Der homosexuelle Mainz 05-Fanclub

»Fußball ist alles, auch schwul«

Markus Delnef ist Präsident des homosexuellen Mainz 05-Fanclubs »Meenzelmänner«. Wir sprachen mit ihm über Homophobie in den Kurven, sein Engagement dagegen und erste Schritte auf einem langen Weg.  Der homosexuelle Mainz 05-Fanclub

Markus, grenzen sich homosexuelle Fußballfans mit der Gründung schwul-lesbischer Fanclubs nicht von anderen Fans ab?

Generell gibt es durchaus viele schwule Fans, die in anderen Fanclubs aktiv sind. Die haben aber oft nicht die Möglichkeit, auf Homophobie in Stadien so zu reagieren, wie das z.B. uns Meenzelmännern möglich ist. Homophobe Sprüche wie »schwule Sau« werden in vielen Stadien einfach hingenommen. Da ist es dann wichtig, dass in Fankreisen bekannte Fanclubs wie wir öffentlich auftreten und zum Nachdenken anregen. Solche Sprüche hört man dadurch viel seltener.

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Kann man das wirklich so feststellen?

Auf jeden Fall. In den 13 deutschen Profivereinen mit anerkannten schwul-lesbischen Fanclubs spielt Homophobie tatsächlich nur eine untergeordnete Rolle. Das heißt nicht, dass entsprechende Aussagen gar nicht vorkommen, aber sie sind deutlich seltener und wenn sie auftreten, dann wird auch eingegriffen. Im Osten zum Beispiel hat sich dagegen bis heute außer bei Hertha BSC bei keinem Profiverein ein solcher Fanclub gegründet. Entsprechend gibt es dort in der Tendenz sehr viel häufiger Beschwerden an den DFB und die DFL wegen homophober Gesänge. Es fehlt dann einfach eine Gruppe, die aktiv eingreift und die Leute zum Nachdenken bringt.

Sind denn die schwul-lesbischen Fanclubs dort, wo es sie gibt, eng genug in die Fanszene eingebunden, um effektiv zu agieren?

Da stellt Mainz schon eine Besonderheit dar. Nirgendwo sonst ist die Zusammenarbeit zwischen Homosexuellen, Fanbeauftragten, Supporters und Ultras so eng wie hier. Zum Beispiel haben die Mainzer Ultras unser Fanclub-Banner gebastelt oder einen großen Artikel über uns und Homophobie in Stadien in ihrem Magazin veröffentlicht. Und auch sonst haben wir regelmäßig Kontakt. Das ist bei den meisten anderen Vereinen nicht so der Fall. Zumindest noch nicht.  

Hat das bei Euch von Anfang an so reibungslos geklappt?

Dank einer Freundin – eines von fünf heterosexuellen Mitgliedern der Meenzelmänner – hatten wir schon vor unserer Gründung guten Kontakt zum Fanbeauftragten Christian Viering und zu Christian Gomolzig von den Supporters. Noch am Abend unserer offiziellen Gründung im Juni 2007 sind wir Mitglied bei den Supporters geworden. Den eigentlichen Durchbruch in der Fanszene hatten wir aber mit der Veranstaltungsreihe im Februar dieses Jahres. Gemeinsam mit den Supporters, dem AStA-Schwulenreferat und der Bar jeder Sicht haben wir die Vorführung des Films von Aljoscha Pause »Das große Tabu - Homosexualität im Fußball« und eine Podiumsdiskussion zum Thema »Das Versteckspiel - Schwule im Profifußball« organisiert.  

Wie kam es dazu?

Die Initiative für die Podiumsdiskussion kam von der »Bar jeder Sicht«. Die wollten, dass wir was gegen Vorurteile wie »Fußball und schwul - das geht doch nicht« machen. Gleichzeitig plante unabhängig von uns das AStA-Schwulenreferat die Filmvorführung. Beides kam dann über 25 Ecken zusammen und hat ganz schnell eine Eigendynamik entwickelt. Die Supporters und die Ultras waren bei der ganzen Sache ebenso sofort dabei wie der Verein. Die 05er sind dann mit dem Vorschlag an uns herangetreten, schon im Rahmen des Heimspiels vor dem Diskussionstermin – das war die Partie gegen Rostock - was zu dem Thema zu machen. Letztlich erschien in der Stadionzeitung ein doppelseitiger Bericht über uns, Stadionsprecher Hafner stellte uns vor, und die Ultras hängten das Banner »Fußball ist alles - auch schwul« unter ihrem am Zaun hinter dem Tor auf. Im Endeffekt hat uns das fast überrannt. Die Bar jeder Sicht platzte bei der Podiumsdiskussion aus allen Nähten. Es waren übrigens viel mehr Heteros dabei als Schwule.  

