Dettmar Cramer über Start und Systeme

»Warum so ungeduldig?«

Dettmar Cramer tingelte sein Leben lang durch die Welt, um Fußball zu predigen. Wenn einer weiß, warum die WM so lausig ist, dann doch er. Wir sprachen mit ihm über Berufskrankheiten und die Stimme von Pelé. Dettmar Cramer über Start und Systeme

Dettmar Cramer, wir sind enttäuscht. Warum ist die WM bislang nur so furchtbar langweilig?

Das muss ihre Berufskrankheit als Journalist sein: Keine Geduld zu haben. Ich warne Sie hiermit ausdrücklich sich nach der ersten Runde ein Urteil über die Weltmeisterschaft zu bilden.

Aber Sie müssen doch zugeben, dass diese ersten Spiele alles andere als berauschend waren?

Sie sagen es: Die ersten Spiele. Die Mannschaften haben doch alle gar nicht genügend Zeit gehabt, sich anständig auf dieses Turnier vorzubereiten. Vor mir liegen die Aufzeichnungen von Mario Zagallo, dem Weltmeister-Trainer Brasiliens 1970. Die haben sich auf dem Weg zum Titel insgesamt fast 20 Wochen lang gemeinsam vorbereiten können. 20 Wochen. Das ist heute völlig utopisch.

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Trotzdem: Wie kann es beispielsweise sein, dass der amtierende Weltmeister Italien gegen Paraguay so ein schauriges Spiel abliefert?

Das ist doch nichts Neues. 1982 in Spanien haben die Italiener in der Vorrunde in drei Spielen ein Tor geschossen. Zwei Unentschieden, ein Sieg. Und das war Fußball...ich will es mal vorsichtig formulieren: Ich habe die Spiele nur mit geschlossenen Augen ertragen können. Was ist passiert? Die Mannschaft hat Argentinien und Brasilien geschlagen und ist Weltmeister geworden. (lacht) Nach dieser Vorrunde! Ich habe noch ein anderes Beispiel.

Bitte.

England, 1966. Vor den Augen der Queen im Wembleystadion haben die Engländer im ersten Spiel gegen Uruguay so furchtbar gespielt, das ganze Stadion hat die Mannschaft ausgepfiffen. Nach dem 0:0 sind die Jungs vor lauter Scham in die Kabinen gerannt und mussten quasi auf den Platz zurück gezerrt werden, um sich vor der Queen zu verbeugen. Am Ende haben sie uns im Finale geschlagen. Sie sehen, ein Turnierverlauf ist nicht von den ersten Spielen abhängig!

Und trotzdem fällt auf, wie vorsichtig die Mannschaften in Südafrika spielen. Woran kann das liegen.

Wissen Sie, es gibt im Fußball nur drei wichtige Situationen. Wenn die eigene Mannschaft in Ballbesitz ist, wenn der Gegner den Ball hat. Und der kurze Moment, wenn der Ball den Besitzer wechselt. Das ist die alles entscheidende Szene! Es gab mal diesen Werbespruch von Coca Cola: »Mach mal Pause.« Viele Mannschaften in Südafrika machen momentan noch genau diesen Fehler, wenn sie den Ball bekommen. Verstehen Sie, was ich meine?

Hoffentlich. Kann es nicht auch an den unterschiedlichen Auslegungen der Systeme liegen, dass...

(schreit auf) Ha! Habe ich Sie erwischt. Systeme! Das Wort ist eine Erfindung der Journalisten. Vincente Feola, der Weltmeister-Trainer von 1958 und Erfinder des 4-2-4, wurde während einer Pressekonferenz in Stockholm gefragt: »Sagen sie doch bitte was zu ihrem 4-2-4-System.« Feola antwortete: »Ich weiß beim besten Willen nicht, was sie meinen.« Dann hat sich plötzlich sein rundes Mondgesicht verzogen: »Ach! Sie meinen, ich habe vier Abwehrspieler, zwei Mittelfeldspieler und vier Stürmer! 4-2-4. Wie schön: Jeder, der bis zehn zählen kann, hat den Fußball verstanden.« Die Kunst ist nicht, von einem System zu sprechen. Die Kunst ist, Mannschaften so spielen zu lassen, dass es nach einem System aussieht.

Dann wird es Ihnen auch sicherlich nicht gefallen, dass die Brasilianer nach dem knappen 2:1-Sieg gegen Nordkorea die Kälte als Ausrede genutzt haben...

Doch, doch, das verstehe ich vollkommen.

Warum denn das jetzt?

1974 in Deutschland war ich zu Gast im brasilianischen WM-Quartier. Es hat geregnet, wie aus Eimern. Am Tag vor dem Spiel gegen Argentinien kam plötzlich die Sonne raus. Die Brasilianer sind aus ihren Betten gekrochen und haben angefangen zu tanzen und zu singen. Vor Freude über das schöne Wetter. Pelé kann ja ganz wunderbar Gitarre spielen und singen. Und gestern? Eiseskälte, dicke Handschuhe und lange Trikots – da fehlt den Spielern die Lust am Fußball. Und ohne Lust geht nun einmal überhaupt nichts.

Dettmar Cramer, letzte Frage: Wie weit kommt denn nun die deutsche Mannschaft?

Wenn ich das genau sagen könnte, würde ich jetzt auflegen und viel Geld verdienen gehen. Aber um Sie zu beruhigen: Diese deutsche Mannschaft ist tatsächlich in der Lage ins Endspiel zu kommen und Weltmeister zu werden.

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