28.06.2009

Der Präsident über »Ein Jahr mit RWO«

»Die Verlobte war erzürnt«

Hajo Sommers ist Theaterleiter, Schauspieler, Kettenraucher – und Präsident von Rot-Weiß Oberhausen, dem Klub, den 11FREUNDE ein Jahr begleitete. Wir sprachen mit dem Boss über das im deutschen Fußball einmalige Projekt.

Interview: Thorsten Schaar Bild: Dominik Asbach

In der Schlussphase der abgelaufenen Saison hätte der Theaterleiter, Schauspieler und RWO-Präsident eigentlich in Berlin strippen sollen. Ging aber nicht. Sein Klub kämpfte um den Klassenerhalt. Schnell wurde seine Rolle im Erfolgsstück »Ganz oder gar nicht« neu besetzt – und Hajo Sommers war im Stadion, als die Kleeblätter gegen den Tabellenletzten Wehen-Wiesbaden verloren, beim Erzrivalen MSV Duisburg punkteten und schließlich den Tabellenführer SC Freiburg besiegten. Wir sprachen mit ihm über unsere aktuelle Titelstory »Ein Jahr mit RWO«.



Hajo Sommers, die Zigarette danach: Wie war es für Euch?

Schön! Es war aber auch komisch. Du lässt Dich auf irgendetwas ein, bei dem Du nicht weißt, was am Ende dabei heraus kommt. Das Experiment mit Euch ist aber gut gelaufen. Und wir als Verein haben auch etwas daraus gelernt. Unsere wichtigsten Themen werden ja im Text thematisiert: Kann man mit unseren Mitteln im Profifußball bestehen? Wo liegen womöglich die Grenzen? Und welche Ressentiments gibt es gegenüber unserem Projekt?

Was haben Sie im Sommer 2008 gedacht, als wir wegen der Geschichte anfragten?

Ich habe sofort gesagt: »Machen wir, schöne Idee!« Dann musste ich das Experiment intern aber erst einmal verkaufen, nicht so sehr dem Vorstand, sondern vor allem der sportlichen Leitung. Ich habe in diesem Moment aber gelernt: Das Wort »Präsi« ist zwar auf den ersten Blick nicht so viel Wert, aber es kann auch helfen. Man kann dann schon mal sagen: »Wir machen das trotzdem!«

Manager Hans-Günter Bruns hat anfangs darauf beharrt, dass Spielerkabine und Mannschaftsbus Tabuzonen sind...

Irgendwann in der Rückrunde habe ich zum ersten Mal gespürt, dass sich seine Meinung änderte und er sich das vorstellen konnte. Für diese Entscheidung war sicherlich sehr wichtig, dass Ihr mit ins Trainingslager gefahren seid. Dort sind alle Beteiligten offensichtlich näher zusammen gerückt – und irgendwann war mir klar, dass es gehen würde. Obwohl bis zu dem Zeitpunkt keiner von uns irgendetwas gelesen hatte! Wir hatten aber mittlerweile das Gefühl, dass wir Euch vertrauen können.

Wir hatten ja eigentlich auch noch darauf gehofft, eine Traineransprache vor einem Spiel mitzuerleben. Warum fiel dieser letzte Vorhang nicht?

Die Spielerkabine ist bei uns ein Heiligtum, vergleichbar mit dem Schlafzimmer von ganz berühmten Menschen. Dieses Heiligtum darf nur von Herrn Dietz und Herrn Bruns betreten werden sowie den Trainern und Betreuern. Sonst von niemandem, auch nicht vom Vorstand oder Aufsichtsrat. Dass Ihr nach dem Klassenerhalt rein durftet, war schon etwas ganz Besonderes. Dass strikte Zutrittsverbot gilt bei uns sonst sogar für die Trainingskabine an der Landwehr. In einem Satz: Der Herr Dietz will da keinen – drin – sehen!

Wie sind die ersten Reaktionen aus dem Umfeld?

Es glaubt uns niemand, dass wir die Geschichte nicht vorher abgenommen und Euch komplett freie Hand gelassen haben. Das große Bild von mir auf der Doppelseite beweist das aber definitiv. Mir wurde schon gesagt, dass ich darauf aussehe wie eine 65-jährige Frau (lacht). Das Bild ist aber dennoch gut ausgewählt. Der Mann, der mir gegenübersteht, mit der Helmut-Schmidt-Gedächtnismütze, sitzt jetzt seit drei Jahren hinter mir und ist wirklich einer der Schlimmsten aus der Mopperfraktion.

Was hat Ihre Dauerverlobte, die Kabarettistin Gerburg Jahnke, gesagt?


Meine Verlobte war regelrecht erzürnt über den Artikel. Wir haben eine Stunde lang beim Frühstück diskutiert, weil ich es etwas anders sehe, nämlich als korrekte Beschreibung. Frau Jahnke meinte hingegen: »Das liest sich so, als ob ein paar Deppen, die keine Ahnung haben, mal ein bisschen doof rummachen. Und die kommen auch noch aus der Provinz, und deshalb sieht das in der Umkleide so aus.« Ihre Sorge war, dass unsere Leistung nicht ausreichend gewürdigt wird. Oder mit ihren Worten: »Ihr überlegt Euch doch seit drei, vier Jahren etwas! Da steckt doch ganz viel Arbeit und Denke drin. Wenn das jetzt jemand in Hamburg oder Berlin liest, denkt der aber: Wieder so ein paar bekloppte Ruhrgebietler!«

Was sagt denn der Ruhrgebietler »von der Straße«?

Der Oberhausener an sich hat Spaß an der Story und ist stolz, obwohl man zu 90 Prozent Euer Magazin vorher nicht kannte. Unser Sympathiewert ist unmittelbar nach Erscheinen in die Höhe geschnellt. Von denen würde auch niemand – anders als Frau Jahnke – auf die Idee kommen, dass wir als Schmuddelverein dargestellt werden. Die sagen eher: Genauso is dat, weil et hier einfach nicht mehr Kohle gibt und wir machen da dat Beste draus! Letztendlich entspricht das den Grundwerten, die wir auch für unsere »Malocher«-Kampagne verwenden.

Als Zweitligaaufsteiger am Ende Tabellenneunter – da war wenig Platz für Konflikte. Welche haben Sie erfolgreich vor uns verborgen?

Eigentlich nur grundsätzliche Diskussionen im Vorstand, ob man eine Entscheidung über Spieler X am Ende der Saison treffen kann – oder ob man das zehn Wochen vorher machen muss. Es ging um den Unterschied zwischen dem, was du als katholischer Pfadfinder moralisch denkst und wie weit du das zurückstellen musst, um das Projekt RWO nicht zu gefährden. Wir kriegt ein Unternehmer seinen Arbeitnehmer dazu, möglichst gut zu arbeiten, ohne die menschliche Komponente zu vernachlässigen? Eine hundertprozentige Lösung gibt es dafür nicht.

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