Der Vorsitzende des DFB-Sportgerichts über Geisterspiel und Strafmaße

»Ich werde getreten und schlage zurück«

Platzstürme, Pyrotechnik, Tätlichkeiten: Das DFB-Sportgericht hat es nicht einfach, die Sünden der Bundesliga angemessen zu sanktionieren. Wir sprachen mit dem Vorsitzenden, Hans E. Lorenz, über Geisterspiele, Gleichberechtigung und Mario Götze. Der Vorsitzende des DFB-Sportgerichts über Geisterspiel und StrafmaßeImago

Herr Lorenz, am Millerntor auf St. Pauli flog am vergangenen Freitag beim Spiel gegen Aue erneut ein Becher aufs Spielfeld. Der Verein muss 8.000 Euro Strafe zahlen. Sind das nicht Peanuts für einen »Wiederholungstäter«?

Hans E. Lorenz: Wiederholungstäter werden grundsätzlich härter sanktioniert. Die beiden Fälle lassen sich aber nicht vergleichen: Bei dem ersten Wurf war der Becher noch halb mit Bier gefüllt und hat direkt den Assistenten getroffen. Folglich wurde das Spiel abgebrochen. Die Aktion hatte somit maßgeblichen Einfluss auf den Wettbewerb. Letzte Woche war das Spiel bereits zu Ende, als ein leerer Becher in Richtung des Schiedsrichters flog, den dieser mit der Hand abwehren konnte.  

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Wäre die Strafe bei einem Verein, der nicht schon mal durch einen Becherwurf auffiel, geringer ausgefallen?

Hans E. Lorenz: Es gibt kaum Vereine, die noch nicht durch negatives Zuschauerverhalten vorbelastet sind. Von daher wären andere Vereine mit Sicherheit ähnlich bestraft worden.  

Das erste Geisterspiel im deutschen Profifußball fand 2004 in Aachen statt, nachdem der damalige Nürnberg-Trainer Wolfgang Wolf von einem Wurfgeschoss am Kopf getroffen wurde. Der Fall weist große Ähnlichkeit mit der Becheraffäre auf St. Pauli auf. Warum musste Aachen vor leeren Rängen spielen, während St. Pauli »nur« für ein Spiel nach Lübeck umziehen musste?

Hans E. Lorenz: Auch diese beiden Beispiele weisen gravierende Unterschiede auf. Wolfgang Wolf war damals Trainer und musste während des Spiels ärztlich behandelt werden. Dem 1.FC Nürnberg stand kein Trainer mehr zur Verfügung. Trotzdem wurde weiter gespielt. Dadurch entstand ein Wettbewerbsnachteil für Nürnberg. Das Sportgericht hat sich dann entschieden, das Spiel zu annullieren. Bei St. Pauli wurde dagegen eine neutrale Person getroffen, weshalb keine Mannschaft direkt benachteiligt wurde.  

Als Robin Dutt 2006 noch Trainer der Stuttgarter Kickers war, traf ebenfalls ein Wurfgeschoss den Assistenten. Den Kickers wurde ein Geisterspiel aufgebrummt und höhere Fangzäune wurden installiert. Dutt hat dem Sportgericht deshalb nach dem St. Pauli-Urteil reine Willkür vorgeworfen. Spielt die Ligazugehörigkeit bei den Sanktionen eine Rolle?

Hans E. Lorenz: Die Fälle waren in der Tat sehr ähnlich. Insofern kann ich die Reaktion von Robin Dutt nachvollziehen. Wir müssen aber auch die materielle Komponente in Betracht ziehen. Die Stuttgarter Kickers hatten damals im Schnitt etwa 2 000 Zuschauer. Durch ein Geisterspiel entsteht dann ein Schaden von  25.000 bis 30.000 Euro. Bei einem Bundesligisten beläuft sich der Schaden dagegen gleich auf bis zu 1,5 Millionen Euro. Hinzu kam, dass wir so wenig wie möglich in den Wettbewerb eingreifen wollten. Bei St. Pauli ging es letztes Jahr akut um den Abstieg. Am Ende hätte es dann geheißen: »Ohne das Geisterspiel wären sie bestimmt nicht abgestiegen.«   

Statt eines Geisterspiels bekam Fenerbahce Istanbul in der Türkei gerade die Auflage, nur Frauen und Kinder ins Stadion zu lassen. Eine Maßnahme, die gut ankam. Ist so ein Modell auch in Deutschland denkbar?

Hans E. Lorenz: Das ist bei uns zwar nicht vorgesehen, aber das Urteil hat einen gewissen Charme. Man könnte zumindest mal darüber nachdenken. Aber das würde womöglich »die Gleichstellungsbeauftragten der Männer« auf den Plan rufen.

Frankfurt-Fans haben in Dresden im Block ein großes Banner mit der Aufschrift: »Bomben auf Dynamo« gezeigt. Wie gehen Sie mit solchen Aktionen um?

Hans E. Lorenz: Bei Diskriminierungen und ähnlichen Tatbeständen, wie in diesem Fall, liegt das Strafmaß zwischen 18.000 und 150.000 Euro. Bei besonders schwerwiegenden Vergehen können noch zusätzliche Strafen folgen. Hier wird gerade ermittelt. Ich bitte zu entschuldigen, dass ich mich zu laufenden Verfahren nicht äußern kann. 

Also gibt es keinen festgelegten Strafkatalog, zum Beispiel 10 000 Euro Strafe für das Abbrennen eines bengalischen Feuers?