Wie haben die Rostockfans bei dem Spiel reagiert?

Als der Hafner seine Ansprache hielt, haben die laut gepfiffen. Die Rostocker sind leider dafür bekannt und haben schon St. Pauli als »schwule Hamburger« bzw. die Lauterer als »schwule Säue« beschimpft.

Aber Sanktionen gab‘s keine?

Das ist ein schwieriges Thema, bei dem wir uns auch nicht so einig sind. Ich bin der Meinung, dass es besser ist, die Leute, die sowas rufen, davon zu überzeugen, dass das falsch ist und nicht gleich Strafen auszupacken. Das funktioniert auch. Wenn einer »schwuler Schiri« oder »Du Homo« ruft und man dem dann sagt, man sei selbst schwul, dann zucken die erst mal zusammen und sagen »Sorry, da habe ich nicht nachgedacht«. Da muss man eben Zivilcourage zeigen. Aber das ist ja ein Grund, warum es uns Meenzelmänner gibt.  

Würdest Du denn schwulen 05-Fans raten, sich zu outen?

Also wir hatten überhaupt keine negativen Erfahrungen. Beispielsweise gibt es bis jetzt nur zwei Negativeinträge auf unserer Homepage - und die kamen von einem Lauterer und einem Frankfurter. Von Mainzer Seite aus hatten wir bis jetzt null Probleme. Auch auf dem Benefizfanfest, bei dem wir das erste Mal unsere Flyer verteilten, war das so. Egal, ob da ne Familie, Oma, Opa oder sonst wer mit uns gesprochen oder unsere Broschüre gelesen hat - es gab keine einzige negative Reaktion. Wirklich keine. Allerdings haben wir auch bei uns im Fanclub schwule Mitglieder, die sich noch nicht geoutet haben und dann auch nicht mit uns ins Stadion gehen wollen. Da ist schon eine große Angst da.  

Wie lief das denn bei dir?

Ich muss klar sagen: Wenn du geoutet bist, lebt es sich einfach viel leichter. Dann hast Du nicht immer diese Angst, dass du entdeckt werden könntest. Eigentlich hatte ich zwei Outings. Eins bei Freunden und Familie und jetzt vor kurzem mein zweites durch die Presse. Als die erste Zeitung über uns berichten wollte, hatte ich schon ein bisschen Bauchweh. Das ist schon ein richtig schwieriger Schritt, weil du ja deinen Schutz aufgibst. Aber auch da gab es bis jetzt keine einzige negative Reaktion. Auf der Arbeit kamen die Kollegen sogar auf mich zu und haben mir erzählt, dass sie den Artikel total interessant fanden. Natürlich werden die Negativerfahrungen irgendwann kommen, da bin ich mir zu 100% sicher. Denn auch in Mainz sind nicht alle 20.000 Stadionbesucher schwulenfreundlich. Aber selbst wenn es hier mal zu größeren Problemen kommen sollte, dann stünden der Verein, die Ultras und die Supporters alle hinter uns.  

Seit dem Amtsantritt von DFB-Präsident Theo Zwanziger hat sich in Deutschland einiges im Bezug auf das Tabuthema »Homosexualität im Fußball« getan.

Ja, auf jeden Fall. Seine Vorgänger, der Mayer-Vorfelder oder Egidius Braun hätten uns nicht mal die Hand gegeben. Aber was der Herr Zwanziger da macht, das ist schon der Wahnsinn. Zum Beispiel finanzierte der DFB unseren Wagen für den CSD-Auftritt oder CSD-Flyer mit DFB-Logo. Für sein Engagement bekam Zwanziger ja auch vor Kurzem die goldene Kompassnadel vom Schwulennetzwerk in Köln verliehen. Der ist so locker und offen und kann auch wirklich nicht verstehen, wie es noch Menschen geben kann, die was gegen Lesben und Schwule haben. Jetzt gerade vor einigen Wochen hat der DFB dann noch zum dritten Aktionsabend gegen Homophobie alle Fußballvereine in Deutschland eingeladen.  

Und wie viele kamen?

Das ist das Problem. Nur von Werder Bremen, VfB Stuttgart und Mainz 05 waren Offizielle da. Da sieht man: Oben ist das Problem angekommen, unten noch nicht überall. Das muss jetzt runtergebrochen werden. Es funktioniert bislang eben nur dort, wo es homosexuelle Fanclubs gibt. In Bielefeld zum Beispiel. Da setzte sich der Vereinspräsident 2 Stunden an den Stammtisch des dortigen schwul-lesbischen Fanclubs und unterhielt sich mit den Fans.  

