Der Verlieren geht nicht leer aus: Tahiti ändert seine Punktregel

»Keine Revolution, sondern fair!«

Charles Ariiotima und seine Mitstreiter mögen es nicht, wenn die Menschen traurig sind. Deshalb bekommt in Tahiti  auch der Verlierer eines Spiels einen Punkt. Die daraus gewonnene neue Begeisterung trug den Südseestaat bis zum Confederations Cup.

Charles Ariiotima, Sie sind in Tahiti der Chef der Fußballliga. Fühlen Sie sich wie ein echter Revoluzzer?
Wie kommen Sie denn darauf?

Ihr Verband hat das Punktesystem in der heimischen Liga umgekrempelt. Bei Ihnen bekommt nun auch der Verlierer einen Zähler.
Das ist doch keine Revolution, das ist fair! Bei uns soll Fußball Spaß machen. Niemand soll nach dem Abpfiff mit leeren Händen nach Hause gehen. Warum dieses Thema gerade jetzt so populär wird, ist uns auch ein Rätsel.

Wie meinen Sie das?
Wir spielen bereits seit 2006 mit diesem Punktesystem. Doch plötzlich muss der Fußballverband Tahitis Interviews für Medien auf der ganzen Welt geben. Das ist doch verrückt.

Was ist die Idee hinter Ihrem System?
Alle Menschen wollen offensiven, unterhaltsamen Fußball sehen, auch wir auf Tahiti. Aber hier haben die Mannschaften in der Vergangenheit oft in den Schlussminuten das Offensivspiel eingestellt, um ein Unentschieden zu verwalten. Sie hatten Angst zu verlieren. Also haben wir versucht, neue Anreize zu setzen.

Sie wollten das Schamgefühl der unterlegenen Mannschaft reduzieren?
Das Besondere an unserer Idee ist nicht, dass der Verlierer einen Punkt bekommt, sondern dass dem Gewinner des Spiels ganze vier Punkte gutgeschrieben werden. Für ein Unentschieden gibt es für beide Mannschaften übrigens zwei Zähler.

Welche Auswirkungen haben diese Änderungen auf Tahitis Fußball?
Zuerst einmal haben die Mannschaften mehr Punkte. Aber im Ernst: Die Spieler trauen sich einfach mehr zu. Sie sind selbstbewusster, es fallen mehr Tore. Und wenn der Sieger extra belohnt wird, dann darf doch auch der Unterlegene nicht ohne Punkt vom Feld gehen. Das ist unsere Auffassung von Fairness und gegenseitigem Respekt. Das Ergebnis dieser Entwicklung konnte man beim Confederations Cup in Brasilien sehen.

Mit Verlaub, Ihre Mannschaft kam bei diesem Turnier ziemlich unter die Räder.
Die Tatsache, dass sich Tahiti überhaupt qualifizieren konnte, war für unser Land wie für euch Deutsche der Gewinn von drei Weltmeistertiteln in Folge. Als Jonathan Tehau unser Tor gegen Nigeria geschossen hat, stand das ganze Land Kopf. So ein Ereignis hat es hier noch nie gegeben. Ich glaube fest daran, dass wir diesen Erfolg auch feiern konnten, weil wir unser Punktesystem reformiert haben.

Haben Confed-Cup und Punktereform einen Fußballhype auf Ihrer Insel ausgelöst?
Die Leute spielen heute mit Begeisterung Fußball, und wir konnten viele neue Talente gewinnen. Das Spiel ist unterhaltsamer geworden. Und niemand muss mehr Angst vor einer Enttäuschung haben.

Wer hatte die Idee zur Regeländerung?
Unser Nationalsport ist Vaa, ein Kanu­rennen. Außerdem gehen viele junge Menschen surfen oder spielen Rugby. Wir mussten etwas tun, um den Fußball für die breite Masse attraktiver zu gestalten. Also haben wir in Zusammenarbeit mit Trainern, Spielern und dem Verband Ideen entwickelt und am Ende einen entsprechenden Antrag zur Anpassung des Punktesystems bei der FIFA eingereicht.

Der Weltverband gilt nicht gerade als reformfreudig. Hat Sepp Blatter den Antrag einfach so durchgewunken?
Wir mussten uns natürlich ausführlich erklären, aber wir waren offenbar sehr überzeugend. Außerdem haben wir vom Weltverband Unterstützung für die Ausbildung unserer Talente zugesagt bekommen. Zeitgleich haben wir auch unser Ligasystem überarbeitet und spielen nun die Saison in zwei Teilen.

Wie sieht das konkret aus?
Erst spielen alle Mannschaften gegeneinander, dann gibt es Playoffs um den Abstieg und die Meisterschaft. Also werden nach dem Ablauf der Hinrunde die Karten neu gemischt. Sollte eine Mannschaft eine Saison dominieren, kann sie sich nicht zum Ende hin ausruhen. Die Zuschauer erleben spannenden Fußball bis zum Schluss.

Glauben Sie, dass Ihr Punktesystem auf die restliche Fußballwelt übertragbar ist? Warum denn nicht?
Wir können es jedenfalls nur weiterempfehlen. Und mal ehrlich, so viel ändert sich doch gar nicht zum gängigen Punktesystem. Der einzige Unterschied ist, dass am Ende keiner ohne Punkt vom Platz geht, der Rest ist Psychologie. Aber wir wissen, dass Fußball in Europa eine sehr ernste Sache ist.

Wie kommen Sie darauf?
Wir haben beim Confed-Cup gesehen, was für ein Wirbel um unseren Gruppengegner aus Spanien gemacht wurde. Die Spieler wurden abgeschirmt wie Staatsoberhäupter. Das ist mit unseren Verhältnissen sicher nicht zu vergleichen. Wir sind Amateure. Fußball bedeutet für uns nun mal in allererster Linie Freude. Das darf man nie vergessen.

Manchmal macht es aber auch Spaß, den Gegner mit null Punkten nach Hause zu schicken.
Das mag eine in Europa verbreitete Meinung sein. Wir wollen hier Fußball für alle Menschen. Und der ist offensiv und behandelt alle gleich. Aber ich kann sie beruhigen, auch bei uns kann eine Mannschaft null Punkte bekommen.

Was muss man dafür anstellen?
In diesem Fall müsste man nicht zum Spiel antreten. Aber wo ist da der Sinn?

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!