04.04.2010

Dettmar Cramer zum 85.

»Einfachheit gewinnt Spiele«

Er ist fast so alt wie der Fußball selbst und spricht über ihn, als wäre er sein Vater: Dettmar Cramer feiert heute seinen 85. Geburtstag. Ein Gespräch über Sepp Herberger, das WM-System und die unschlagbare Intuition Gerd Müllers.

Interview: Dirk Gieselmann Bild: imago

Herr Cramer, glauben Sie an den Fußballgott?

Sie fragen nach Gott im Fußball? Der Name gehört da nicht hin. Das wäre Blasphemie. Ich kann nur mit Sepp Herberger antworten: »Der Ball ist rund.«

Sie spielen auf den Zufall an. Ist er der größte Gegner für jeden, der Fußball spielt?


Für jeden, der lebt! Leben ist immer lebensgefährlich. Der Fußball ist nur ein bescheidener Spiegel des Lebens, in dem sich in gedrängter Form Tag und Nacht und Gut und Böse unseres Lebens widerspiegeln.

Bitte erzählen Sie uns vom größten Kontrast zwischen Tag und Nacht, den Sie als Trainer erlebt haben.

Das erlebt man doch an jedem Spieltag. Ich nehme die Zufälle hin, wie sie nun einmal sind.

Kann man den Zufall denn nicht kontrollieren? Sein Glück erzwingen?


Nein, das kann man nicht. Das würde ja bedeuten, dass man das Leben kontrollieren könnte. Das Wort »Fußball« kann man vielleicht kontrollieren – orthographisch. Wissen Sie, ich bin sehr kritisch, was den Umgang mir Worten anbelangt. Nicht emotional, sondern aus Erfahrung. Ich habe hier gerade Schriften von Richard Girulatis vor mir, dem wohl ersten Fußballlehrer Deutschlands, der den Satz »Elf Freunde müsst ihr sein« geprägt hat. Aber ich muss ihm widersprechen: Elf Freunde gibt es nicht! Selbst zwei Brüder sind bis in die letzte Stelle verschieden. Wie kann ich da eine Mannschaft uniformieren? In den romanischen Sprachen hat »Freund« den gleichen Wortstamm wie »lieben«. Das macht es deutlich: Die Elf lieben sich ja nicht! Und das sollen sie auch nicht. Sie sind Mitspieler.

... die durch ein gemeinsames Ziel geeint werden.

Ja, geeint – und nicht gezwungen. Führen heißt Überzeugen, nicht nur mit Worten, sondern in der Haltung, in der Leistung und im Vorbild. Diese Worte sind leider aus der Fußballberichterstattung verschwunden. Bensemann konnte das noch! Und Rudi Michel!

Heute wird das unter dem Begriff »Psychologie« zusammengefasst.

(stöhnt) Das ist auch so was! Als ich aus dem Krieg wiederkam, sprachen plötzlich alle von Motivation und mentaler Kondition. Wir wussten nicht, was das war. Wir haben jedes Training mit Torschüssen angefangen – egal ob warmes oder kaltes Wetter, Regen oder Sonne. Und hatten nie eine Zerrung! Auch keinen mentalen Zusammenbruch. Dafür hatten wir gar keine Begrifflichkeiten.

Wann kamen die Begrifflichkeiten auf?

Mit der wissenschaftlichen Lehre. Prof. Wilde-Hollmann, Dr. Müller-Wohlfarth. Leider sind wir in Deutschland immer noch nicht dazu gekommen, diese Männer in Kommisionen zusammenzufassen, weil unter den Funktionären und auch unter den Wissenschaftlern selbst zuviel Eifersucht herrscht. 

Verhindern auch Ressentiments der Öffentlichkeit die Effizienz der Wissenschaft im Fußball?


Als ich Trainer in Leverkusen war, wollte ich gegen eine Zeitung vorgehen, weil sie effektiv falsche Behauptungen aufgestellt hat. Die Rechtsabteilung des Bayer-Werks übernahm den Fall, die Zeitung war in größter Not. Da rief der Chefredakteur mich an, ich möchte doch die Rechtsabteilung überzeugen, den Fall einzustellen, er werde auch in Zukunft freundlichere Artikel über Bayer schreiben. Ich sagte, dass ich es nicht dulden würde, dass Lügen über mich verbreitet würden. Da sagte er: »Aber, Sie müssen doch zugeben, Herr Cramer: Es hätte so sein können!« Stellen Sie sich das mal vor! Das sagt doch alles.

Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden