Der nächste Rassismus-Skandal

»Du musst kein Faschist sein, wenn du zu Lazio hältst!«

Schon wieder haben sich Fans von Lazio Rom mit rassistischen Gesängen zum Affen gemacht. Hat dieser Klub eigentlich nur Idioten auf der Tribüne? Unser Interview beweist, dass dem nicht so ist.

crampisportivi.com

Es ist längst zur schlimmen Tradition geworden: Dass Fans von Lazio Rom mit rassistischen Gesängen beschämen. Wie beim Spiel gegen den SSC Neapel, bei dem Neapels dunkelhäutiger Verteidiger Kalidou Koulibaly Opfer der Schmähgesänge wurde. Der Schiedsrichter musste die Partie in der 68. Minute gar unterbrechen.

Das Spiel passt natürlich ins Bild, das oft von Lazios Fanszene gezeichnet wird. Seit 1987 die rechtsextreme Gruppe »Irriducibili« das Kommando in der Curva Nord übernommen hat, gilt die gesamte Fanszene von Lazio in der Öffentlichkeit als stramm rechts. Dabei soll es tausende Antifaschisten bei Lazio Rom geben. Das sagen jedenfalls die Mitglieder der Gruppe »Laziale e Antifascista«. Wir haben einen der Gründer, der anonym bleiben will, interviewt. 

Antifaschist und Lazio-Fan – wie passt das zusammen?
Wenn man den Berichten in den Medien glaubt, ist das ein Widerspruch. Lazio Roms Fanszene wird seit Jahrzehnten pauschal als rassistisch und rechtsextrem dargestellt. Vor vier Jahren haben wir uns überlegt, dieses Image zu überprüfen. Wir wollten einfach mal sehen, ob wir tatsächlich die einzigen linken Fans in der Kurve sind. Wir gründeten also die Gruppe »Laziale e Antifascista« und bekamen vor allem über Facebook sehr viel Lob und positives Feedback. Letztendlich entstand so ein differenzierteres Bild als das, was die Medien und die rechten Parteien verbreiteten.
 
Wie sieht dieses Bild konkret aus?
Es gibt de facto unglaublich viele Fans, die angewidert sind von der Stimmung in der Kurve. Und es gibt tatsächlich viele Antifaschisten bei Lazio.
 
Aber Sie können nicht abstreiten, dass Lazio ein Problem mit rechtsextremen Fans hat.
Natürlich nicht. Allerdings besteht die aktive faschistische Szene nur aus 300 bis 400 Leuten. Diese Menschen bekommen mehr Öffentlichkeit als wir, weil sie sehr gut vernetzt sind und Lazio ausschließlich für ihre politische Propaganda benutzen. Sie dominieren mit gewalttätigen Aktionen die Stimmung in der Curva Nord, aber auch außerhalb des Stadions.
 
In der Vergangenheit wurden bei Lazio schon mal Auschwitz-Banner gezeigt. Das Wort »Jude« hört man regelmäßig als Schimpfwort. Fans zeigen Hitlergrüße. In der Kurve wehten schon Hakenkreuzflaggem. Und gestern wurden dunkelhäutige Spieler von Leverkusen rassistisch beleidigt. Was denken Sie, wenn Sie solche Dinge mitbekommen?
Es ist beschämend. Aber letztendlich folgen diese Aktionen einem einfachen Muster: Es geht darum, so viel Aufmerksamkeit wie möglich zu bekommen. Die nationale und vor allem die internationale Presse sieht sich nach solchen Spielen stets bestätigt und schlussfolgert: »Lazio ist faschistisch«. Die rechten Lazio-Fans freuen sich, denn ihre Bewegung erscheint mächtig und gewaltig, schließlich haben sie ja eine ganze Kurve in der Hand. Zugleich denkt der junge Fan, der noch ein wenig unschlüssig ist, wie er sich im Leben positioniert: »Ich bin Lazio-Fan, also muss ich ein Faschist sein.«
 
Inwiefern sind die Faschisten in der Curva Nord in rechtsextremen Organisationen verstrickt?
Die Faschisten in der Kurve haben Kontakte zu den faschistischen Parteien Roms und in die Unterwelt, früher sogar zur Camorra. Sie bekämpfen alle, die sie hindern wollen, ihre Vormachtstellung zu schwächen. Die bekannte und umstrittene rechtsextreme Gruppe »Irriducibili Lazio« verkaufte Merchandise, um Geld für ihre Propaganda zu sammeln. Gerade so kommen faschistische Gruppen gut bei jungen Fans an, die aus sozial schwächeren Verhältnissen kommen oder deren kultureller Horizont nicht so weit ist. Sie haben ein Szenario geschaffen, in dem jeder Fußballfan glaubt: Als Lazio-Anhänger darfst du niemals links sein – du musst Faschist werden!
 
Sie behaupten das Gegenteil?
Seit 2013 treten wir aktiver auf, auch im Internet. Auf unserer Facebook-Seite versuchen wir täglich, das Bild des Lazio-Faschisten zu dekonstruieren. Eines unserer Ziele ist es, zu zeigen: Nein, du musst kein Faschist sein, wen du zu Lazio hältst.
 
Bekommen Sie Unterstützung vom Verein oder der Stadt?
Nein. Wir finanzieren unsere Arbeit selbst. Es gibt auch keinen Schutz in der Kurve, wo die rechten Gruppen uns natürlich suchen.
 
Lazi-Präsident Claudio Lotito entzog der Gruppe »Irriducibili« einst Privilegien. Seitdem bewegt er sich nur noch mit Leibwächtern und schusssicherem Wagen durch die Stadt. Sind vor diesem Hintergrund auch die Aussagen von Lazio-Funktionären verstehen, die jede Kritik an der eigenen Fanszene herunterspielen?
Der Klub ist mit der Lage vollkommen überfordert – und hat auch Angst. Dabei ist die Gruppe »Irriducibili« heute nicht mal mehr das größte Problem. Es haben sich in den letzten Jahren viele andere Gruppen gegründet, wie zum Beispiel die extrem rechten »Casa Pound« oder »Forza Nuova«.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!