Neben der Akzeptanz homosexueller Fans hat das Thema Homophobie im Fußball noch weitere Dimensionen. Beispielsweise wollen viele weiterhin nicht glauben, dass es schwule Profis gibt.

Natürlich würde uns das freuen, wenn sich mal ein schwuler Profi outen würde. So wie das damals beim Wowereit war. Schwule sind in der Politik jetzt auch ganz normal, im Showbusiness genauso. Irgendeiner muss den Schritt mal nach vorne machen und im Fußball macht den eben keiner. Das galt ja auch lange für den Frauenfußball. In den 90er Jahren gab‘s da mal so einen Vorfall, da wollten drei deutsche Nationalspielerinnen bei den Gay-Games mitmachen. Denen hat der DFB mit dem Rausschmiss aus dem Nationalteam gedroht. Heute unter Zwanziger wäre das undenkbar. Bei den Frauen geht das jetzt langsam voran. Bei den Männern noch nicht so.  

Und wenn sich ein 05-Profi outen würde?

Wenn mal ein schwuler 05-Profi zu mir kommen würde und mich fragen würde, ob er sich outen solle, würde ich sagen: »Lass da lieber die Finger weg.« Das hat allerdings weniger was mit Mainz zu tun. Christian Viering sagte mal aus Spaß: »Wenn sich der erste 05-Profi outet, dann hängen eine Woche später die ersten Regenbogenschals in der Geschäftsstelle.« Daran sieht man, ein geouteter Profi würde in Mainz soviel Zuspruch bekommen, wie er das vorher noch nie erlebt hat. Das Problem ist einfach, dass viele Profis, die schwul sind, Angst haben, andere Vereine würden sie nicht nehmen.Bis jetzt gibt es auch nur einen Profi, der sich sehr klar positiv zu diesem Thema geäußert hat. Das ist der Philipp Lahm. In dem Film von Aljoscha Pause kommen neben ihm mehrere Personen aus dem Profifußball zu Wort und der Christoph Daum ist da ja zum Beispiel voll in die Scheiße getreten.  

Er setzt dort Homosexualität mit Pädophilie gleich.

Ich weiß gar nicht, was ich davon halten soll. Denn einerseits ist die Aussage so eindeutig, andererseits glaube ich nicht, dass Daum tatsächlich homophob ist. Dem widersprechen auch Aussagen, die ich aus Köln gehört habe. Aber an solchen Dingen und den Reaktionen darauf merkt man, dass viele einfach noch nicht wissen, wie man mit diesem Thema umgehen soll. Beim DFB und bei der DFL beschäftigen die sich eigentlich auch erst seit zwei, drei Jahren damit. Das ist noch nicht so in den Köpfen drin, dass Schwule und Lesben auch ganz normal sind.  

Spielen da auch die TV-Bilder vom CSD eine Rolle, die gerade jenen, die sonst keinen Kontakt mit Schwulen haben, das Bild des »weibischen Paradiesvogels« vermitteln?

Das ist mit Sicherheit so. Die Schwulen müssen in dieser Hinsicht auch mehr in die Offensive gehen und zeigen, wie es wirklich ist. Die Leute denken ja, dass Schwule in rosa Röckchen oder in Lederklamotten ins Stadion gehen. Dabei sind 90% Prozent der Schwulen so wie zum Beispiel ich. Nur fallen die 10% anderen viel mehr auf. Das habe ich auch bei meinem eigenen Outing erfahren. Da haben mich Einige erstaunt angeguckt und gefragt: »Wie? Du bist schwul? Nee, Du doch nicht.« Auch dafür gibt es die Meenzelmänner. Durch unser Auftreten können wir daher viele Vorurteile beseitigen. Das gleiche gilt für die Profis. Die Leute denken, Fußballer müssen hart sein und Schwule sind Weicheier. Also können Schwule keine Profis sein.  

Und wieso hat sich noch kein Profi nach seiner Karriere geoutet? Die Probleme mit den Vereinswechseln bestehen dann nicht mehr.

Ich weiß von unseren QFF-Treffen, dass es schwule Profis gibt, die ein Doppelleben führen. Die sind verheiratet und haben Kinder, denen zuliebe sie auf ein Coming-Out verzichten. Abgesehen davon war Homosexualität im Profifußball jahrelang ein absolutes Tabuthema. Das ist erst seit ein, zwei Jahren auf der Agenda. Da dauert es einfach seine Zeit, bis sich der erste Spieler outet. Und der wird dann garantiert von Talkshow zu Talkshow weitergereicht. Das ist schon ne große Sache. Wobei ich der Meinung bin, dass es besser wäre, wenn sich die schwulen Spieler gemeinsam outen. Ich habe gehört, dass es zwischen den schwulen Profis sowas wie ein Netzwerk geben soll. Wenn das stimmt, wäre das also schon möglich.  

