Dettmar Cramer zum 85.

»Einfachheit gewinnt Spiele«

Er ist fast so alt wie der Fußball selbst und spricht über ihn, als wäre er sein Vater: Dettmar Cramer feiert heute seinen 85. Geburtstag. Ein Gespräch über Sepp Herberger, das WM-System und die unschlagbare Intuition Gerd Müllers. Dettmar Cramer zum 85.

Herr Cramer, glauben Sie an den Fußballgott?

Sie fragen nach Gott im Fußball? Der Name gehört da nicht hin. Das wäre Blasphemie. Ich kann nur mit Sepp Herberger antworten: »Der Ball ist rund.«

Sie spielen auf den Zufall an. Ist er der größte Gegner für jeden, der Fußball spielt?


Für jeden, der lebt! Leben ist immer lebensgefährlich. Der Fußball ist nur ein bescheidener Spiegel des Lebens, in dem sich in gedrängter Form Tag und Nacht und Gut und Böse unseres Lebens widerspiegeln.

Bitte erzählen Sie uns vom größten Kontrast zwischen Tag und Nacht, den Sie als Trainer erlebt haben.

Das erlebt man doch an jedem Spieltag. Ich nehme die Zufälle hin, wie sie nun einmal sind.

Kann man den Zufall denn nicht kontrollieren? Sein Glück erzwingen?


Nein, das kann man nicht. Das würde ja bedeuten, dass man das Leben kontrollieren könnte. Das Wort »Fußball« kann man vielleicht kontrollieren – orthographisch. Wissen Sie, ich bin sehr kritisch, was den Umgang mir Worten anbelangt. Nicht emotional, sondern aus Erfahrung. Ich habe hier gerade Schriften von Richard Girulatis vor mir, dem wohl ersten Fußballlehrer Deutschlands, der den Satz »Elf Freunde müsst ihr sein« geprägt hat. Aber ich muss ihm widersprechen: Elf Freunde gibt es nicht! Selbst zwei Brüder sind bis in die letzte Stelle verschieden. Wie kann ich da eine Mannschaft uniformieren? In den romanischen Sprachen hat »Freund« den gleichen Wortstamm wie »lieben«. Das macht es deutlich: Die Elf lieben sich ja nicht! Und das sollen sie auch nicht. Sie sind Mitspieler.

... die durch ein gemeinsames Ziel geeint werden.

Ja, geeint – und nicht gezwungen. Führen heißt Überzeugen, nicht nur mit Worten, sondern in der Haltung, in der Leistung und im Vorbild. Diese Worte sind leider aus der Fußballberichterstattung verschwunden. Bensemann konnte das noch! Und Rudi Michel!

Heute wird das unter dem Begriff »Psychologie« zusammengefasst.

(stöhnt) Das ist auch so was! Als ich aus dem Krieg wiederkam, sprachen plötzlich alle von Motivation und mentaler Kondition. Wir wussten nicht, was das war. Wir haben jedes Training mit Torschüssen angefangen – egal ob warmes oder kaltes Wetter, Regen oder Sonne. Und hatten nie eine Zerrung! Auch keinen mentalen Zusammenbruch. Dafür hatten wir gar keine Begrifflichkeiten.

Wann kamen die Begrifflichkeiten auf?

Mit der wissenschaftlichen Lehre. Prof. Wilde-Hollmann, Dr. Müller-Wohlfarth. Leider sind wir in Deutschland immer noch nicht dazu gekommen, diese Männer in Kommisionen zusammenzufassen, weil unter den Funktionären und auch unter den Wissenschaftlern selbst zuviel Eifersucht herrscht. 

Verhindern auch Ressentiments der Öffentlichkeit die Effizienz der Wissenschaft im Fußball?


Als ich Trainer in Leverkusen war, wollte ich gegen eine Zeitung vorgehen, weil sie effektiv falsche Behauptungen aufgestellt hat. Die Rechtsabteilung des Bayer-Werks übernahm den Fall, die Zeitung war in größter Not. Da rief der Chefredakteur mich an, ich möchte doch die Rechtsabteilung überzeugen, den Fall einzustellen, er werde auch in Zukunft freundlichere Artikel über Bayer schreiben. Ich sagte, dass ich es nicht dulden würde, dass Lügen über mich verbreitet würden. Da sagte er: »Aber, Sie müssen doch zugeben, Herr Cramer: Es hätte so sein können!« Stellen Sie sich das mal vor! Das sagt doch alles.

Als Jürgen Klinsmann vor der WM 2006 seine Spieler mit Gummibändern trainieren ließ, übergossen ihn die einschlägigen Gazetten mit Spott. Dabei hatte Erich Deuser das Gleiche schon vor 40 Jahren getan.

Ja, und wissen Sie auch, wie das entstanden ist?

Bitte erzählen Sie.

