Der Präsident über »Ein Jahr mit RWO«

»Die Verlobte war erzürnt«

Hajo Sommers ist Theaterleiter, Schauspieler, Kettenraucher – und Präsident von Rot-Weiß Oberhausen, dem Klub, den 11FREUNDE ein Jahr begleitete. Wir sprachen mit dem Boss über das im deutschen Fußball einmalige Projekt. Der Präsident über »Ein Jahr mit RWO«Dominik Asbach
Heft #92 07/2009
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In der Schlussphase der abgelaufenen Saison hätte der Theaterleiter, Schauspieler und RWO-Präsident eigentlich in Berlin strippen sollen. Ging aber nicht. Sein Klub kämpfte um den Klassenerhalt. Schnell wurde seine Rolle im Erfolgsstück »Ganz oder gar nicht« neu besetzt – und Hajo Sommers war im Stadion, als die Kleeblätter gegen den Tabellenletzten Wehen-Wiesbaden verloren, beim Erzrivalen MSV Duisburg punkteten und schließlich den Tabellenführer SC Freiburg besiegten. Wir sprachen mit ihm über unsere aktuelle Titelstory »Ein Jahr mit RWO«.

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Hajo Sommers, die Zigarette danach: Wie war es für Euch?

Schön! Es war aber auch komisch. Du lässt Dich auf irgendetwas ein, bei dem Du nicht weißt, was am Ende dabei heraus kommt. Das Experiment mit Euch ist aber gut gelaufen. Und wir als Verein haben auch etwas daraus gelernt. Unsere wichtigsten Themen werden ja im Text thematisiert: Kann man mit unseren Mitteln im Profifußball bestehen? Wo liegen womöglich die Grenzen? Und welche Ressentiments gibt es gegenüber unserem Projekt?

Was haben Sie im Sommer 2008 gedacht, als wir wegen der Geschichte anfragten?

Ich habe sofort gesagt: »Machen wir, schöne Idee!« Dann musste ich das Experiment intern aber erst einmal verkaufen, nicht so sehr dem Vorstand, sondern vor allem der sportlichen Leitung. Ich habe in diesem Moment aber gelernt: Das Wort »Präsi« ist zwar auf den ersten Blick nicht so viel Wert, aber es kann auch helfen. Man kann dann schon mal sagen: »Wir machen das trotzdem!«

Manager Hans-Günter Bruns hat anfangs darauf beharrt, dass Spielerkabine und Mannschaftsbus Tabuzonen sind...

Irgendwann in der Rückrunde habe ich zum ersten Mal gespürt, dass sich seine Meinung änderte und er sich das vorstellen konnte. Für diese Entscheidung war sicherlich sehr wichtig, dass Ihr mit ins Trainingslager gefahren seid. Dort sind alle Beteiligten offensichtlich näher zusammen gerückt – und irgendwann war mir klar, dass es gehen würde. Obwohl bis zu dem Zeitpunkt keiner von uns irgendetwas gelesen hatte! Wir hatten aber mittlerweile das Gefühl, dass wir Euch vertrauen können.

Wir hatten ja eigentlich auch noch darauf gehofft, eine Traineransprache vor einem Spiel mitzuerleben. Warum fiel dieser letzte Vorhang nicht?

Die Spielerkabine ist bei uns ein Heiligtum, vergleichbar mit dem Schlafzimmer von ganz berühmten Menschen. Dieses Heiligtum darf nur von Herrn Dietz und Herrn Bruns betreten werden sowie den Trainern und Betreuern. Sonst von niemandem, auch nicht vom Vorstand oder Aufsichtsrat. Dass Ihr nach dem Klassenerhalt rein durftet, war schon etwas ganz Besonderes. Dass strikte Zutrittsverbot gilt bei uns sonst sogar für die Trainingskabine an der Landwehr. In einem Satz: Der Herr Dietz will da keinen – drin – sehen!

Wie sind die ersten Reaktionen aus dem Umfeld?

Es glaubt uns niemand, dass wir die Geschichte nicht vorher abgenommen und Euch komplett freie Hand gelassen haben. Das große Bild von mir auf der Doppelseite beweist das aber definitiv. Mir wurde schon gesagt, dass ich darauf aussehe wie eine 65-jährige Frau (lacht). Das Bild ist aber dennoch gut ausgewählt. Der Mann, der mir gegenübersteht, mit der Helmut-Schmidt-Gedächtnismütze, sitzt jetzt seit drei Jahren hinter mir und ist wirklich einer der Schlimmsten aus der Mopperfraktion.

