Der Schmied des DFB-Pokals über Assauers Panne 2002

»Die Reparatur dauerte 700 Stunden!«

Sommer 2002: Weil Schalke 04 gegen Bayer Leverkusen den DFB-Pokal gewinnt, ist Manager Rudi Assauer außer Rand und Band – und lässt den teuren Pokal einfach fallen. Wilhelm Nagel, DFB-Pokalschmied, erinnert sich. Der Schmied des DFB-Pokals über Assauers Panne 2002

Wilhelm Nagel, im Überschwang der Gefühle, ließ Schalkes Manager Rudi Assauer 2002 den DFB-Pokal aus den Händen fallen. Sie sollen darüber sehr verägert gewesen sein. Haben Sie denn kein Verständnis für solche Pannen?

Wilhelm Nagel: Man darf sich doch freuen, aber das muss eben intelligent passieren. Es geht auch um Haltung, um Respekt vor der künstlerischen Arbeit. Die Fußballer wissen gar nicht, was sie in der Hand halten. Für die ist das nur ein Gegenstand, der dann weitergereicht wird.

[ad]

Wie und wo haben Sie von dem Assauerschen Pokalunglück erfahren?

Wilhelm Nagel: Ich saß mit meiner Frau vor dem Fernseher und sah, wie die Schalker Mannschaft den Sieg feierte. Ich ahnte Böses. »Guck mal, das geht bestimmt gleich schief«, waren meine Worte. Die Prognose sollte sich leider bewahrheiten.

Sie sollen später mit Assauer im Clinch gelegen haben, auch weil der angeblich polterte: »Wenn wir den Pott noch mal gewinnen, haben wir die Möglichkeit, ihn wieder kaputt zu hauen.«

Wilhelm Nagel: Eine sehr komische Theorie, auch wenn mir von diesem Spruch nichts bekannt ist. Fakt ist, dass ich Rudi Assauer bis zum Pokal-Vorfall gar nicht kannte. Später wurde die Geschichte von den Medien fürchterlich aufgebauscht, so dass mich Assauer eines Tages anrief und zürnte, ich solle ihm nicht länger die Journalisten auf den Hals hetzen. Assauer hat jedenfalls bewiesen, dass auch er gar keinen Sinn für den Pokal als wertiges Objekt hat.

Würden Sie denn dafür plädieren, dass ein Pokal nach der Verleihung sofort von Verbands- oder Vereinsfunktionären verwahrt wird? Damit entfielen gefährliche Ehrenrunden, Busfahrten oder der Missbrauch des Pokal als Sekteimer.

Wilhelm Nagel: Es würde schon reichen, einen bewussteren Umgang mit diesem Gegenstand, der ja auch ein Kunstwerk ist, anzumahnen. Der Pokal war für mich keine alltägliche Sache, ich bin Goldschmied mit Leib und Seele. Sieht man das eigene Werk dann so missbraucht, blutet einem das Herz.

Dann finden Sie es bestimmt auch furchtbar, wenn die feiernden Fußballer den Pokal als riesiges Bierglas missbrauchen.

Wilhelm Nagel: Sekt und Bier können einem Pokal nichts anhaben. Der Gold- oder Silberbelag ist immun und wird nicht beeinträchtigt, einzig der Gestank muss ausgewaschen werden. Nach der Assauer-Affäre wollte ich zuerst nicht mehr Hand an den kaputten Pott anlegen. Ich drängte darauf, ihn als abschreckendes Beispiel beim DFB in Frankfurt auszustellen. Dem wurde von Verbandsseite nicht entsprochen, weil man das Historische des Pokals weitertragen wollte.

Wie lange haben Sie damals gebraucht, um den Pokal wieder herzurichten?

Wilhelm Nagel: Der Pott war total demoliert. Ich musste die verbogenen oberen Ringe austauschen, den krummen Sockel entbeulen, die Seiten entdellen, Bergkristalle und Turmalien neu einsetzen. Ich saß fast vier Monate vor dem Pokal. 700 Arbeitsstunden hat die Reparatur verbraucht.

Morgen steht wieder der FC Schalke 04 im Pokal-Finale, dann gegen den MSV Duisburg. Werden Sie das Spiel im Stadion verfolgen, um ihren Pokal zu sehen?

Wilhelm Nagel: Ich gucke mir die Partie an, allerdings nur im Fernsehen. Der Pokal ist eine Jugendarbeit von mir, riesige Gefühlsregungen gibt es heute nicht mehr. Ich bin 83 Jahre alt. Die Sockelfläche bietet ohnehin nur noch bis 2020 Platz, um das Siegerteam mit einer Gravur zu verewigen. Danach sollte einem jungen Künstler die Gelegenheit gegeben werden, um eine neue Trophäe zu schaffen.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!