Der große St.Pauli-Roundtable mit Fettes Brot, Oke Göttlich und Ewald Lienen

»Es gibt Helden, aber genauso viele Witze über Helden«

Passt Starverehrung zu St. Pauli? Wie gelingt der Spagat zwischen Kommerz und Tradition? Wann steigt der Klub auf? Auf ein (paar) Bier mit Fettes Brot, Oke Göttlich und Ewald Lienen.

Yannik Willing

Geehrte Herren, sprechen wir zunächst über Ihre musikalische Hommage für Ewald Lienen. Der sagte, sie sei ganz nett, aber ihn störe der Heldenkult. Enttäuscht?
König Boris: Überhaupt nicht. Er musste so reagieren. Und eigentlich haben wir nichts anderes erwartet, er ist ja ein bescheidener Mensch. Ich denke aber, er konnte den Song und die Verehrung ertragen.
Dokter Renz: Ich wette, er hat sich insgeheim gefreut.
 
Passt so etwas wie Heldenverehrung überhaupt zum FC St. Pauli?
Oke Göttlich: Wenn dabei bedacht wird, dass es um ein großes Ganzes geht und nicht um einzelne Personen.
Björn Beton: Helden werden hier mit einer humoristischen Distanz betrachtet. So war es bei Ewald ja auch. Ein anderes Beispiel ist das »Schieß-doch-Bulle«-T-Shirt. (Lacht.)
 
Hat sich Fabian Boll jemals dazu geäußert?
Björn Beton: Weiß ich nicht. Aber als ich es gesehen habe, da dachte ich: »Boah, das ist aber schon ein ganz schöner Klopper.« Es gibt hier zwar Helden, aber es gibt hier auch genau so viele Witze über Helden.
König Boris: Genauso wird Holger Stanislawski verehrt, aber man kann auch Witze darüber machen, dass er jetzt einen Supermarkt hat.
 
Oke Göttlich, welche St.Pauli-Spielergeneration verehren Sie?
Oke Göttlich: Ich finde es geil, was die Kollegen von Boll bis Ebbers damals in der Dritten Liga gemacht haben, die Pokalserie, der Einzug ins Halbfinale, später dann der Aufstieg in die Bundesliga. Das ist auch die Zeit, die ich sehr intensiv wahrgenommen habe. Aber ich weiß natürlich, dass auch die Generation um André Golke, Dirk Zander und Volker Ippig Großartiges geleistet hat. Ich stelle mir oft die Frage: Wie weit darf Heldenverehrung gehen? Und bin auch realistisch, dass es heutzutage sehr schwer ist, so etwas noch einmal nachzubauen. So etwas muss sich entwickeln, und man darf nachfolgende Teams mit dieser fantastischen Romantik nicht überladen.


»Der Verein hat ein Role-Model geschaffen«
(Oke Göttlich, König Boris und Dokter Renz, Foto: Yannik Willing)
 
Der kaufmännische Geschäftsleiter Andreas Rettig sagte, das Besondere beim FC St. Pauli sei, dass der Klub für viele im Viertel eine Heimat sei. Nehmen Sie den Klub auch so wahr?
Björn Beton: Ja. Wobei es auch schwierig zu beurteilen ist, weil ich keinen Klub so gut kenne wie diesen. Daher kann ich das nicht vergleichen, ob das Fans von anderen Vereinen vielleicht auch so geht. Tatsächlich ist aber St. Pauli für mich mehr als ein berühmter Fußballverein.
König Boris: Es schwebt ja oft die Unterstellung mit, dass der FC St. Pauli nur gut vermarktet wird und es in Wirklichkeit keine großen Unterschiede zu anderen Vereinen gibt. Ich glaube aber schon, dass der Verein eine andere Art von Heimat bietet. Eine Heimat, die über das Stadion und den Verein – also das, was nach außen strahlt – hinaus geht.
Oke Göttlich: Interessant, dass du das sagst. Ich habe dazu immer zwei Gedanken. Der erste ist: Der FC St. Pauli mitsamt seinem Stadion ist je nach Sichtweise ein kleiner oder ein großer Teil des Viertels. Das liegt daran, dass es so viele Sympathisanten drum herum gibt. Leute aus Hummelsbüttel, Harburg oder Winterhude (Hamburger Stadtteile, d. Red.), die finden, dass wir die Werte von St. Pauli hochhalten müssen.
 