Vor dem WM-Finale 1966 hatte sich unser Torhüter Hans Tilkowski schwer an der Schulter verletzt. Ich saß die ganze Nacht neben ihm und habe ihm die Schulter mit Eispackungen gekühlt. Doch wir mussten auch die Beweglichkeit erhalten. Und so haben wir einen Fahrradschlauch an der Heizung festgemacht und über Kopf gearbeitet. Am Samstag im Endspiel war er wieder fit. So ist das Deuser-Band entstanden.

Welche Übungen haben sich als schädlich erwiesen?

Da fällt mir das Laufen in gebeugter Haltung ein. Auf Anraten der besten deutschen Kniespezialisten im Knappschaftskrankenhaus in Bochum haben wir das abgeschafft. Die Bergleute mussten unter Tage genauso gehen und haben über Kopf mit dem Presslufthammer Kohle gebrochen -– und hatte allesamt kaputte Menisken! Eine Abnutzung, dass es nur so bröselt. Die hatten also wöchentlich zwölf Bergleute auf dem OP-Tisch. 

Und welche Übungen haben die Zeiten überdauert?

Die meisten! Das Kopfballtraining zum Beispiel. Da brauche ich den ganzen Körper und nicht nur den Nackenmuskel. Gespannt wie ein Bogen. Was schön aussieht, ist auch richtig. Wenn ich technisch sauber spiele, bin ich auch gegen Verletzungen gefeit. Das war unsere Erfahrung. Später ist daraus Wissenschaft geworden. Die Amerikaner Walson und Logan haben 1964 das SAID-Prinzip daraus abgeleitet - »specific adaptation to supposed demands«. Das Spiel stellt Anforderungen, und die muss ich erfüllen. 

Gibt es eine Evolution im Fußball?

Die guten Spieler haben die Gene. Und es gibt Spieler, die ihre Gene haben verkommen lassen. Aber generell hat wohl eher das System eine Evolution durchlaufen. Das System muss sich den Spielern anpassen wie ein Maßanzug! Vicente Ferola, der Trainer der brasilianischen Weltmeistermannschaft 1958 hat das 4-2-4 gar nicht gekannt, obwohl er als dessen Vater galt. Bei der Pressekonferenz wusste er gar nicht, was die Journalisten meinen. Als sein Assistent ihn aufklärte, sagte er schließlich: »Ach! Das meint ihr! Wir zählen nicht in Brasilien. Aber wenn schon, dann haben wir 4-2,5-3,5 gespielt.« Genauso wenig hat der Arsenal-Trainer Herbert Chapman sein System »WM-System« genannt. Dr. Friedebert Becker sagte irgendwann: »Mensch, das sieht ja aus wie ein W im Angriff und ein M in der Abwehr!« Die Erfinder selbst haben sich mit Zahlen und Namen nie beschäftigt. 

Im Gegensatz zu Ferola und Chapman arbeiten viele Trainer heute mit großen Teams zusammen. Was halten Sie davon?

Der Tag hat nur 24 Stunden, ein größerer Stab bedeutet auch mehr Entlastung. Ich hatte zum Beispiel noch keinen Torwarttrainer, habe 500 Schüsse am Tag gemacht. Jetzt ist mein rechtes Knie total verschlissen. Voraussetzung ist, dass der Stab sich versteht. Ich spreche nicht von etwas Metaphysischem wie »Mannschaftsgeist« – es braucht einen Zusammenhalt wie den Zusammenhalt der Moleküle in der Physik.

Woran kann dieser Zusammenhalt bestehen?

Im gegenseitigen Respekt und im Verständnis. Es sind elf Individualisten, und die zum Zusammenhalt zu bewegen, in Abwehr, Angriff und vor allem im Moment, wenn der Ball den Besitzer wechselt – das ist spielentscheidend! Da muss alles blitzschnell gehen. Die Einfachheit gewinnt Spiele. Die Kompliziertheit verliert sie.

Die Spieler werden immer athletischer. Macht sie das effizienter?

Wissen Sie, woher die Acceleration kommt? Dass die Jungen immer mehr ins Kraut schießen?

Bitte erklären Sie es uns.

Weil Sie vielmehr Reizen ausgesetzt sind als wir früher: Licht, Luft, Wasser, Radio! All das wirkt sich im Längenwachstum aus. José Ortega y Gasset hat gesagt: »Anreiz ist das Wort, das am meisten nach Leben schmeckt.« Der Mensch braucht funktionelle Reize, um lebendig zu sein.

Konnten Sie Ihren Spielern die Zusammenhänge auch auf einer solch philosophischen Ebene erklären?

Es ist ganz verrückt: Die Intelligenz müssen Sie voraussetzen. Fußballspieler haben die Intelligenz, bis dahin nicht gekannte Aufgaben blitzschnell zu lösen. Sonst wären sie keine guten Fußballer. Gerd Müller wurde mal gefragt: »Was haben Sie gedacht, als Sie das Tor gemacht haben?« Da hat er gelacht: »Gedacht? Als er drin war, habe ich gedacht, dass es schön war!«

Fußball funktioniert also über Intuition.

Natürlich. Wer sie nicht hat, ist schon tot, ohne es zu wissen.

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