Wann können wir mit dem ersten Coming-Out eines Profis rechnen?

Das kann ganz schnell gehen oder ewig dauern. Aber es wäre natürlich wichtig, dass der erste Spieler, der sich outet, einer ist, der vereinsübergreifend anerkannt ist.  

Kann es denn unter den Fans überhaupt eine breite Front gegen Homophobie im Stadion geben, solange sich kein Spieler outet und die Mär des schwulenfreien Profifußballs weiterlebt?

Dafür gibt es ja uns. Mein Ansatz ist ohnehin, erst das Umfeld und das Stadion homofreundlich zu machen, sodass die Spieler wissen: »Hier brauche ich keine Angst zu haben.« Umgekehrt funktioniert das nicht. Es muss erst die positiven Aktionen von den Fans geben, bis sich ein Spieler mal traut. In dieser Hinsicht geht es hier in kleinen Schritten vorwärts. Obwohl, was heißt »kleine Schritte«? Als wir uns vor zwei Jahren gegründet haben, dachten wir, wenn wir in fünf Jahren mal gemeinsam mit den Ultras eine Aktion starten, dann haben wir viel erreicht. Nach den Aktionen jetzt im Februar haben wir zusammengesessen und uns gefragt, ob das jetzt wirklich passiert ist oder ob wir geträumt haben. Da ist schon so viel erreicht worden, das motiviert unheimlich.  

Eine wenig beachtete Dimension der Homosexualität im Fußball ist die Akzeptanz unter den schwulen Nicht-Fußballfans. Wie sieht es da aus?

Es ist definitiv so, dass es unter den Schwulen weniger Fußballfans gibt als unter Heterosexuellen. Und während Heterosexuelle glauben, die Schwulenkneipen bestünden aus Dunkelkammern, in denen Pornos über die Wand laufen, denken Schwule, alle Fußballfans wären Schläger und Säufer. Durch z.B. die Teilnahmen des QFF am CSD in Köln oder unseren Stand auf der Sommerschwüle im KUZ merken die dann plötzlich: »Oh, die sind ja ganz nett.« Da stellt man so ein leichtes Staunen fest. Nur mal als Beispiel: Auf der letzten Sommerschwüleparty im KUZ haben wir neun neue Mitglieder geworben - so viele wie nie zuvor an einem Tag. Die sind nicht mal alle Mainz 05-Fans. Auch das Aufräumen mit Vorurteilen bei den Schwulen ist eine Aufgabe schwul-lesbischer Fanclubs.  

Was können Heteros und Homos selbst im Stadion gegen Homophobie machen?

Auf jeden Fall Zivilcourage zeigen und Leute, die homophobe Äußerungen tätigen, aufklären. Die Homos sollten offen schwul auftreten, ohne dabei die Klischees zu bedienen. Die Erfahrung zeigt, wenn man offen auf die Leute zugeht und sagt »Ich bin schwul«, dann wird das akzeptiert. Aber bei aller Aufklärung wird es immer 10-15% der Gesellschaft geben, die einen Hass gegen uns haben. Die kannst du auch nicht erreichen. Das ist vergebene Liebesmühe. Wir wollen lieber die 85% erreichen, denen ohne dass sie darüber nachdenken, ein Spruch rausrutscht.  

Glossar

Bar jeder Sicht: LesBiSchwules Kultur- und Kommunikationszentrum in Mainz und Stammkneipe der ->Meenzelmänner (www.sichtbar-mainz.de

CSD: Christopher-Street-Day - Demonstrationstag von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender

Meenzelmänner: Schwul-lesbischer Fanclub des 1. FSV Mainz 05 (www.meenzelmaenner.de)

Sommerschwüle: Jährlich stattfindende Party im KUZ Mainz für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender

Supporters Mainz: Vereinigung der aktiven Fans von Mainz 05 zur fanclubübergreifenden Koordination (www.supporters-mainz.de)

Ultras Mainz: Gruppierung besonders fanatischer 05-Fans, die öffentlich in überwiegend schwarzer Kleidung auftritt (www.szene-mainz.de)

QFF: Queerfootballfanclubs - internationaler Dachverband für schwul-lesbische Fanclubs, der aktuell 15 Fanclubs aus Deutschland, Spanien und der Schweiz umfasst (www.queerfootballfanclubs.com)

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