Der Vater eines Nationalspielers erzählt

»Mein Sohn war nie allein«

Zum Vatertag lassen wir Vaddern erzählen. Vor der WM 2010 sprachen wir mit den alten Herrn der Nationalspieler. Hier berichtet ein Vater vom Disput mit dem Sohn, von früheren Idolen und schlaflosen Nächten. Wer ist es wohl? Der Vater eines Nationalspielers erzählt
Heft#103 06/2010
Heft: #
103

Ihr Sohn ist am 6. Mai 2010 für den deutschen WM-Kader nominiert worden. Wo haben Sie die Entscheidung seinerzeit verfolgt?

Bei uns zu Hause. Wir saßen mit der Familie vor dem Fernseher, meine Frau, seine jüngere Schwester, ich, und mein Sohn natürlich.

Er kam zu Besuch?

Nun, er wohnt ja quasi bei uns.

Er wohnt noch zu Hause?

Wir haben zwei Doppelhaushälften, direkt nebeneinander. Früher wohnten wir in einer Wohnung ganz in der Nähe, die war durchaus okay, doch sie lag an einer großen Straße, direkt über einer Kneipe. Nachts klingelten häufig betrunkene Menschen an der Tür. Nun ist es viel ruhiger, gut für meine Frau und mich, besser noch für meinen Sohn.

Ihr Sohn spielt seit seiner Jugend in derselben Region. Können Sie sich vorstellen, dass er eines Tages ins Ausland geht?

Schwer. Mein Sohn ist ja noch nie alleine gewesen. Wir waren immer zusammen, und wir sind so glücklich. Wenn er geht, tja, was machen wir dann? Vielleicht geht seine Mutter dann mit, oder wir besuchen ihn jede Woche.

Sind Sie ein strenger Vater?

Ich glaube, ja. Ich schaue mir jedes Spiel  an, bin bei Heimspielen immer im Stadion, Auswärtsspiele sehe ich im Fernsehen. Ich gehe sogar häufig zum Training. Was den Fußball betrifft, bin ich jedenfalls keiner, der ihm ständig auf die Schulter klopft.

Sie sind ein Kiebitz?

Ich würde mich eher als seinen größten Kritiker bezeichnen. Das liegt aber auch daran, dass mir die Spiele so nah gehen. Schon wenn der Ball die Richtung von meinem Sohn einschlägt, zieht sich bei mir alles zusammen, ich bin dann sehr angespannt, und hoffe, dass er keinen Fehler macht. Ich bin vermutlich aufgeregter als mein Sohn selbst.

Nimmt Ihr Sohn Ihre Kritik an?

Durchaus. Früher gab es häufig Situationen, da habe ich mich darüber aufgeregt, dass er auf meine Vorschläge nicht hörte. Da sagte er stets: »Papa, der Trainer hat aber gesagt, ich soll es so oder so machen.« Einmal sagte er sogar: »Mensch, der Trainer hat zu mir gesagt, ich war gut, ich war sehr gut. Für dich bin ich immer schlecht.«

Aber Sie finden schon, dass er sich verbessert hat?

Ja. Er ist ein guter Spieler.


Schauen Sie gemeinsam die Sportschau?

Klar, wir schauen viel Fußball gemeinsam, auch ausländische Ligen.

Wem schaut Ihr Sohn am liebsten zu?

Sein Vorbild war immer Fabio Cannavaro, früher fand er auch Guido Buchwald toll. Da lag übrigens auch unser Streitpunkt: Ich erklärte ihm bestimmte Situationen und belegte diese am Spiel seiner Idole. Er antwortete dann: »Papa, ich muss meinen eigenen Stil finden. Ich will ein moderner Innenverteidiger werden. Ich kann auch mal nach vorne gehen, ich will das Spiel auch mal aufbauen.«

Sie haben seine Meinung akzeptiert?

Klar, wobei ich gestehen musste, dass ich keine Ahnung habe, was ein moderner Innenverteidiger ist. Doch wenn der Trainer diese offensiven Aktionen toleriert, will ich ihm da nicht reinreden. Außerdem gefällt es mir, wenn mein Sohn auch mal Tore schießt.

Wie verhält sich Ihr Sohn nach Niederlagen?

Er zieht sich sehr zurück, spricht wenig, ruft niemanden an. Wenn er dann nach Hause kommt, diskutieren wir auch nicht mehr über das Spiel, wir schauen noch nicht einmal mehr die anderen Spiele an. Wir essen, reden über etwas anderes. Am nächsten Tag fangen wir mit der Kritik an.

Wie hat Ihre Frau eigentlich reagiert, als Ihr Sohn sagte, er wolle Fußballprofi werden?


Sie war nicht begeistert. Dabei ist sie eigentlich auch Fußballfan, sie ist fast noch fanatischer als ich. Doch sie wollte gerne, dass unser Sohn studiert, sie hatte Sorge, dass diese Fußballsache nicht klappt. Da ist ja auch viel Glück dabei.

Sie waren sofort Feuer und Flamme?

Als mein Sohn fünf Jahre alt war, entdeckte er den Fußball für sich. Eines Tages kam er angelaufen und sagte, dass er nun richtig spielen wolle, mit anderen Kindern. Ich habe mich wahnsinnig gefreut, und wir haben noch am gleichen Tag Fußballschuhe gekauft. Am nächsten Tag sind wir zum Sportplatz des örtlichen Klubs gegangen, und ich habe ihn angemeldet.

Ihr Sohn wechselte bald zu den beiden großen Vereinen der Region. Seine Karriere schien vorgezeichnet.

Wir waren  natürlich glücklich über die Angebote der großen Klubs. Auf einmal lief mein Sohn in der Jugendmannschaft des Vereins auf, den er früher mit Schal um den Hals in der Fankurve angefeuert hatte. Zugleich blieb bei mir aber eine gewisse Skepsis. Es gibt ja so unendlich viele Spieler, die es versuchen und dann scheitern. Doch mein Sohn hat an seinen Traum geglaubt. Ich erinnere mich, wie er einmal sagte: »Papa, wenn im ganzen 87er-Jahrgang fünf oder zehn Spieler Profi werden, bin ich einer davon.« Da habe ich geantwortet, okay, wenn das deine Meinung ist, dann ist das auch meine Meinung.

Der türkische Verband buhlte sehr stark um Ihren Sohn. Hätten Sie ihn gerne mit dem Halbmond auf der Brust gesehen?

Es war tatsächlich mein großer Traum. Und ich hatte deswegen viele schlaflose Nächte. Doch heute spielt Serdar für Deutschland, und ich bin stolz.

Danke für das Gespräch, Nihat Tasci.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!