Hans E. Lorenz: Festgelegte Strafen funktionieren nicht, weil sich auch hier wieder die Fälle im Einzelnen unterscheiden. Wird ein Bengalo zehn Minuten vor Anpfiff abgebrannt oder hat die Rauchentwicklung direkte Auswirkungen auf das Spiel? Wurden Menschen verletzt? Deshalb gibt es Strafrahmen mit einer Summe X bis hin zu einer Summe Y. Über die exakte Höhe wird von Fall zu Fall entschieden.  

Wie muss man sich ein Verfahren beim DFB-Sportgericht vorstellen?

Hans E. Lorenz: Man muss sich das wie eine normale Gerichtsverhandlung vorstellen. Der Kontrollausschuss des DFB, vergleichbar mit der Staatsanwaltschaft, stellt einen Strafantrag. Ist der Verein damit nicht einverstanden, gibt es zunächst ein Einzelrichter-Urteil. Wird dagegen Einspruch eingelegt, folgt eine Verhandlung. Die Beweislage ist aufgrund der Vielzahl an Fernsehbildern meistens geklärt, was die Arbeit erleichtert und beschleunigt. Bei der Strafbemessung kann ich Argumente für und gegen die Vereine gegenüberstellen. Zum Beispiel: Sind die Fans schon mehrfach aufgefallen oder bemüht man sich im Verein intensiv um eine positive Fanbetreuung? Haben sich zwei oder 200 Anhänger daneben benommen? Nach dieser Abwägung schaut man sich den Strafrahmen an und entscheidet dann über die Höhe der Sanktion.

Welche Personen sind bei eine Sportgerichts-Verhandlung zugegen?

Hans E. Lorenz: Das Gericht besteht aus zwei Beisitzern und mir. Dazu kommen der Vertreter des Kontrollausschusses und die des betroffenen Vereins. Außerdem sind Zeugen und gegebenenfalls Sachverständige zugegen. Geht es um einen Spieler, ist dieser in Begleitung seines Anwalts anwesend. 

Das Strafmaß bei roten Karten ist meist schon montags nach dem Spieltag bekannt. Wie darf man sich Ihr Wochenende vorstellen?

Hans E. Lorenz: Samstags und sonntags schaue ich in der Tat sehr viel Fernsehen, suche mir die entsprechenden Szenen raus, betrachte sie aus verschiedenen Perspektiven und mache mir dazu Notizen. Sonntags telefoniere ich mit Herrn Dr. Nachreiner vom Kontrollausschuss und wir diskutieren die Szenen vorab. Oft rufen auch Vereinsvertreter bei mir an und wollen wissen, welches Strafmaß zu erwarten ist. Im Laufe des Montagmorgens haben viele Vereine dem Urteil bereits zugestimmt. Bei Platzverweisen kommt es nur selten zu einer Verhandlung.  

Viele Experten fordern, einen Spieler nicht zu sperren, wenn er eine offensichtlich unberechtigte rote Karte bekommt.

Hans E. Lorenz: Grundsätzlich gilt: Die Richter des Fußballs sind die Schiedsrichter, nicht die Sportrichter. Wir sind kein Reparaturbetrieb für diskussionswürdige Schiedsrichterentscheidungen. Die Mindeststrafe bei einer roten Karte beträgt nach FIFA-Vorgabe ein Spiel. Es gibt aber absolute Ausnahmen: Wenn beispielsweise der falsche Spieler vom Platz gestellt wird oder ein ähnlich offensichtlicher Fehler vorliegt. Letztes Jahr hatten wir einen Fall bei Rot-Weiß Oberhausen. Der Spieler Marcel Landers bekam nach einer ganz klaren Schwalbe seines Gegners die rote Karte. Hier haben wir auf eine Sperre verzichtet. 

Mario Götze hat neulich eine umstrittene Rote Karte bekommen. Zwei Spiele Sperre sind für eine Tätlichkeit recht gering. Waren Sie selbst unsicher, ob der Platzverweis berechtigt war?

Hans E. Lorenz: Der normale Strafrahmen bei einer Tätlichkeit beträgt sechs Spiele bis zu sechs Monaten. Tätlichkeiten sind in der Regel aber eine Reaktion auf eine Regelwidrigkeit des Gegners. Sprich: Ich werde getreten und schlage zurück. Deshalb liegt die Strafe im Normalfall sogar unter dem Rahmen. Was Mario Götze betrifft: Jürgen Klopp stellt sich natürlich immer schützend vor seine Spieler, ist doch klar. Aber wir haben alle irgendwann mal Fußball gespielt und können solche Bewegungen gut interpretieren. Also haben wir das als versuchte Tätlichkeit eingestuft und ihn mit der geringen Sperre von zwei Spielen bestraft.  

Was war die schwierigste Entscheidung, die sie im Sportgericht je treffen mussten?

Hans E. Lorenz:  Bisher gab es zum Glück keine extremen Fälle. Wenn ich mir ein Worst-Case-Szenario ausmalen müsste, könnte es in etwa so aussehen: Ein Spieler war nachweislich gedopt und seine Mannschaft hat in diesem Spiel das entscheidende Abstiegsspiel gewonnen. Dem Verein müssen dann Punkte abgezogen werden, womit das Sportgericht mit einer Entscheidung den Abstieg besiegeln würde. Ich hoffe, uns bleibt ein Fall wie dieser erspart.

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