Und der zweite?
Oke Göttlich: Der Verein hat in den letzten Jahren auch mit dem Stadionbau, an dem sich auch viele Fans beteiligt haben, ein Role-Model geschaffen hat – und zwar in einem durch und durch gentrifizierendem Moment. Hier fand ein fantastisches Bürger- und Partizipationsverfahren statt. Es wurde jedenfalls nicht einfach ein Investorentraum verwirklicht, sondern vielmehr ein St.Pauli-Code entwickelt. Ein Verfahren, welches sich auch in anderen Teilen St. Paulis so fortgeführt hat. Zum Beispiel bei den Esso-Häusern. Schon daran merkt man, wie sich beides gegenseitig befruchtet: Stadtteil und Verein.
 
Es gibt keinen anderen Fußballverein, der auf Musikfestivals mit einem Laster vorfährt und Trikots und Shirts verkaufen kann. Wie bewerten Sie den Balanceakt zwischen Kommerz und Faninteressen?
Björn Beton: Es ist nicht leicht, den Spagat zwischen diesen Welten zu schaffen. Die Herausforderung haben wir als Band aber auch – wir wollen auch nicht unsere Seelen verkaufen. Manchmal stelle ich auch Band und Klub nebeneinander. Ich überlege dann, wie sich der FC St. Pauli im Vergleich zu Fettes Brot verhält. Wo sind die Grenzen? Es gab in der Vergangenheit ein paar Dinge, die auch mir gegen den Strich gingen – zumindest wenn der Verein sie durchgesetzt hätte.
König Boris: Der berühmte Millerntaler.
Björn Beton: Zum Beispiel.
Dokter Renz: Das Entscheidende ist, dass es nichts gibt, das für ewig gilt. Das merken wir bei unseren eigenen Entscheidungsprozessen. Man muss eigentlich alle paar Jahre das gleiche Thema neu diskutieren, weil sich bestimmte Koordinaten verschoben haben. Will man etwa weiter an alten Traditionen festhalten, an der alten Schule festhalten, oder muss man noch mal über bestimmte Entwicklungen nachdenken? Da geht es dem FC St. Pauli ähnlich. Die Frage lautet immerfort: Was ist die Essenz unseres Vereins? Wie können wir im Profifußball mithalten, ohne unsere Identität zu riskieren?
 
Was wäre das zum Beispiel?
Oke Göttlich: Schauen Sie sich nur die aktuelle Diskussion an. Einerseits werden wir öffentlich gelobt, weil wir uns der »Wir-helfen«-Aktion der »Bild« verweigert haben. Auf der anderen Seite haben wir im Sommer Kritik der Basis und von außen aufgrund einer Kooperation im Bereich Lizenzierung mit einer RTL-Tochter bekommen.
 
Warum haben Sie den Deal gemacht?
Oke Göttlich: Wir können seit Anfang des Jahres selbst Produkte lizenzieren, und dafür haben wir uns einen Partner gesucht, der uns dieses Geschäft erklärt. Denn wir sind bei St. Pauli nicht so gestrickt, dass wir meinen, immer alles zu können und zu wissen. Einige Leute werfen uns jetzt Bigotterie vor. Nach dem Motto: »Bild« ablehnen, aber mit RTL Lizenzverträge aushandeln. Das greift aber zu kurz.
 
Inwiefern?
Oke Göttlich: Einerseits lehnen wir die »Bild« nicht gänzlich ab. Sie gehört zur Entertainmentfußballmaschine dazu. Wir arbeiten auf operativem Level ganz normal mit der Zeitung zusammen, wir fanden aber die Flüchtlingsaktion nicht gut und haben auch erklärt, warum wir sie ablehnen. Die eingegangene Kooperation mit einer RTL-Tochter ist für uns ein wichtiger Baustein, um als Klub unabhängiger zu werden. Aber natürlich geschieht hier alles unter der Prämisse der Einhaltung unserer Leitlinien, um die besten Partner zu finden.
König Boris: Was habt ihr denen denn verkauft?
Oke Göttlich: Es geht um Lizenzprodukte. Beispiel: eine Gibson-Gitarre mit einem Totenkopf drauf. Allerdings haben wir die Freiheit alles abzusagen, was uns von der RTL-Tochter vorgeschlagen wird.

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