01.01.2014

Der Verlieren geht nicht leer aus: Tahiti ändert seine Punktregel

»Keine Revolution, sondern fair!«

Charles Ariiotima und seine Mitstreiter mögen es nicht, wenn die Menschen traurig sind. Deshalb bekommt in Tahiti  auch der Verlierer eines Spiels einen Punkt. Die daraus gewonnene neue Begeisterung trug den Südseestaat bis zum Confederations Cup.

Interview: Benjamin Kuhlhoff Bild: Imago

Charles Ariiotima, Sie sind in Tahiti der Chef der Fußballliga. Fühlen Sie sich wie ein echter Revoluzzer?
Wie kommen Sie denn darauf?

Ihr Verband hat das Punktesystem in der heimischen Liga umgekrempelt. Bei Ihnen bekommt nun auch der Verlierer einen Zähler.
Das ist doch keine Revolution, das ist fair! Bei uns soll Fußball Spaß machen. Niemand soll nach dem Abpfiff mit leeren Händen nach Hause gehen. Warum dieses Thema gerade jetzt so populär wird, ist uns auch ein Rätsel.

Wie meinen Sie das?
Wir spielen bereits seit 2006 mit diesem Punktesystem. Doch plötzlich muss der Fußballverband Tahitis Interviews für Medien auf der ganzen Welt geben. Das ist doch verrückt.

Was ist die Idee hinter Ihrem System?
Alle Menschen wollen offensiven, unterhaltsamen Fußball sehen, auch wir auf Tahiti. Aber hier haben die Mannschaften in der Vergangenheit oft in den Schlussminuten das Offensivspiel eingestellt, um ein Unentschieden zu verwalten. Sie hatten Angst zu verlieren. Also haben wir versucht, neue Anreize zu setzen.

Sie wollten das Schamgefühl der unterlegenen Mannschaft reduzieren?
Das Besondere an unserer Idee ist nicht, dass der Verlierer einen Punkt bekommt, sondern dass dem Gewinner des Spiels ganze vier Punkte gutgeschrieben werden. Für ein Unentschieden gibt es für beide Mannschaften übrigens zwei Zähler.

Welche Auswirkungen haben diese Änderungen auf Tahitis Fußball?
Zuerst einmal haben die Mannschaften mehr Punkte. Aber im Ernst: Die Spieler trauen sich einfach mehr zu. Sie sind selbstbewusster, es fallen mehr Tore. Und wenn der Sieger extra belohnt wird, dann darf doch auch der Unterlegene nicht ohne Punkt vom Feld gehen. Das ist unsere Auffassung von Fairness und gegenseitigem Respekt. Das Ergebnis dieser Entwicklung konnte man beim Confederations Cup in Brasilien sehen.

Mit Verlaub, Ihre Mannschaft kam bei diesem Turnier ziemlich unter die Räder.
Die Tatsache, dass sich Tahiti überhaupt qualifizieren konnte, war für unser Land wie für euch Deutsche der Gewinn von drei Weltmeistertiteln in Folge. Als Jonathan Tehau unser Tor gegen Nigeria geschossen hat, stand das ganze Land Kopf. So ein Ereignis hat es hier noch nie gegeben. Ich glaube fest daran, dass wir diesen Erfolg auch feiern konnten, weil wir unser Punktesystem reformiert haben.

Haben Confed-Cup und Punktereform einen Fußballhype auf Ihrer Insel ausgelöst?
Die Leute spielen heute mit Begeisterung Fußball, und wir konnten viele neue Talente gewinnen. Das Spiel ist unterhaltsamer geworden. Und niemand muss mehr Angst vor einer Enttäuschung haben.

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