »One Touch« heißt das heute.

Ein Straßenfußballer.

Der viel besungene Straßenfußball hatte auch seine Schattenseiten. Wir haben zwar viel gespielt und waren stark in Zweikämpfen. Aber wir haben unsere Schwächen verschleiert, hatten kein linkes Bein und schon gar keinen Kopfball. Deshalb plädiere ich für ein umfassendes Training. Aber es muss spezifisch sein. Warum sollte ein Torwart wie Toni Schumacher, wenn er sowieso schon zwei kaputte Knie hat, Waldläufe machen? Er braucht Schnellkraft und Kraftausdauer!

Es wird oft der Vorwurf erhoben, dass der deutsche Fußball in den 80er und 90er Jahren geschlafen habe.

(wütend) Wer erhebt diesen Vorwurf? Sie sprechen das doch nur nach!

Jürgen Klinsmann mahnte das nach seinem Amtsantritt als Bundestrainer 2004 an – und reformierte die Strukturen. Würden Sie das unterstreichen?


Nein, auch das nicht. Richtig ist: Die Spanier haben bessere Leistungszentren als wir. Richtig ist auch: Klinsmann hat vieles bewegt. Aber wenn ich schon das Wort »Weckruf« höre! Wenn wollen Sie denn wecken? Wollen Sie Rehhagel wecken? Oder Hitzfeld? Wir hatten doch so viele gute Trainer! Das sind unbotmäßige Verallgemeinerungen. Die Leute kennen etwas nicht, dann sehen sie es im Ausland zum ersten Mal und sagen gleich: »Der DFB hat so was nicht!« Wir haben Anfang der 50er in Nordrhein-Westfalen den Fußball-Toto eingeführt, davon kriegten wir sechs Prozent wieder und haben Aufbauarbeit geleistet: die Zentren in Duisburg, Kaiserau und Hennef. Schon 1950 haben wir in jedem Kreis einen Übungsleiter installiert. Die haben dann Jugendmannschaften von Neun- bis Zwölfjährigen aufgestellt. Daraus ist eine Serie von Nationalspielern geworden: Netzer, Overath, Aki Schmidt.

Wurde diese Frühforderung aber nicht später vernachlässigt?

Heute hat die Bundesliga die besseren Leistungszentren. Der DFB arbeitet mit Honorartrainern, die einmal die Woche für zwei Stunden arbeiten. Da bringt nicht viel. Das wird guter Nachwuchs für die Bezirksklasse. Schon längst zieht die Bundesliga den Nachwuchs groß.

Dabei war die Einführung der Bundesliga lange vom DFB verhindert worden.

Das stimmt. Die Spieler sollten Amateure bleiben. Dadurch ist eine Verlogenheit entstanden. Der Kassierer von Schalke ist von der Brücke in den Kanal gesprungen. 1932/33 war das. Alle wollten Schalke sehen damals. Mein Gott, konnten die Fußball spielen!
 
Schön, aber langsam.

Stopp, schau, gib - das war das Prinzip damals. Die Schalker konnten das. Aber die haben die hatten nun mal nur zwei Trainingseinheiten am Tag, die mussten ja nebenbei arbeiten. Später, als ich Trainer in München war, haben wir allein zweimal am Tag trainiert. Rummenigge sogar dreimal! Er hatte keinen linken Fuß. Ich habe zu ihm gesagt: »Ich trete dir solange in den Arsch, bis du Nationalspieler bist!« Und sein erstes Tor für Deutschland hat er mit links gemacht, in Berlin gegen Italien.

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