Was hat Ihre Dauerverlobte, die Kabarettistin Gerburg Jahnke, gesagt?


Meine Verlobte war regelrecht erzürnt über den Artikel. Wir haben eine Stunde lang beim Frühstück diskutiert, weil ich es etwas anders sehe, nämlich als korrekte Beschreibung. Frau Jahnke meinte hingegen: »Das liest sich so, als ob ein paar Deppen, die keine Ahnung haben, mal ein bisschen doof rummachen. Und die kommen auch noch aus der Provinz, und deshalb sieht das in der Umkleide so aus.« Ihre Sorge war, dass unsere Leistung nicht ausreichend gewürdigt wird. Oder mit ihren Worten: »Ihr überlegt Euch doch seit drei, vier Jahren etwas! Da steckt doch ganz viel Arbeit und Denke drin. Wenn das jetzt jemand in Hamburg oder Berlin liest, denkt der aber: Wieder so ein paar bekloppte Ruhrgebietler!«

Was sagt denn der Ruhrgebietler »von der Straße«?

Der Oberhausener an sich hat Spaß an der Story und ist stolz, obwohl man zu 90 Prozent Euer Magazin vorher nicht kannte. Unser Sympathiewert ist unmittelbar nach Erscheinen in die Höhe geschnellt. Von denen würde auch niemand – anders als Frau Jahnke – auf die Idee kommen, dass wir als Schmuddelverein dargestellt werden. Die sagen eher: Genauso is dat, weil et hier einfach nicht mehr Kohle gibt und wir machen da dat Beste draus! Letztendlich entspricht das den Grundwerten, die wir auch für unsere »Malocher«-Kampagne verwenden.

Als Zweitligaaufsteiger am Ende Tabellenneunter – da war wenig Platz für Konflikte. Welche haben Sie erfolgreich vor uns verborgen?

Eigentlich nur grundsätzliche Diskussionen im Vorstand, ob man eine Entscheidung über Spieler X am Ende der Saison treffen kann – oder ob man das zehn Wochen vorher machen muss. Es ging um den Unterschied zwischen dem, was du als katholischer Pfadfinder moralisch denkst und wie weit du das zurückstellen musst, um das Projekt RWO nicht zu gefährden. Wir kriegt ein Unternehmer seinen Arbeitnehmer dazu, möglichst gut zu arbeiten, ohne die menschliche Komponente zu vernachlässigen? Eine hundertprozentige Lösung gibt es dafür nicht.

Wann hat Ersatzstürmer Julian Lüttmann also erfahren, dass der Trainer nicht mehr mit ihm plant?

Sehr spät, erst vor etwa vier Wochen. Er hat von der sportlichen Leitung aber immerhin schon vorher gesagt bekommen: »Wenn Du einen anderen Verein hast, dann lassen wir Dich selbstverständlich gehen.« Es war also nicht so, dass sich »Lütti« nicht etwas Neues hätte suchen können.

Schön, dass RWO irgendwo auch ein ganz normaler Klub war, zum Beispiel beim Zweikampf der Torwarte Semmler und Pirson...

Die werden garantiert nicht mehr heiraten! Zwei Torhüter, die heiraten, gibt es in der Liga aber eh ganz selten, besonders wenn sie mehr oder weniger gleichaltrig sind wie die unsrigen. Es wird sich aber auch bei uns noch Einiges verändern. Die Leistungsanforderungen in der 2. Liga sind einfach ganz andere als vorher, jetzt kommen acht, neun neue Spieler dazu – unser Projekt ist längst noch nicht abgeschlossen. Es wird sich in der neuen Saison zeigen, ob wir wieder eine solche Truppe aufbauen können. Wenn ich Fußball richtig begreife, ist das die große Kunst – jetzt wieder eine funktionierende Gemeinschaft herzustellen.

Was hat sich während der letzten Saison verändert?

Wir haben die Preise angehoben und Leute umgesetzt, was nicht unbedingt positiv ankommt beim Publikum. Es fühlen sich sehr viele Leute sehr ungerecht behandelt, die dem Verein natürlich schon 1902 zur Seite gestanden haben. Wir kommen aber leider nicht umhin, die Sache voranzutreiben. Der Vorstand hat in der 2. Liga denselben Leistungsdruck wie die Mannschaft, die Klasse zu erhalten. Wir laufen seit drei, vier Jahren auf 120 Prozent, teilweise auf 150, da treten auch Ermüdungserscheinungen auf. Ich merke es an mir selbst: Ich werde mit jedem dünnhäutiger, der mich fragt, warum ausgerechnet er keine Parkkarte bekommt.

