Der Regisseur des heutigen Fußball-»Tatort« im Interview

»Ein Outing ist nur eine Frage der Zeit«

Heute Abend wird in der ARD wieder gemordet. Im »Tatort« sucht Maria Furtwängler alias Charlotte Lindholm den Mörder eines schwulen Fußballprofis. Wir sprachen mit Regisseur Nils Willbrandt. Der Regisseur des heutigen Fußball-»Tatort« im Interview

Nils Willbrandt, am heutigen Sonntag zeigt die ARD den »Tatort Mord in der ersten Liga«. Kommissarin Charlotte Lindholm, gespielt von Maria Furtwängler, sucht den Mörder des offenbar homosexuellen Fußballers Kevin Faber (Stephan Waak). Sie haben Regie geführt. Was ist das zentrale Thema in diesem »Tatort«?

Vor allem das vielfach diskutierte Thema Homophobie, aber auch generell die Frage: Wie viele Schwächen darf man im Fußball zeigen? Darf man anders sein und ist man dazu verdammt mitzuschwimmen in diesem ziemlich durchorganisierten Industrieunternehmen Fußball? Und was passiert, wenn sich ein schwuler Fußballer outet? Wie reagieren die Mitspieler, die Fans, der Verein?

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Warum ist das so augenscheinlich so ein großes Problem, sich als schwuler Fußballer zu outen?

Das haben wir uns ja auch gefragt: Wo, bitteschön, ist denn das Problem? Aber wir haben festgestellt, dass der Kosmos Fußball sich in Teilen wohl doch noch deutlich von der Gesellschaft unterscheidet.

Inwiefern?

Die Fußballwelt ist offensichtlich tweilweise noch ziemlich archaisch. Da geht es um ein Männerbild, dass nicht sehr viele Variationen zulässt. Homosexualität wird da wohl bei einigen als Schwäche aufgefasst, die nicht ins Bild des typischen Fußballprofis passt.

Viele sagen: Fußball ist eine Macho-Gesellschaft. Ein Outing wäre unmöglich.

Ist das denn tatsächlich so? Ich war schon als kleiner Junge Fan von Werder Bremen und bin in dieser Fußballwelt aufgewachsen. Begriffen habe ich sie in diesem Punkt bis heute nicht. Auch deshalb stellt der »Tatort« die Frage: Wie würden die Reaktionen auf ein solches Outing aussehen?

Gibt er auch Antworten?

Teilweise. In einer Szene läuft der frisch geoutete Fußballer ins Stadion ein und wird mit Applaus begrüßt. Das ist natürlich eine Überhöhung. Die Realität sieht vermutlich anders aus. Ich denke schon, dass ein homosexueller Fußballer auf Widerstand stoßen könnte, das hat man an den Reaktionen während der Amerell-Affäre leider gut beobachten können. Am Ende ist aber nur eine Frage der Zeit. Diese Hürden sind in anderen Bereichen gefallen, also werden sie es auch sicher irgendwann im Fußball. 

Die Dreharbeiten zu diesem »Tatort« begannen bereits im November 2010. Wie bereiten sich Regisseur und Crew auf ein solches Thema vor?

Wir haben sehr viel Recherche betrieben. Von den Fans wollten wir wissen: Wie unterscheiden sich die verschiedenen Fan-Gruppierungen? Existiert das Hooligan-Problem noch? Wie würden Fans auf ein Outing reagieren? Wir haben auch mit Spielern gesprochen, um so viel wie möglich von der Stimmung innerhalb dieser kleinen Welt Profifußball mit zu bekommen.

Der »Tatort« spielt in Hannover, folgerichtig...

...haben wir einige Szenen bei 96 im Niedersachsenstadion gedreht. Unter anderem beim Heimspiel am 13. Spieltag gegen den HSV! 96-Chef Martin Kind war von unserem Drehbuch gleich so überzeugt, dass er uns seine volle Unterstützung zugesichert hat. Die haben wir auch bekommen. Das hat gar nicht so viel mit der visuellen Umsetzung zu tun gehabt, aber uns war es wichtig, dass ein »Tatort« im Fußballmilieu so authentisch wie möglich rüberkommt. Ein bestimmtes Milieu zu skizzieren, ist schließlich die hohe Hürde, die jeder »Tatort« zu nehmen hat.

Wird man denn heute Abend auch Profis von Hannover 96 zu sehen bekommen?

Nein, das wollten wir nicht. Unsere Fußball-Statisten spielen allesamt beim OSV Hannover. Dafür gehört die Filmwohnung unseres ermordeten Fußballers tatsächlich einem aktuellen Spieler von Hannover 96.

TV-Kommissarin Charlotte Lindholm alias Maria Furtwängler geht auch der Frage nach, ob der ermordete Fußballer ein Doppelleben führen musste.

Das ist ja das Schlimme an der ganzen Geschichte: Fußballer müssen für ihre Karriere generell einen hohen Preis zahlen, nämlich den der ständigen Öffentlichkeit. Bloß: Diesen Druck halten die Fußballer in der Regel aus. Wenn nun aber noch der Preis der Lügen dazu kommt, weil man beispielsweise seine wahre sexuelle Neigung verstecken muss, dann ist der Druck doch extrem groß.

Maria Furtwängler ist im wahren Leben Bayern-Fan, im »Tatort« sieht man sie auf der Tribüne mit einem 96-Schal. Wie viel Überredungskunst mussten Sie als Regisseur einsetzen?

Gar keine. Maria Furtwängler ist ein echter Profi. Hannover ist Charlotte Lindholms Stadt, dort ermittelt sie, dort lebt sie. Und dort geht sie ins Fußballstadion.


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Heute Abend ab 20:15 Uhr in der ARD: »Tatort: Mord in der ersten Liga« u.a. mit Maria Furtwängler, Torsten Michaelis, Karin Ackermann, Fritz Roth und Luk Pfaff. Regie: Nils Willbrandt, Buch: Harald Göckeritz, Kamera: Jens Harant, Musik: Stefan Will.


PLUS: Die 11FREUNDE-Bildergalerie – Fußballer vor der Glotze. Wo gucken eigentlich Beckenbauer und Co. den Tatort?

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