Wenn wir in einem Jahr noch einmal nach Oberhausen kommen und nachfragen, wie das zweite Jahr in Liga zwei gelaufen ist, werden wir dann noch alle Protagonisten unserer Geschichte antreffen?

Ja, bis zum Ende der Saison sollten wohl schon noch alle da sein. Es wird aber bestimmt weiter diskutiert werden, ob wir alles noch ehrenamtlich schaffen können. Und es wird bestimmt sehr interessant, wie jeder Einzelne in der Saison 2009/10 mit dem gestiegenen Anspruchsdenken umgeht. Jetzt haben wir die Saison als Tabellenneunter beendet. Da kann man sich schon einmal fragen: Wievielter muss man im nächsten Jahr werden, damit weiterhin alle zufrieden sind?

Was sagen denn die lokalen Kiebitze kurz nach dem Trainingsauftakt?

Es gibt viele Leute in der Stadt, die das genauso sehen wie ich: »Erst einmal schauen, wie es im zweiten Jahr klappt, das wird viel schwerer als im ersten.« Es gibt aber auch schon ganz viele, die schreien, dass wir im letzten Jahr so viel Geld eingenommen hätten, dass wir jetzt ins Risiko gehen müssten. Ihrer Meinung nach helfen uns nur noch erfahrene Spieler aus der 1. und 2. Liga weiter, um schnellstmöglich oben anzugreifen. Meine Antwort war in den letzten Tagen schon ein paar Mal: »Wenn Du Geld hast, kauf Dir einen. Und den kannst Du mir dann gerne leihen!«

Diese Woche schlagzeilte die NRZ: »Fortuna Düsseldorf nimmt sich Beispiel an RW Oberhausen«. Wird Rot-Weiß Oberhausen jetzt tatsächlich zu einem Vorbild für die Branche?

Die Idee, dass sich Düsseldorf an Oberhausen orientiert, finde ich schwierig. Da müsste sich dort schon Einiges verändert haben. Was man nicht vergessen darf: Je weiter du nach oben rutschst, umso mehr ändern sich die Ansprüche, nicht nur die sportlichen. Wer will jetzt plötzlich alles Chef sein? Selbst wir sind davor nicht gefeit. Es gab massenhaft Anfragen bezüglich Vorstandarbeit und Geschäftsführer, sogar aus Süddeutschland. Selbst in unserer halbverschworenen Gemeinschaft kann ich mir vorstellen, dass irgendwer plötzlich erklärt: »Jetzt kann ich es mir vorstellen, auch mal Vorstand zu machen.« In der 1. Liga hätten wir bestimmt gleich fünf, sechs Kandidaten, die auf der Matte stehen und mitteilen lassen: »Ich im Vorstand, finde ich super!« In Düsseldorf wäre das sicher noch extremer.

Und was sagt Ihr liebster Feind, die Deutsche Fußball-Liga?

Im Moment gar nichts. Unseren größten Kampf fechten wir aktuell mit der Stadionbeleuchtung aus. Das Problem: Wir haben 400 Lux zu wenig auf dem Rasen. Jetzt ist der Luchs aber auch wirklich ein vom Aussterben bedrohtes Tier. Wo sollen wir die jetzt herkriegen? Wir basteln bereits seit drei Tagen an einer Lösung. Es gibt auch erste Möglichkeiten, die aber alle wieder mit Geld zu tun haben. Selbst kann ich leider nicht auf den Flutlichtmast klettern. Ich habe wirklich keine Ahnung, wie man da eine Birne reinkriegt.

Schlussfrage: Schon herausgefunden, warum Bundesligaspieler unablässig Poker spielen?

Ich halte das für eine gesellschaftliche Erscheinung, die innerhalb der Mannschaft aufgenommen wird. Pokern war ja mal wahnsinnig hip, ist aber schon wieder auf dem absteigenden Ast. Es gab vorher bei den Spielern auch eine Zeit, als Nintendo und Playstation angesagt waren. Da finde ich Kartenspielen jetzt schon amüsanter. Es zocken aber auch längst nicht alle. Dass zum Beispiel Sören Pirson dartet, habe ich aus Eurem Heft erfahren. Und bei uns im Vorstand pokert sowieso keiner – jedenfalls nicht mit Karten. Wir pokern eher mal mit der Stadt Oberhausen oder bei Vertragsverhandlungen.

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